Zukunft dank Tourismus

Von der Straße ins Luxushotel

Das Hilfsprojekt von MISEREOR in Ho Chi Minh, Vietnam

Show | Weihnachts-Hits - Das Hilfsprojekt von "MISEREOR" in Ho Chi Minh, Vietnam

Die Kontraste könnten nicht größer sein: Im Süden des Landes, Ho Chi Minh Stadt, das leuchtende Symbol für Wohlstand, jenseits der neuen Glitzerwelt gibt es kaum Hofffnung auf eine bessere Zukunft.

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In einer Koch- und Gastronomiefachschule lernen benachteiligte Jugendliche in Vietnams Metropole Saigon das Hotelgewerbe und haben nach einer dreijährigen Ausbildung mit einem deutschen IHK-Abschluss eine sichere Zukunft. 22 Stockwerke hoch überragt der Glaspalast an der Ton Duc Thang Straße das Ufer des Saigon River im Distrikt eins von Ho Chi Minh City: Seit knapp einem Jahr steht hier das Le Meridien, eines der modernsten Fünf-Sterne- Hotels in der Vietnamesischen Millionenmetropole. Hier arbeitet auch Le Vo Kim Thu. Die 19-Jährige befindet sich im zweiten Ausbildungsjahr an der Gastronomiefachschule Mai Sen. Neben der schulischen und praktischen Ausbildung lernt sie im laufenden Betrieb des Fünf-Sterne-Hotels, ihre Fähigkeiten als Kellnerin anzuwenden - und bekommt die Möglichkeit, erste Kontakte zu einem potentiell künftigen Arbeitgeber zu schließen.

Jugendliche einer Koch- und Gastronomiefachschule in Saigon
Jugendliche einer Koch- und Gastronomiefachschule in Saigon Quelle: MISEREOR

Ihre Eltern hätten ihr die duale Ausbildung, die mit einem deutschen IHK-Abschluss beendet wird, nicht ermöglichen können. Vater Le Trung Tam leidet an einer Herzkrankheit, die es ihm nur selten erlaubt, arbeiten zu gehen. Mutter Vo Thi Thanh hat Rheuma. Die teuren Medikamente verschlingen die geringen Einkünfte, die sie als Näherin von Putzlappen verdient. Auch die Miete für ihre Einraumwohnung, in der alle Familienmitglieder auf dem Boden schlafen, will verdient sein. Wenn Le Vo Kim Thu im nächsten Jahr ihre Ausbildung abschließt, wird sie hundertprozentig eine Stelle in einem der besten Hotels der Stadt bekommen.

Le Vo Kim Thu mit ihren Eltern
Le Vo Kim Thu mit ihren Eltern Quelle: MISEREOR

"In den nächsten Jahren werden sicher über tausend Stellen im Gastronomiebereich geschaffen. Und wir reden hier nur über die Spitzengastronomie und die Fünf- und Sechs-Sterne-Hotels", weiß Francis Van Hoi, Gründer und Leiter der Gastronomiefachschule Mai Sen im Distrikt Binh Thanh in Ho Chi Minh City. "Unsere Auszubildenden mit einem deutschen Abschluss werden mit Kusshand genommen und verdienen deutlich mehr als die Angestellten ohne Abschluss."

Nachfrage nach qualifiziertem Personal wächst

In Ho Chi Minh City, ehemals Saigon, der Metropole im Süden von Vietnam, ist es an allen Ecken zu sehen und zu spüren: der südostasiatische Staat unternimmt Anstrengungen, bis 2020 wirtschaftlich zu einer Industrienation aufzusteigen. Um dies zu erreichen, spielt die professionelle Berufsausbildung eine zentrale Rolle. Um auf den lokalen und internationalen Märkten konkurrenzfähig zu werden und zu bleiben, steigt die Nachfrage nach qualifiziertem Personal in allen Wirtschaftsbereichen kontinuierlich an. Bislang haben nur rund 27 Prozent der in der Wirtschaft angestellten Personen eine fachspezifische Qualifikation und nur etwa 15 Prozent verfügen über eine formelle Berufsausbildung. Bis zum Jahr 2020 soll der Anteil der qualifizierten Arbeitskräfte bis auf 55 Prozent ansteigen.

In den vergangenen Jahren hat sich der Tourismus in Vietnam zu einem der wichtigsten Wirtschaftssektoren des Landes entwickelt. Im Jahr 2015 haben fast acht Millionen Touristen Vietnam besucht. Die Tendenz ist weiter steigend. Höherklassige Hotels, Luxus Resorts und internationale Restaurants werden fast ausschließlich durch ausländische Unternehmen geführt. Neben eigenem, spezialisiertem, ausländischem Personal besteht ein großer Bedarf an Servicepersonal im Hotel- und Restaurantbereich inklusive der Küche. Die Anzahl der Hotels, Resorts, Restaurants und Bars in Vietnam wird mit den Geschäfts- und Urlaubstouristen in den kommenden Jahren weiter steigen. Zudem sind die Einkommensperspektiven ausgesprochen gut. Eine professionelle und freundliche Servicekraft im Restaurantbereich kann bis zu 500 US-Dollar pro Monat verdienen, was in etwa dem Doppelten eines Fabrikarbeiters entspricht.

Trotzdem sind in Vietnam Einrichtungen, die Fachpersonal im Gastgewerbe professionell ausbilden, bislang sehr selten. Vorwiegend werden drei-, sechs- oder zwölfmonatige Kurse angeboten, die häufig sehr teuer für die Auszubildenden sind. Die Koch- und Gastronomiefachschule Mai Sen richtet sich daher an Jugendliche aus sozial benachteiligten städtischen Arbeiterfamilien; Familien, deren Land zwangsenteignet wurde oder Familien, die sich eine Schul- und Berufsausbildung nicht leisten können.

Pappkartons und Plastikplane

Die Brüder Tran Van Thanh und Tran Van Tai gehören sicher zur Zielgruppe des Projekts, das von MISEREOR seit zwei Jahren unterstützt wird. "Über den Kontakt zu einer katholischen Ordensschwester haben wir die Jungs direkt von der Straße geholt und in den laufenden Jahrgang der Ausbildung zum Koch aufgenommen", erklärt Francis Van Hoi. Mitten im Stadtzentrum von Ho Chi Minh City, zwischen vorübereilenden europäischen Touristen und dem chaotischen Verkehr steht er neben der Mutter seiner beiden neuen Schüler.

Die Brüder Tran mit ihrer Mutter im Stadtzentrum von Ho Chi Minh City
Die Brüder Tran mit ihrer Mutter im Stadtzentrum von Ho Chi Minh City Quelle: MISEREOR

Nguyen Thi Mai verdient ihr Geld auf der Straße als Müllsammlerin. Das Hab und Gut der 55-Jährigen befindet sich auf einem abgenutzten Transportfahrrad. Vorn hängt ein Plastiksack für den Müll. Dahinter hat sie Pappkartons geladen und eine Plastikplane: Ihre Matratze und ihr "Dach über dem Kopf". „Immer, wenn die Polizei vorbeikommt, verschwindet sie hinter der nächsten Ecke, weil die Müllsammler auf der Straße nicht gerne gesehen und deshalb vertrieben werden. Sich waschen und auf die Toilette gehen kann sie in der Nähe bei einer armen Familie, die für wenig Geld ihren Waschplatz vermietet“, so Van Hoi. Ihre 18- und 19-jährigen Söhne haben durch die Ausbildung in der Gastronomiefachschule jetzt die Chance ihres Lebens. Auf der Straße müssen sie bereits nicht mehr schlafen: Sie übernachten mit den anderen Auszubildenden im engen Schlafsaal der Schule. Nach dem Abschluss kann sicher auch ihre Mutter endlich unter menschenwürdigen Bedingungen leben.

72 Jugendliche erhalten zurzeit das Privileg einer Ausbildung im Mai Sen. Neben der Schulausbildung und Englisch lernen sie alle praktischen Tätigkeiten für den Gastronomieberuf. Anwenden können sie das Erlernte von der ersten Stunde an im angeschlossenen Mai Sen Bistro. "Manchmal dauert es schon etwas länger bei uns als in anderen Restaurants, aber unsere Gäste wissen, dass wir ein Ausbildungsbetrieb sind und haben Verständnis", so Francis Van Hoi.

Erster Vietnamese in Bayern

Francis Van Hoi wurde in Nordvietnam geboren. 1954, unmittelbar nach der Teilung des Landes, übersiedelte er zusammen mit seiner Familie nach Südvietnam und bekam dort später Krieg und Agent-Orange-Einsätze hautnah mit. 1976 entschloss er sich wegen der aufkommenden Repressalien durch die kommunistische Herrschaft und der Verschlechterung der Lebensbedingungen zur Flucht. In Thailand beantragte er Asyl in Deutschland. Nach neun Monaten Wartezeit in Thailand erhielt Van Hoi Ende 1976 die Einreiseerlaubnis nach Deutschland und war damit amtlich belegt der erste Vietnamese, der in Bayern eine - letztendlich dauerhafte - Aufnahme fand.

Als einige Jahre später mehr und mehr vietnamesische Flüchtlinge (Boat-People) nach Deutschland kamen, organisierte Van Hoi im Auftrag des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes die Betreuung und Eingliederung seiner Landsleute in München. Über eine Ausbildung zum Koch und Gastronomen und Anstellungen als Sous-Chef und Betriebsleiter führten seine Wege schließlich 1989 in die Selbständigkeit. Van Hoi machte sich - wiederum als einer der ersten Vietnamesen - mit dem Import und Export asiatischer Lebensmittel selbstständig und eröffnete eine Reihe von Asia- Lebensmittel- Läden in München. Da Francis Van Hoi in seiner Kindheit und Jugend 12 Jahre lange eine Ordensschule der Salesianer Don Boscos besuchte – und beinahe Ordensbruder geworden wäre – ist er mit dem Orden in Vietnam nach wie vor eng verbunden. Angeregt durch deren Berichte, gründete der verheiratete Vater von drei erwachsenen Kindern 1995 mit eigenen Mitteln ein Berufsbildungszentrum für Jugendliche in Südvietnam, das heute auf mehr als 100 erfolgreiche Absolventen zurückblicken kann.

Aber noch immer hat er Pläne: „Wir wollen in nächster Zeit vor allem die Ausbildung der Mädchen fördern, deren Schul- und Berufsausbildung vor allem auf dem Land immer noch von vielen Familien vernachlässigt wird. Als Zimmermädchen in den Fünf-Sterne-Hotels hätten sie gute Chancen, ihren Lebensunterhalt selber zu verdienen und auf eigenen Füßen zu stehen“, so Van Hoi.

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