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Comeback der Causa Kaepernick

American Football | Super Bowl LIV

Clever oder zynisch? Vorm Super Bowl in Miami zwischen den Kansas City Chiefs gegen die San Francisco 49ers (Montag, 0.30 Uhr MEZ) kapert die NFL das Thema soziale Gerechtigkeit und schiebt ihren Kritiker Colin Kaepernick weiter ins Abseits.

Colin Kaepernick am 03.09.2018 in Los Angeles (USA)
Colin Kaepernick
Quelle: usa today sports

Im Wahljahr wird der Super Bowl politisch. Wenn Sonntagnacht die Kansas City Chiefs und die San Francisco 49ers den Titel im American Football ausspielen, bekommt auch Donald Trump die Bühne. Dessen Lieblingssender Fox bringt ein Interview mit dem US-Präsidenten, bevor er die 54. Ausgabe des Finales aus dem Hard-Rock-Stadium in Miami überträgt.

Dazu schiebt Trump eine zehn Millionen Dollar teure Werbung hinterher. Auch die meist unpolitische National Football League (NFL) strahlt einen Spot aus - über Polizeigewalt gegen Schwarze! Exakt jenes Thema also, mit dem der frühere 49ers-Quarterback Colin Kaepernick die NFL, Trump sowie Teile des Establishments gegen sich aufgebracht hat.

Protest gegen Polizeigewalt an Schwarzen

"Mit einem Mix aus Heuchelei und Schamlosigkeit kapern genau jene Leute die Diskussion um soziale Gerechtigkeit, die Colin Kaepernick dafür bestraft haben, durch das Hinknien bei der Nationalhymne überhaupt erst darauf aufmerksam gemacht zu haben", schreibt der "Miami Herald" leicht angewidert.

Archiv: Colin Kaepernick (M), Eli Harold (l), und Eric Reid knien während der Nationalhymne vor einem NFL-Spiel, aufgenommen am 02.10.2016 in Santa Clara (USA)
Colin Kaepernick (M, Archivbild)
Quelle: ap

In dem bewegenden Spot, der zur Prime Time in Amerikas Wohnzimmer flimmert, erzählt Wide Receiver Anquan Boldin, den Kaepernick einst mit Pässen fütterte, wie er nach einem 49ers-Spiel vom gewaltsamen Tod seines Cousins erfuhr: Corey Jones war 2015 in Palm Beach Gardens, Florida, von einem Polizisten erschossen worden - einfach so.

"#BeTheChange" - Sei der Wandel, so der Kampagnen-Hashtag. "Wir halten zusammen", twitterte die NFL zu einem zweiten Spot über den Tod des Afro-Amerikaners Botham Jean, der 2018 unter ebenso mysteriösen Umständen von einem Polizisten in Dallas, Texas getötet wurde.

Kaepernik ist die "persona non grata" der NFL

Kaepernick muss das alles schräg vorkommen. Denn trotz weltweiter Wirkung verhallte sein Protest innerhalb der Liga und hatte für ihn selbst schärfste Konsequenzen. Seit drei Jahren findet der Quarterback keinen Job mehr in der NFL, obwohl viele Klubs auf der Suche und die Talente des heute 32-Jährigen unbestritten sind: guter Wurfarm, strategischer Blick, dazu die Fähigkeit, Yards selbst zu erlaufen.

Ähnlich wie Final-Teilnehmer Patrick Mahomes von den Chiefs galt der junge Kaepernick als großes Versprechen. Zumal er die 49ers schon in seiner ersten Saison als Starter in ihren bislang letzten Super Bowl führte, der 2013 gegen Baltimore nur knapp verloren ging.

Gegenseitiges Misstrauen

Heute ist Kaepernick Persona non grata im Lieblingssport der Amerikaner, und das trägt skurrile Züge, die noch über die öffentliche Beschimpfung als "Hurensohn" durch US-Präsident Trump hinausgehen.

Dass ein von der Liga organisiertes Probetraining vor knapp zweieinhalb Monaten scheiterte, weil sich beide Parteien nur in ihrem gegenseitigen Misstrauen einig sind, lässt sich fast noch verstehen.

Weniger dagegen, dass Kaepernicks Name nachträglich aus dem Song "Big Bank" des Soundtracks von "Madden" gelöscht wurde, dem populären Konsolenspiel zum American Football. Oder: Als 49ers-Running-Back Raheem Mostert vor zwei Wochen mit 220 Yards Raumgewinn einen Playoff-Klubrekord aufstellte, wurde vom sonst so statistikverliebten Sender Fox geflissentlich unterschlagen, wen Mostert da überboten hatte: Kaepernick.

Fans der 49ers sind gespalten

Die NFL sollte aufhören so zu tun, als existiere Kaepernik gar nicht.
"Los Angeles Times"

In den irren "prop bets" zum Super Bowl LIV können die Fans nicht nur wetten, welche Farbe das Gatorade hat, mit dem der Coach des Siegers überschüttet wird oder mit welchem Song Jennifer Lopez und Shakira die Halftime Show eröffnen. Sondern auch, ob Kaepernick bei Fox überhaupt erwähnt wird. Zurzeit glaubt die Wettgemeinde nicht daran. "Die NFL sollte aufhören so zu tun, als existiere er gar nicht", fordert die "Los Angeles Times".

Das ist von der Liga aber nicht zu erwarten. Denn auch wenn sie Kaepernicks Anliegen nun nachträglich implizit würdigt, möchte sie diese schmerzhafte Kontroverse lieber selbst steuern, als sie in den Händen eines sportlichen Märtyrers zu wissen.

Schon die 49ers-Fans haben ein gespaltenes Verhältnis zu ihrem früheren Star, weil der Hymnen-Streit dem Klub letztlich nur Schwierigkeiten brachte. Kaepernick eckt ständig mit unpopulären Meinungen an. Etwa, wenn er Kubas früheren Diktator Fidel Castro lobt oder den "US-Imperialismus" gegenüber dem Iran kritisiert.

NFL spannt Jay-Z vor den Karren

Lieber lässt sich die NFL auf Akteure aus der black community ein, die flexibler reagieren und keinen Ärger machen. Wie die von Anquan Boldin mitgegründete "Players Coalition", die dank 90 Millionen Dollar Liga-Zuschuss viele tolle Projekte für soziale Gerechtigkeit unterstützt, sich aber nicht mit dem US-Präsidenten anlegt. Oder wie die Rap-Ikone Jay-Z, der einen der Spots zur Polizeigewalt produziert hat.

Der umtriebige Unternehmer ist "auf den NFL-Zug aufgesprungen, als er merkte, wie lukrativ das Thema soziale Gerechtigkeit sein kann", ätzt der "Miami Herald". Noch vor einem Jahr hatte der Superstar auch wegen Kaepernick für die Halbzeit-Show abgesagt und die NFL im Song "Apeshit" verewigt: "I said no to the Super Bowl. You need me, I don’t need you."

Nun ist der Musiker das dringend benötigte Sprachrohr einer Liga, die angesichts von über 70 Prozent schwarzer Spieler nicht darum herumkommt, sich der von Kaepernick angestoßenen Diskussion anzunehmen.

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