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Auswärtstorregel auf der Kippe

Grindel: "Mehrheit für Abschaffung - Entscheidung im Mai"

Auswärtstore haben zwar noch nie doppelt gezählt – aber auf ihrer Exekutivkomitee-Sitzung rückten die UEFA-Entscheider der sprachlich so verkürzten Regel zu Leibe. Sie hat nach über fünfzig Jahren ihren Sinn verloren. Außerdem könnte ihre Abschaffung pures Geld wert sein.

Ball im Tor, Typical

Quelle: dpa

Wo es möglich ist, neigt die Fußballsprache zu Vereinfachungen. Zwar gibt es bis heute keine griffige Formel, die die komplizierte Abseitsregel in einem prägnanten Satz erklärt. Dafür wird die Regel, die zur Anwendung kommt, wenn zwei Mannschaften nach Hin- und Rückspielen die gleiche Anzahl von Toren aufweisen, meist so verkürzt: Auswärtstore zählen doppelt. Dabei könnten sie genauso gut zehnfach zählen, die Regel besagt lediglich, dass die Mannschaft gewinnt, die mehr Auswärtstore geschossen hat.

Strafe fürs Mauern

Eingeführt wurde sie von der UEFA 1965 zu Hochzeiten des Catenaccio, jener vor allem in Italien angewendeten Abwehr-Kunst, die es erlaubte, in fremden Stadien auf ein 0:0 zu spielen. Der Heimvorteil war damals wesentlich entscheidender als heute, da die äußeren Bedingungen sich deutlicher unterschieden.

So mussten sich Gästeteams nach teilweise langen Reisestrapazen auf unbekannte Bälle und Platzverhältnisse einstellen. Die Auswärtstorregel sollte nicht nur die Chancengleichheit erhöhen, sondern das Spiel attraktiver machen, indem sie eine offensivere Spielweise der Auswärtsteams belohnte.

Weniger Heimsiege

Prominentes Opfer dieser Regel war zuletzt unter anderem der FC Bayern München, der mit Trainer Pep Guardiola 2016 im Halbfinale der Champions League gegen Atletico Madrid nach 0:1 im Hin- und 2:1 im Rückspiel ausschied. Stimmen, dass diese Regel nicht mehr zeitgemäß sei, gibt es schon länger. Die Statistiken zeigen, dass die Bedeutung des Heimvorteils immer mehr sinkt.

So gewannen nach einer im Spiegel zitierten Untersuchung der University of Liverpool Management School zwischen 1965 und 1981 etwa 65 Prozent der Heimteams ihre Hinspiele im Europapokal. Dieser Wert sank zwischen 1997 und 2013 auf nur noch 46 Prozent.

Entscheidung im Mai

Kein Wunder, sorgen die Verbände mit ihren strikten Normen doch dafür, dass die äußeren Bedingungen an den Spielorten sich immer mehr angleichen. Außerdem lassen sich Spieler und Schiedsrichter wesentlich weniger vom Heimpublikum beeindrucken als früher und die meist bequeme Anreise erfolgt nach UEFA-Reglement am Vortag der Spiele.

Bei der Sitzung des UEFA-Exekutivkomitees in Rom, auf der die Regel diskutiert wird, wird es zwar voraussichtlich noch zu keiner Entscheidung kommen. Die Tendenz geht aber deutlich in Richtung einer Reform. So warb in Rom Exko-Mitglied Davor Suker eindringlich für die Abschaffung der 1965 eingeführten Regelung. Es dauert nicht mehr lange", sagte Suker ZDF-Reporter Markus Harm.   

Reinhard Grindel sagte dem ZDF, es werde im Exekutivkomitee über die Abschaffung diskutiert - 
und es gebe wohl eine große Mehrheit für eine entsprechende Reform. Laut DFB-Boss werde auf der nächsten Sitzung des Komitees im Mai in Baku eine Entscheidung fallen. Zuvor hatte UEFA-Wettbewerbsdirektor Giorgio Marchetti nach einer Tagung von Top-Trainern im September eine Überprüfung der Regel angekündigt.

Top-Trainer für Reform

"Sie denken, dass das Erzielen von Auswärtstoren nicht mehr so schwierig ist wie in der Vergangenheit", fasste Marchetti das Votum der Trainer zusammen, zu denen unter anderem Thomas Tuchel und José Mourinho gehörten. Auf der Tagung wurde die Auffassung vertreten, dass die Auswärtstorregel inzwischen ihrem eigentlichen Zweck sogar entgegenlaufe. Sie führe dazu, dass jetzt Heimmannschaften defensiver aufträten, um Gegentore zu verhindern.

Als Fürsprecher der alten Regel unter den Trainern ist bislang lediglich der für seine defensive Spielweise bekannte Trainer von Schalke 04, Domenico Tedesco, aufgetreten, der zur "Sport Bild" sagte: "Einfach das Gefühl zu haben, dass ein Auswärtstor am Ende wertvoller sein kann als ein Heimtor, finde ich spannend.“

Mehr Verlängerungen als Folge

Ein Argument für die alte Regel, das gerade für Trainer relevant sein sollte, wird dagegen bislang kaum ins Feld geführt: Die Konsequenz aus der Abschaffung wäre eine erhöhte Anzahl an Verlängerungen und Elfmeterschießen – und damit gerade für Spieler von Spitzenklubs, die lange in den europäischen Wettbewerben mitspielen, eine erhöhte Belastung.

Möglicherweise ist die mit einer Reform verbundene Verlängerung der Gesamtdauer von europäischen Begegnungen aber auch ein Grund dafür, dass die UEFA dieses Thema jetzt auf die Tagesordnung setzt. Jede Spielminute mehr bedeutet eine weitere vermarktbare TV-Minute, also pures Geld. Das dürfte für die UEFA, die mit ihren Überlegungen für einen dritten europäischen Klub-Wettbewerb überwiegend auf Skepsis gestoßen ist, ein gewichtiges Argument sein.

Würde der DFB nachziehen?

Falls es zu einer Abschaffung der Auswärtstorregel auf europäischer Ebene kommt, wird sich auch der DFB mit dem Thema beschäftigen müssen. Auch in den Relegationsspielen zur 1. und 2. Liga kommt die Regel zum Einsatz.

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