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Blinder Fußballer gewinnt das Torwandschießen

Mulgheta Russom rockt die sportstudio-Torwand

Sport - Blinder Fußballer gewinnt das Torwandschießen

Blindenfußball-Nationalspieler Mulgheta Russom fordert Eishockey-Nationalspieler Leon Draisaitl an der sportstudio-Torwand heraus - und gewinnt!

Beitragslänge:
7 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 24.04.2017, 19:00

Mulgheta Russom lacht. "Sechs Treffer, das wäre ein Traum." Doch allein wegen des Torwandschießens fährt er nicht zum ZDF. Der Blindenfußballer kommt mit einer besonderen Botschaft ins aktuelle sportstudio.

Sechs Treffer, die sind Mulgheta Russom zuzutrauen. Das wäre der Rekord. Nicht mal Günter Netzer und Rudi Völler (beide je fünf Treffer) haben das hinbekommen, und die können sehen.

Russom ist seit 17 Jahren  blind - nach einem Autounfall, der ihm fast das Leben kostete. Drei Mal musste Russom reanimiert werden. Eine Infektion raubte ihm schließlich das Augenlicht. Seitdem sind Sonnenbrille und eine besondere Lebensfreude das Markenzeichen des 37 Jahre alten gebürtigen Eritreers.

"Fußball hat mir neue Stärke und Selbstvertrauen gegeben", sagt er. Leicht war das vor allem am Anfang nicht.

"Wenn Du aufgibst, war es das"

Heute ist Russom, Abwehrchef des Blindenfußball-Teams im MTV Stuttgart, nicht nur so etwas wie der Star der Blindenfußballer, er hat sich im zivilen Leben seinen Platz erkämpft und eine Ausbildung zum Fitnesstrainer abgeschlossen. "Wenn Du aufgibst, war es das", sagt er. Die Lebens-Philosophie, die er entwickelt hat, lautet: "Ich hab mir gesagt, das kann nicht alles gewesen sein."

Team um Mulgheta Russom bejubelt den Gewinn der Deutschen Blindenfußball Meisterschaft
Mai 2014: Der MTV Stuttgart wird Deutscher Meister, Russom mit der Schale. Quelle: imago

Russom braucht kein Mitleid, er ist zum Vorbild geworden, auch für Sehende. Die haben oft Probleme, im Umgang mit Blinden. "Ich habe die Stärke, das weiter zu vermitteln. Ich bin offen und öffne vielen, den Weg zu blinden Menschen", sagt er. Seine Positive Art hat sich herumgesprochen. Schulen und Firmen buchen ihn als Motivationsredner, Nackenverspannte als Masseur, auch das kann er. Bei den Vorträgen zeigt er seinen Dokumentarfilm: "Mulghetas blindes Selbstvertrauen".

Der Schluss des Films gefällt ihm besonders gut. Ein Junge traut sich nicht vom Einmeterbrett zu springen. Mulgheta Russom klettert aus dem Becken, tastet sich bis zum vorderen Rand des Sprungbretts und taucht mit einem „Köpfer“ ins Wasser. Sein Sprung zurück ins Leben.

Geräusche weisen den Weg

Bleibt die Frage, wie in aller Welt weiß er vor der Torwand, wo er hinschießen muss? Sein Trainer wird rechts unten und links oben, an den Stellen, wo das Runde ins Runde soll, Geräusche machen, die für ihn wie ein Navigationsgerät wirken. Der Rest spielt sich in seinem Kopf ab.

Eine Mischung aus Vorstellungskraft, Konzentration und Bewegungsgeschick.

Auf dem 20 mal 40 Meter großen Spielfeld ist die Sache etwas komplizierter. Nur der Torwart ist ein Sehender. Alle anderen tragen Masken (es gibt verschiedene Blindheitsgrade). Im Ball stecken sechs Rasseln, die über Geräusche verraten, wo sich der Ball befindet.

Auf Zuruf

Das Spielfeld ist in drei Ruf-Zonen für die sogenannten Guides eingeteilt, die von außen Anweisungen für die Spieler rufen dürfen. Dazu gibt es den "Tor-Guide", der zum Beispiel bei Sechs- oder Acht-Metern (Elfmeter der Blindenfußball) aus dem linken und rechten Eck "rechts" und "links" rufen. Dann muss der Schütze seine Koordinaten selbst ordnen. Vier Sekunden lang, dann muss er schießen.

Wenn ein Gegenspieler den Ballführenden angreift, muss er das mit dem Ruf "voi" (Spanisch für "ich komme") ankündigen. Damit Anweisungen von Guides und Spielern verstanden, werden sollten die Zuschauer leise sein.

Fast zwei Stunden hat uns Mulgheta Russom von seiner Liebe zum Fußball und zum Leben erzählt. "Fußball und Sport hilft uns allen", sagt er. Trotzdem wünscht er sich mehr Unterstützung für behinderte Sportler. "Da hat Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern noch einiges aufzuholen."

Jetzt hat es Mulgheta Russom aber eilig. Ein Termin beim Physiotherapeuten. "Kannst Du mich mitnehmen?", fragt er. "Na klar - nur noch schnell den Beifahrersitz aufräumen." Er lacht und antwortet: "Ich hab nichts gesehen."

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