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Reus: "Nicht erniedrigen lassen"

Sport - Reus: "Nicht erniedrigen lassen"

Gegen die Top-Sprinter wird Julian Reus wohl nie etwas ausrichten können. Wie geht man damit um? Er versucht, Gedanken an vermeintliche Doper auszublenden: Man darf "sich nicht erniedrigen lassen".

Beitragslänge:
13 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 28.07.2017, 07:00

Julian Reus ist der schnellste deutsche Sprinter. Die Erwartungen an ihn, auch international mal für Furore zu sorgen, sind hoch. Als Gast im aktuellen sportstudio sagt er: "Der Sprint ist meine große Leidenschaft" und auch, dass man sich von der Dopingvergangenheit der Gegner nicht erniedrigen lassen dürfe.

von Susanne Rohlfing

Es gibt eine Frage, die Julian Reus wirklich auf die Nerven geht: Wann er denn die Zehn-Sekunden-Schallmauer knackt.

Die Zeit nicht das Wichtigste

"Der Sport ist viel mehr, als dass man ihn an einer Zahl festmachen könnte", sagt er dann zum Beispiel. So kürzlich geschehen im Interview mit der "FAZ". Der "Stuttgarter Zeitung" erklärte Reus: "Ich bewerte meine Karriere nicht danach, ob ich irgendwann 9,99 Sekunden laufe oder nicht."

Am Freitagabend war er jedenfalls knapp davor, die Schallmauer zu durchbrechen. In Mannheim verbesserte er seinen deutschen Rekord um zwei Hundertstel auf 10,01 Sekunden. Zudem hält der 28-Jährige vom TV Wattenscheid mit 6,52 Sekunden den nationalen Rekord über 60 Meter. Seine Hallen-Bestzeit über 200 Meter steht bei 20,55 Sekunden, nur zwei Deutsche waren jemals schneller. Das alles sind Zeiten, die er in diesem Jahr gerannt ist. Perfekte Vorzeichen also für eine Olympiasaison.

Fotofinish verloren

Aber da sind auch die Ergebnisse von der EM in Amsterdam. Auf beiden Einzelstrecken schied Reus im Halbfinale aus. Über 200 Meter in 20,83 Sekunden, über 100 Meter in 10,22 Sekunden, da war ein Fotoentscheid gegen den späteren 200-Meter-Europameister Bruno Hortelano nötig.

Seit Julian Reus bei der Deutschen Meisterschaft 2014 den 29 Jahre alten Deutschen Rekord von Frank Emmelmann von 10,06 auf 10,05 Sekunden drückte, sorgt er national regelmäßig für Furore und weckt große Hoffnungen. Aber eine Final-Teilnahme bei einem internationalen Höhepunkt ist ihm bislang nicht geglückt.

Die deutsche Sprintstaffel dagegen gewann unter seiner Führung schon so manche Medaille: Zwei Mal Silber und in diesem Jahr Bronze bei Europameisterschaften. Bei den Weltmeisterschaften 2013 und 2015 wurde das deutsche Quartett jeweils Vierter.

Biomechanische Vergleiche

Die Fortschritt der deutschen Sprinter insgesamt liege an einem seit einigen Jahren intensivierten biomechanischen Vergleich mit der internationalen Konkurrenz, an vielen Monaten Trainingslager im sonnigen Kalifornien, an einem neuen Miteinander, einem sich gegenseitig Antreiben, erklärt Idriss Gonschinska, der Cheftrainer des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV).

Aber es hagelt Kritik, wenn es bei großen Meisterschaften nicht gut läuft. Doch Reus, der sein Abitur 2007 mit der Note 1,3 bestand, lässt so etwas nicht an sich heran. Nach der EM sagte er der "FAZ": "Ich hatte vier Rennen in Amsterdam. Eins war schlecht. Drei waren gut. Ich brauche keinen inneren Abstand." Schlecht waren seiner Ansicht nach nur die 200 Meter.

Werbung für Berlin 2018

Auf seiner Facebook-Seite schreibt Reus: "Die EM in Amsterdam ist Geschichte und die nächste wird ein Heimspiel für uns deutsche Athleten in Berlin. Das Motto bis dahin: BEAT YOUR BEST!" Dazu gibt es ein Werbevideo, in dem es Reus mit einer Berliner U-Bahn aufnimmt. Einmal verliert er, einmal liegen Bahn und Mann gleichauf. So ist Reus. Ein Realist. Ein knallharter Arbeiter. Kein Träumer, der glaubt, er könnte schneller sein als die Maschine.

Dem Dopingproblem in seinem Sport und der Tatsache, dass neun der zehn schnellsten Sprinter in der Geschichte des 100-Meter-Laufs eine Dopingvergangenheit haben, begegnet er mit Sätzen wie: „Es ist doch traurig, wenn es in der Disziplin, die man mit Leidenschaft betreibt, eine solche Statistik gibt. Das ist erschreckend, hält mich aber trotzdem nicht davon ab, meine Ziele mit meinen Mitteln zu verfolgen. Trotz dieser Statistik bin ich zufrieden mit dem, was ich tue und wie ich es tue.“

Bolt kein Anreiz

Über Usain Bolt, den schnellsten Mann der Welt, mit dem er bei den Olympischen Spielen in Rio im August vielleicht wieder wie bei der WM im vergangenen Jahr in Peking im selben Vorlauf stehen wird, sagt Reus: "Ich trainiere nicht dafür, mal mit Usain Bolt in einem Lauf zu sein, sondern dafür, einmal vollkommen zufrieden zu sein mit einem Rennen. Ich hoffe natürlich, dass ich einmal, wenn alle Umstände perfekt sind, das beste Rennen meines Lebens laufen werde. Ich will wissen, wo meine Grenze ist, ich will zeigen, was möglich ist."

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