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Vom Publikumsmagnet zur Randsportart

Bahnrad-WM in Berlin

So attraktiv der Bahnradsport für seine Anhänger immer noch ist - seine größte Zeit hat er lange hinter sich. Die liegt in den "Goldenen Zwanzigern", von denen heute wieder viel die Rede ist. Und war nicht nur glanzvoll, wie ein paar historische Schlaglichter zeigen.

Berliner Sechstagerennen
Es ist selten geworden: Volle Halle, viel Spektakel wie hier beim Berliner Sechstagerennen.
Quelle: Bernd Settnik / dpa

Vor fünfzig Jahren lebte im Norden Deutschlands ein Dorfschuster, der hatte ein Holzbein. Wenn die Mütter ihre Kinder mit kaputten Schuhen zu ihm schickten, maulten diese nicht etwa, wie sonst bei Besorgungsgängen, sondern blieben sogar länger als nötig beim Schuster sitzen. Während er mit seinem Hämmerchen die neuen Sohlen festklopfte, erzählte er ihnen von seiner großen Zeit als Bahnradfahrer im Berliner Sportpalst. Und holte die große Welt ins Dorf.

Anfänge in Paris

Wer sich auf die Spur dieser Welt begibt, landet zunächst in Paris. Dort, im Parc de Saint-Cloud wurde laut dem Fachmagazin "Tour" am 31. Mai 1868 das erste Bahnrennen überhaupt veranstaltet. Der Sieger bewältigte die 1200 Meter in einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 18,75 Kilometern. Das erste Bahnrennen in Deutschland ist am 26. Juni 1880 in München datiert, auf einer Bahn, die im Winter als Eisbahn genutzt wurde.

Der Bahnrad-Sport breitete sich schnell aus und stand bereits bei den ersten Olympischen Spiele in Athen mit fünf Disziplinen auf dem Programm: vom Sprint über 2000 Meter bis zum 12-Stunden-Rennen mit Schrittmacher.

Sturzgefahr immer vor Augen

Als Schrittmacher dienten anfangs noch mehrsitzige Fahrräder. Die ersten motorisierten Schrittmachermaschinen kamen 1899 bei den Bahn-Rad-Weltmeisterschaften in Montreal zum Einsatz. Zu der Zeit gab es in Deutschland laut Tour bereits 85 Bahnen. Zum richtigen Boom bedurfte es aber noch den Umweg über den Madison Square Garden in New York, wo wie an vielen anderen Orten in den USA jährlich ein Sechstagerennen abgehalten wurde, das die Massen mobilisierte.

Besonders beliebt waren die Stayer-Rennen, in Deutschland später fälschlich als "Steher" übersetzt, bei denen die Fahrer über lange Distanzen mit hoher Geschwindigkeit Zentimeter hinter den Schrittmacher-Motorrädern herfuhren - die Sturzgefahr immer vor Augen.

Gefeiert wie Popstars

Im Jahr 1906 ging der damalige Star der deutschen Radsport-Szene Walter Rütt mit dem Niederländer John Stol in New York an den Start. Das Duo gewann und wurde gefeiert wie Popstars. Dieses Ereignis soll mit dazu beigetragen haben, dass 1909 in der Ausstellungshalle am Zoologischen Garten in Berlin das erste Sechstagerennen Kontinental-Europas ausgetragen wurde. Hunderttausend Exemplare verkaufte das Fachblatt "Rad-Sport" zu der Zeit am Tag, die neu entdeckte Mobilität lockte auch in Deutschland die Menschen auf die Bahnen. "Das Geknatter der Motoren scheint eine geradezu berauschende Wirkung auf die Zuschauer auszuüben", zitiert der Tagesspiegel die "Rad-Welt".

Ein weiterer Reiz bestand in der Gefährlichkeit des Sports, die im jährlich erscheinenden "Sport-Album der Rad-Welt" zu einer makabren Rubrik führte: "Die Toten der Rennbahn".

Mobilität und Militarismus

An gleicher Stelle brach sich in der Ausgabe von 1908 der militaristische Zeitgeist Bahn. Man dürfe "diese bedauerliche Begleiterscheinung des Sports nicht zu tragisch nehmen", hieß es da. "In der Überwindung der Gefahr liegt der Reiz beim Sport, und wie der Krieg die höchsten Mannestugenden auf dem Felde der Ehre auslöst, so löst der Sport im friedlichen Kampfe um die Ehre gleichfalls Tugenden aus, die am Manne am höchsten geschätzt werden."

Diese Weltsicht geriet ins Wanken, als am 18. Juli 1909 auf der Radrennbahn "Alter Botanischer Garten" in Berlin das Motorrad eines Schrittmachers außer Kontrolle geriet, der Benzintank explodierte und neun Menschen starben sowie 40 verletzt wurden. Nach dem "Schwarzen Sonntag" wurden für die Steherrennen strengere Vorschriften erlassen - ein kurzeitiges Verbot wurde wieder aufgehoben.

Dorn im Auge der Nazis

Die neuen Regeln taten der Begeisterung zunächst keinen Abbruch. Ab 1911 wurde das Berliner Sechstage-Rennen im Sportpalast ausgetragen und erfuhr wie die anderen Rennen in ganz Deutschland mit seiner speziellen Mischung aus Unterhaltung und Sport zwischen in den "Goldenen Zwanzigern" den Höhepunkt der Popularität. Den Nationalsozialisten war gerade dieser Show-Charakter suspekt und sie veränderten die Regeln nach ihrer Machtübernahme so, dass die Rennen unattraktiv wurden.

Auch im Radsport wurde jüdische Sportler verbannt. Der deutsche Bahnrad-Weltmeister Albert Richter ließ sich allerdings weiter von dem in die Niederlande emigrierten Juden Ernst Berliner managen. Außerdem bestritt er seine Rennen weiter mit dem Reichsadler statt mit dem Hakenkreuz. Am Sylvester-Tag 1939 wurde Richter wegen angeblichen Devisenschmuggels verhaftet. Als sein Bruder ihn im Gefängnis besuchen wollte, fand er nur seine blutverschmierte Leiche mit Löchern in der Kleidung - die genauen Umstände sind bis heute nicht geklärt. 1996 erhielt die neuerrichtete Radrennbahn im Radstadion Köln den Namen Albert-Richter-Bahn.

Heute gibt es nur noch zwei Sechstagerennen in Deutschland, in Berlin und Bremen, 1994 wurden die Steher-Weltmeisterschaften abgeschafft und Bahnrad-Weltmeisterschaften finden nicht mehr in den größten Hallen statt. Und Dorfschuster, die den Kindern von der großen Zeit dieses Sports erzähle, gibt es schon gar nicht mehr.

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