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Degenkolb: "Aufhören war nie ein Thema"

Sport - Degenkolb: "Aufhören war nie ein Thema"

Im Talk mit Jochen Breyer spricht Radprofi John Degenkolb über seinen schweren Trainingsunfall im Januar, bei dem er fast seinen Zeigefinger verlor. Zudem gibt er Einblick in seine Comeback-Pläne.

Beitragslänge:
25 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 07.04.2017, 08:00

Als Titelverteidiger wollte er beim Frühjahrsklassiker Paris - Roubaix antreten. Doch nach einem Trainingsunfall vor elf Wochen kämpft Radprofi John Degenkolb immer noch mit den Folgen. Als Gast im "aktuellen sportstudio" spricht er über diesen schweren Unfall, bei dem er fast seinen Zeigefinger verlor. Zudem gibt er Einblick in seine Comeback-Pläne.

von Felix Mattis

Die Startnummer 1 wäre für Titelverteidiger John Degenkolb eine Ehre gewesen beim Klassiker Paris-Roubaix. Doch ein schwerer Trainingsunfall mit einem Auto verhindert das.

Wohnzimmer statt Paterberg, Jeans und Pullover statt aerodynamischem Lycra-Einteiler: John Degenkolb fand sich am Sonntag in einer ungewohnt komfortablen, aber auch ungeliebten Position wieder. Der 27-Jährige sah die Flandern-Rundfahrt, eines seiner absoluten Lieblingsrennen, zuhause vor dem Fernseher anstatt auf dem Rad durch die Rennbrille.

Frontalunfall mit einem Auto

"Ich muss zugeben: Es ist schrecklich. Ich hätte es geliebt, dort zu fahren", ließ er die Welt auf Twitter wissen. Schon im März bei Mailand-San Remo war das so, und auch am kommenden Sonntag, wenn er eigentlich zwischen Paris und Roubaix auf den berüchtigten Kopfsteinpflasterstraßen Nordfrankreichs seinen Titel hätte verteidigen wollen, ist "Dege" an die Couch gefesselt.

Am 23. Januar nämlich hat eine 73-jährige Britin einen Strich durch seine gesamte Saisonplanung gemacht. Sie fuhr in der spanischen Provinz Alicante zwischen Benigembla und Parcent mit ihrem Auto auf der falschen Straßenseite und nach einer Kurve frontal in Degenkolbs Trainingsgruppe vom Team Giant-Alpecin hinein. Wie durch ein Wunder verletzte sich keiner der sechs Profis lebensgefährlich, lebensverändernd war der Unfall dennoch.

Der Zeigefinger ist das größte Problem

Schnittwunden am Oberschenkel und der Lippe, ein Unterarmbruch und um ein Haar der Verlust des linken Zeigefingers, so die Bilanz des gerade nach Oberursel gezogenen 27-Jährigen. Die Fingerkuppe hing "nur noch am letzten Zipfel", so Degenkolb, und das völlig zertrümmerte zweite Fingerglied wurde mit Hüftknochen stabilisiert. Auch die Amputation des Fingers war zeitweise Thema. "Als Sportler war er am Boden, die Vorbereitung war dahin. Aber er hat schnell erkannt, dass er froh sein kann, zu leben und nicht im Rollstuhl zu sitzen", erinnert sich Manager Jörg Werner.

Degenkolb selbst erklärte 52 Tage nach dem Unfall: "Ich habe es mental gut verkraftet, weil ich von Anfang an viel darüber sprach." Sauer auf die Unfallverursacherin sei er nicht. "Sie hat es ja nicht mit Absicht getan." Seit dem 16. März ist Degenkolb wieder mit dem Rad auf der Straße unterwegs und verfolgt nun Saisonziel Nummer zwei: Die Tour de France. Bis Juli will er zu alter Stärke finden und endlich seine erste Tour-Etappe gewinnen.

Comeback beim Heimrennen am 1. Mai?

"Er ist schon immer ein sehr ehrgeiziger Mensch", erklärt Werner. "Das kommt ihm jetzt zugute, weil er sich schnell zurückkämpfen will." Der gelernte Polizeimeister Degenkolb, der im Januar 2015 Vater wurde, trainiert inzwischen wieder drei bis vier Stunden am Tag auf dem Rad. Schlaglöcher versucht er zu umschiffen, aber seinen Hausberg, den Feldberg am Taunus, hat er schon wieder bezwungen - samt Abfahrt, trotz geschientem Zeige- und somit Bremsfinger. "Außerdem hat er jeden Tag drei bis vier Stunden Reha - das ist ein volleres Tagesprogramm als wenn er gesund ist", erzählt Werner.

Am 1. Mai will Degenkolb den Feldberg im Rahmen des Frankfurter Klassikers Rund um den Finanzplatz Eschborn-Frankfurt in Renntempo bezwingen - bei seinem Comeback. "Es wäre ein Riesenerfolg, wenn ich in der Lage wäre, dort zu starten und das Rennen zu beenden", so Degenkolb.

Härteste Zeit seiner Karriere

Die Willensstärke, die ihn im vergangenen Jahr zum historischen Double bei Mailand-San Remo und Paris-Roubaix trug, sie bringt ihn nun auch durch die härteste Zeit seiner Karriere. "Er hat sich kaum verändert, ist ganz der Alte", betont Werner. "Man merkt auch nicht, dass er im Bezug auf seine Sicherheit auf dem Rad ins Grübeln käme. Er bleibt unbeschwert wie er immer war."

Drei Tage vor dem Unfall in Spanien war Degenkolb in Roubaix. Er brachte in den berühmten Duschen des Velodroms sein Namensschild an - wie viele, viele Sieger vor ihm. Der Weg, dorthin zurückzukehren und das irgendwann noch einmal tun zu dürfen, ist deutlich weiter als die 494 Autobahnkilometer von Oberursel nach Roubaix. Doch wenn Degenkolb am Samstag im "aktuellen sportstudio" in Mainz zu Gast ist, hat er die ersten Meter geschafft.

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