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Sandro Wagner: "Wollte Lanze brechen für die Kollegen"

Sport - Sandro Wagner: "Wollte Lanze brechen für die Kollegen"

Im aktuellen sportstudio spricht Sandro Wagner mit Jochen Breyer über seine umstrittene Aussage, dass Fußballprofis zu wenig verdienen, die bisherige Saison bei Darmstadt 98 und seine Zukunftspläne.

Beitragslänge:
18 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 23.04.2017, 23:00

Sind die Gehälter von Fußballprofis angemessen oder gar zu niedrig? Im aktuellen sportstudio spricht Darmstadts Torjäger Sandro Wagner mit Jochen Breyer über seine umstrittenen Aussagen, die bisherige Saison mit den Lilien und seine eigenen Zukunftspläne.

Sandro Wagners Darmstädter Festspiele

Mit Özil, Boateng und Co. wurde Sandro Wagner einst U-21-Europameister, schnürte sogar einen Doppelpack im Finale gegen England - danach folgte ein Flop auf den nächsten. Bei den Darmstädter Lilien blüht der mittlerweile 28-Jährige jetzt richtig auf.

von Claudio Palmieri

Konstantin Rausch zu Sandro Wagner, Wagner zurück zu Rausch - das 1:0 für Darmstadt im Heimspiel gegen Mitaufsteiger FC Ingolstadt am vergangenen Samstag bereitete er mit vor. Den Treffer zum 2:0-Endstand in der 85. Minute erzielte Wagner dann selbst.

Eine Woche zuvor: Steilpass Wagner, Abschluss Jérôme Gondorf - das 2:0 für die Südhessen im Kellerduell beim Hamburger SV (Endstand 2:1). Es sind nur zwei Beispiele, die von der bemerkenswerten Entwicklung eines Mannes zeugen, der den Ruf der Lilien als Auffangbecken der anderswo Gescheiterten auf ein neues Level hebt.

Tor-Bilanz unterschlagen

Das Wort "Tor" kam in der Pressemitteilung der Lilien zu Wagners Verpflichtung eine Woche vor Saisonstart nur ein Mal vor. "Bei der U21-EM 2009 kam Wagner zu drei Einsätzen und hatte mit zwei Toren im Finale gegen England großen Anteil am Turniersieg der deutschen Auswahl", hieß es darin. Bei der Aufzählung seiner Stationen beließ man es bei Jahreszahlen und Einsätzen.

Ein Zufall? Eher nein. Zwölf Treffer in 85 Bundesliga-Spielen und 17 Tore bei 67 Zweitliga-Einsätzen versprachen wahrlich keinen Kracher in einem Angriff, in dem die Alternativen Dominik Stroh-Engel und Marco "Toni" Sailer heißen.

Königstransfer

Mittlerweile hat sich Wagner aber als Königstransfer entpuppt. 13 Treffer in 29 Spielen für Darmstadt bessern nicht nur die bis dato klägliche Ausbeute des 1,94 Meter großen Stürmers auf. Sie machen den früheren Bayern-Jugendspieler auch zum zweitbesten deutschen Torschützen nach Thomas Müller (19 Tore) - und bringen den Lilien sehr wahrscheinlich den ersten Bundesliga-Klassenerhalt ihrer Geschichte ein.

Als Elfter mit 35 Punkten steht das Team von Dirk Schuster vier Spieltage vor Saisonende dicht vor dem Ziel: Werder Bremen (31 Punkte) und Hessenrivale Eintracht Frankfurt (27) auf den Plätzen 16 und 17 sind fast distanziert.

„Ich brauchte Selbstbewusstsein“

Auch dank Sandro Wagner, der seit dem 17. Spieltag an 14 von 19 Darmstädtern Treffern beteiligt war (10 Tore/4 Assists). Sein erstes Saisontor musste der 28-Jährige noch regelrecht erzwingen. Beim 2:1 gegen Bremen im September holte er einen Elfmeter heraus, trat in Absprache mit Kapitän Aytac Sulu selbst an, verwandelte - und wischte sich beim Jubeln jeglichen Frust symbolisch vom Leib.

Es war sein erster Treffer seit April 2014 - eine Befreiung. "Ich brauchte Selbstbewusstsein", erklärte Wagner, der später einen Kopfballtreffer zum Endstand nachlegte, damals.

Theatralisch - oder nicht?

Mit seiner Spielweise polarisiert Wagner bisweilen. Ein Beispiel: Beim 0:0 gegen Mainz 05 im März ließ er sich nach einem Foul von Giulio Donati theatralisch fallen, der Italiener sah Rot und wurde für drei Spiele gesperrt. "Wagner war kurzzeitig tot, dann wieder lebendig", schimpfte 05-Manager Christian Heidel.

Die Kritik perlte am Stürmer ab: "Donati hat mich zweimal getreten, er hätte zweimal Rot sehen müssen."

Anders als die anderen

Aber auch das ist Sandro Wagner: einer, der nicht um klare Worte jenseits der hinlänglich bedienten Floskeln verlegen ist. "Vieles meiner Fußball-Kollegen finde ich nur noch peinlich und zum Fremdschämen", erklärte der Münchner kürzlich im "kicker"-Interview. Vegane Food-Posts, Oberkörperfrei-Selfies aus der Kabine - das ist nicht die Welt des Mannes, der einst den Satz "Ich habe keine Hobbys, nur Fußball" prägte. Offizielle Social-Media-Kanäle oder eine Homepage hat er nicht.

Wagner weiß um seine Person. 2009 noch als U21-Europameister neben heutigen Weltgrößen wie Mesut Özil und Manuel Neuer gefeiert, enttäuschte der Stürmer in Bremen, Kaiserslautern und bei Hertha BSC auf ganzer Linie.

"Ziemlich letzte Chance"

"Darmstadt war seine ziemlich letzte Chance, um in der ersten Liga nochmal richtig Fuß zu fassen. Das haben wir ihm verdeutlicht, ihm aber auch das Vertrauen geschenkt", erklärte 98-Trainer Dirk Schuster am Sonntag bei "Sky". "Hier nimmt sich keiner wichtiger, als er ist", sagt Wagner, dessen Vertrag bis Juni 2017 läuft.

Eine Trennung zum Saisonende gilt dennoch als wahrscheinlich. Der anfangs belächelte Nulltarif hat Begehrlichkeiten geweckt, dem Klub mit dem kleinsten Bundesliga-Etat winken Einnahmen in Millionenhöhe.

Als potenzieller neuer Arbeitgeber wird neben diversen englischen Klubs der VfB Stuttgart kolportiert. "Sandro Wagner ist sicher nicht uninteressant", erklärte VfB-Coach Jürgen Kramny zuletzt in der "Stuttgarter Zeitung".

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