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Getrübte Stimmung vor den Sommerspielen

Das Maracana Stadion in Rio de Janeiro

Sport - Getrübte Stimmung vor den Sommerspielen

Naturschutz wird groß geschrieben in Brasilien. Beim Bau des olympischen Golfplatzes sei diese Prämisse jedoch einfach über den Haufen geworfen worden, monieren Kritiker und sprechen von Rechtsbruch.

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Die Olympia 2016 steht vor der Tür. Doch die Vorfreude in der Ausrichterstadt Rio de Janeiro hält sich in Grenzen. "Wir haben ganz andere Probleme", sagen viele Brasilianer nicht nur am Zuckerhut.

Ein bisschen fühlt es sich so an, als wenn die eigentlich wahnsinnig gastfreundlichen Brasilianer derzeit einfach nicht den Kopf frei hätten für Besuch. So wie mitten in einem Umzug. Alles liegt rum, überall Kartons, es ist staubig und ungemütlich in der neuen Wohnung und ausgerechnet dann schellen Freunde an der Tür, um nett Kaffee zu trinken. Am Liebsten würde man sie doch bitten wiederzukommen, wenn das Chaos beseitigt ist. Etwa so verhält es sich derzeit mit der Lage in Brasilien. Politisch, wirtschaftlich und was die Umwelt betrifft steckt das Land in der Krise, da wird manchen die Herausforderung der Sommerspiele der XXXI. Olympiade ( 5. – 21. August; Paralympics 7. – 18. September Rio 2016) eigentlich ein bisschen viel.

Verhaltene Olympia-Euphorie

Das Schwimmstadion im Olympiapark von Barra in Rio de Janeiro
Baustelle: das Schwimmstadion im Olympiapark von Barra in Rio Quelle: dpa

Doch was sind die Hauptgründe für diese verhaltene Olympia-Euphorie im Gastgeberlands? Zum einen ist das Land noch immer von der Kostenexplosion vor und während der Fußball-Weltmeisterschaft geschockt. In Brasilien war die WM am Ende dreimal so teuer wie das gleiche Turnier 2006 in Deutschland. Und auch die Sommerspiele im kommenden Jahr drohen sehr viel teurer zu werden. Die Organisation Comite Popular spricht von Kostenbeteiligung von über 62% aus dem öffentlichen Sektor, während die Stadtverwaltung lediglich von 42% einräumt. Diese Belastung kommt nun ausgerechnet zu einer Zeit, in der Brasilien sich schon seit Monaten in der Rezession befindet. Die Landeswährung hat stark an Wert verloren, die Inflation belastet das Leben der Menschen.

Edson Assumpcao postet auf der offiziellen facebook-Seite von Rio 2016: "Es ist ein Drama, was das Volk erlebt." Dass man im Zuge von Rio 2016 ein super Bildungsprogramm für etwa 200.000 brasilianische Kinder angestoßen habe, kann den Nutzer nicht beruhigen: "Ja klar, jetzt fehlt nur noch, dass der Weihnachtsmann bei mir durch den Schornstein steigt", kommentiert er die Antwort im Forum.

Bestechungsvorwürfe und andere Probleme

Tatsächlich sehen sich auch auf dem Weg zum Megasportevent im Sommer 2016 wieder einige Politiker und Funktionäre dem Vorwurf ausgesetzt, es seien Bestechungsgelder geflossen. Diese Schlagzeilen passen zum erschütterten Vertrauen der Bevölkerung in die Politik des Landes. Gegen die Präsidentin Dilma Rousseff wurde zum Jahresende ein Amtsenthebungsverfahren eröffnet. Und als wäre all das noch nicht genug, hat sich Anfang November mit den Dammbrüchen einer Eisenerzmine in Minas Gerais noch die größte Umweltkatastrophe der brasilianischen Geschichte ereignet.

"Wir haben im Moment andere Probleme als Olympische Spiele" - diesen Satz hört man oft in Brasilien und entsprechend verhalten sich die meisten Menschen. Die Sportgroßveranstaltung ist bei ihnen kaum präsent. Und wenn, dann gibt es meist negative Nachrichten, die sie zurück ins Gedächtnis rufen: Erst vor wenigen Tagen hat die Stadtverwaltung Bilanz gezogen und Aussagen über den konkreten Stand der Baumaßnahmen gemacht. Demnach gelten nur sechs Sport- und Einrichtungsstätten als fertig: Die Arena der Zukunft (u.a. Handball), das internationale Medienzentrum (IBC), der Golfplatz und die Strecken für Mountainbiker, BMX- und Kanu-Slalom-Fahrer. Die größten Sorgen bereitet offenbar das Velodrom. Das Stadion mit Radrennbahn sei bisher nur zu Dreiviertel fertig gestellt.

Rio will Barcelona überholen

Trotzdem, der Bürgermeister von Rio, Eduardo Paes, zeigt sich von seiner ehrgeizigen Seite, wenn er verspricht, dass Rio de Janeiro Barcelona noch überholen werde. Bisher hatten die Spiele keiner anderen Stadt so sehr zu infrastruktureller Entwicklung verholfen wie 1992 in Spanien.

Orlando Santos Júnior, Professor am Institut Ippur der Universität UFRJ von Rio, sieht das anders. In einem kürzlich erschienenen Interview nannte er die Olympischen Spiele "Spiele der Exklusion" und "ein Projekt, um aus bestimmten Stadtteilen Geschäfte zu machen. Es geht ums Kapital, nicht um die Menschen", so Santos Júnior. Die Sportveranstaltung habe einen direkten Einfluss auf noch mehr soziale Ungleichheit, die Rio ohnehin schon charakterisiere. In einem 190-seitigen Dossier des Comite Popular ist beispielsweise von über 4000 Familien die Rede, die wegen der Bauarbeiten für die Olympischen Spiele ihre Häuser verloren haben und zwangsumgesiedelt wurden. Schon nachvollziehbar, dass es so schwierig wird, ein guter Gastgeber zu sein.

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