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Die Lehren von Wembley

Sport - Die Lehren von Wembley

Das Wembley-Tor wird 50 Jahre alt. Jochen Breyer spricht im Deutschen Fußball-Museum in Dortmund mit Hans Tilkowski, Wolfgang Weber und Wolfgang Overath über dieses legendäre Stück Sportgeschichte.

Beitragslänge:
8 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 28.07.2017, 07:00

Das aktuelle sportstudio ist auf Zeitreise gegangen und erinnert an das Finale der Fußball-WM 1966, das am 30. Juli 50. Geburtstag gefeiert hat. Ralf Lorenzen hat das Spiel als Achtjähriger in der Gaststätte seiner Oma erlebt und lernte damals in fünfzehn Sekunden schon fast alles, was man über Fußball wissen muss.

Das bis dahin größte Fußballspiel meines Lebens hatte ich nicht live verfolgen können: Borussia Dortmunds 2:1-Sieg gegen den FC Liverpool im Finale des Europapokals der Pokalsieger lief im Radio - aber leider einfach viel zu spät für einen Achtjährigen.

Doch knapp drei Wochen später sollte ich meine Helden Hans Tilkowski, Sigfried Held und Lothar Emmerich, die ich bisher nur aus dem Aral-Sammelheft kannte, endlich live erleben. Und dann sogar im Fernsehen - in der Gaststätte meiner Oma Henny an der dänischen Grenze.

Wembley in der Kleinen Stube

Henny gehörte zu denjenigen im Dorf, die schon einen Fernseher hatten - allerdings stand das Gerät nicht in der Gaststube ihrer Dorfschänke, sondern in der kleinen Stube nebenan. Dorthin ließ sie die Gäste sonst meist im Winter, wenn sie den großen Raum nicht heizen wollte. Jetzt war zwar Hochsommer, aber das Schwarz-Weiß-Gerät wohl zu schwer für einen Umzug. So versammelte sich das halbe Dorf am Samstag, den 30. Juli 1966, um 15 Uhr eben auf 15 Quadratmetern zum ersten Public Viewing der Dorfgeschichte.

Neben meiner Familie waren die Nachbarn da, einige Knechte der benachbarten Höfe, vielleicht auch ein paar Bauern selbst, wahrscheinlich Heini Kieker, der Fleischbeschauer und Stammgast, auf jeden Fall war Helmut Hansen da, der Milchwagenfahrer des Dorfes. Er wird für mich an diesem Nachmittag noch eine Rolle spielen.

Schneidende Luft

Die Luft im überfüllten Raum muss schneidend gewesen sein, Rauchen war zumindest für die Männer eine Selbstverständlichkeit. Der eine oder andere Korn war trotz der frühen Stunde wohl auch schon im Spiel. Für den Nachschub aus dem Kühlschrank in der Küche war ich zuständig. Deshalb weiß ich leider nicht mehr so genau, ob ich das 1:0 durch Helmut Haller überhaupt mitbekommen habe.

Der Jubel war auf jeden Fall groß, England galt als Favorit. Die Stimmen, die zur Vorsicht mahnten, blieben trotzdem in der Überzahl. Dass eine Führung im WM-Finale nicht viel bedeutet, wussten viele noch von 1954, als Ungarn ja sogar schon mit zwei Toren vorne lag. Sie sollten schnell Recht behalten, denn der Ausgleich durch Geoff Hurst, der auch noch eine Rolle spielen wird, fiel postwendend.

Das Bein an der richtigen Stelle

Die Stimmung bleibt bis in die Schlussphase gespannt, nur ich verlasse den Raum hin und wieder Richtung Kühlschrank. Nach dem 2:1 durch Martin Peters in der 78. Minute, lassen die ersten Zuschauer in der kleinen Stube allerdings die Köpfe hängen. "Dat wart nix mehr", höre ich Helmut Hansen noch sagen, bevor er drei Minuten vor dem Abpfiff die Rechnung bezahlt und die Schänke verlässt.

In dem Augenblick glaube auch ich nicht mehr an eine Wende, wenn selbst ein Experte wie Hansen schon aufgegeben hat. Doch mein großer Einsatz kommt noch. Als Wolfgang Weber in der 90. Minute das Bein an der richtigen Stelle hat, verschwende ich keine Sekunde fürs Jubeln, sondern renne was das Zeug hält auf die Straße, erwische dort tatsächlich noch unseren Milchwagenfahrer und zerre ihn mit der frohen Botschaft zurück in die kleine Stube.

Wechselbäder im Sekundentakt

Ich glaube trotz des späteren Ergebnisses immer noch, dass das eine gute Tat war. Die fünfzehn Sekunden vom Schuss Hursts an die Unterkante der Latte in der 101. Minute bis zur Armbewegung von Schiedsrichter Gottfried Dienst Richtung Mitte, eingefangen von drei Kameraeinstellungen und vierzehn Reporter-Worten, besitzen auch 50 Jahre später mehr erzählerische Substanz als manches Turnier mit über 50 Spielen.

Erst das Erschrecken des Reporters Rudi Michel ("Hei"), gefolgt vom beruhigenden "Nicht im Tor", das die Jubelbewegungen der Engländer als plumpen Beeinflussungsversuch entlarvt, die einsetzende Angst beim Gang von Dienst zum Linienrichter ("Oder doch?"), die böse Vorahnung beim Anblick des grimmigen Gesichtes mit dem mächtigen Schnurrbart ("Was sagt der Linienrichter?") und schließlich die nun wirklich jubelnden Engländer ("Tor") - mehr Wechselbäder innerhalb von drei Wimpernschlägen gehen nicht.

Kalter Krieg und Entspannungspolitik

Dann sagt Michel die drei Worte, die für uns in der kleinen Stube das Unfassbare erklären: "Bachramow aus der UDSSR". Es ist noch kalter Krieg, und wir fühlen uns in diesem Moment mitten drin. Die fairen Glückwünsche der deutschen Mannschaft und das Bewusstsein, einen besonderen Moment erlebt zu haben, lassen wenig später auch in der kleinen Stube wieder Entspannung einziehen.

Für einen Knirps wie mich war dieses Spiel genau der richtige Einstieg ins Leben als Fußball-Liebhaber. Die 15 Sekunden nach dem Wembley-Tor enthielten alles, was der Fußball einen lehren kann: Gib nicht auf! Es gibt keine höhere Gerechtigkeit! Und Fairness ist wichtiger als der Sieg.

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