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Darum ist Tuchels Zeit beim BVB zu Ende

ZDF-Fußballreporter Boris Büchler zum Trainer-Aus in Dortmund

Sport - Darum ist Tuchels Zeit beim BVB zu Ende

Für Thomas Tuchel ist Schicht im Schacht beim BVB. ZDF-Fußballreporter Boris Büchler über Gründe und Hintergründe der Trennung und die Nachfolger-Frage.

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Warum Tuchel gehen musste? Die wichtigsten Gründe:

Gegenseitiges Misstrauen

Schon im Herbst 2016, als Thomas Tuchel öffentlich Kritik am Kader (ohne Hummels, Gündogan, Mkhitaryan) geäußert hatte, war die Beziehung zwischen Trainer und BVB-Boss Hans-Joachim Watzke nicht mehr zu retten. Danach folgten weitere zahlreiche interne Konflikte. Mittlerweile ist das Verhältnis zwischen Tuchel und Klubführung nicht nur gestört, sondern ganz einfach nicht mehr vorhanden.

Besonders skurril: die Kommunikation lief zuletzt fast ausschließlich über Tuchels Berater Olaf Meinking. Der Anwalt aus Hamburg rief bei Problemen Watzke an, oder aber Watzke meldete sich bei Meinking.  Diese Telefonate und Gespräche bilden nach meinen Recherchen seit Monaten den einzigen Informationsfluss zwischen Watzke und Tuchel. Nur durch diese Unterredungen zwischen Watzke und Meinking konnte wohl ein noch größeres Zerwürfnis und mediales Beben verhindert werden.

Die Schuldfrage

Die schwierigste Frage in einer komplexen Gemengelage. Wer weiß schon genau, was alles vorgefallen und wie zustande gekommen ist? Fakt ist, es waren zu viele Indiskretionen und Enttäuschungen im Spiel. Dies ist kein Nährboden unter Führungskräften, die zukünftig zusammenarbeiten sollen.

Dass es wie einige Medien berichten, eine Art Spielerrevolte gegeben haben soll, kann ich nicht bestätigen. Dass Sahin dem Trainer gegenüber extrem kritisch eingestellt ist, wurde schon bei seinem Auftritt im "aktuellen sportstudio" deutlich. Seine Degradierung im Pokalfinale wurde wiederum von Kapitän Marcel Schmelzer kommentiert, der Tuchel verbal attackierte. Aber es gibt mehr Spieler als momentan in den Zeitungen erwähnt werden (wie Bürki, Ginter, Sokratis, Weigl und Bartra), die ganz klar pro Tuchel waren. Fakt ist aber, dass er aber auch Teile seines Teams verloren hat.

Tuchel und BVB – das passte nur im ersten Jahr!  

Tuchel ist ein vielschichtiger Geist, dem viele typische Rituale in der Branche fremd und zuwider sind. Der kulturinteressierte Ex-Mainzer biedert sich nicht an, braucht keine Tänze vor der Südtribüne und sitzt auch nicht in der Gaststätte „Rote Erde“ und futtert mit dem Hausmeister eine Frikadelle. Der ernährungsbewusste Tuchel ist ein feinfühliger Mensch, der Beruf und Privatleben total voneinander trennt. Er ist geprägt von der „Generation Guardiola“, die alles für den Erfolg tut und die bewusst Reizpunkte durch unbequeme Maßnahmen setzt.

So im Tunnel, vergisst ein Tuchel auch mal das zwischenmenschlich Naheliegende. Aber im tiefsten Herzen ist er empathisch. Wie er rund um das Bombenattentat gezeigt hat. Diese Gefühlsregungen waren meines Erachtens nicht aufgesetzt, wie ihm einige vorwerfen. Tuchel hat Herz. Ausgerechnet in dieser für den Klub so schwierigen Phase zeigte sich Tuchel als extrem einfühlsamer Krisenmanager, der in der Öffentlichkeit einen starken Eindruck hinterlassen hat. Watzke missfiel dies, weil intern angeblich viele Themen rund um den Anschlag anders abgesprochen waren. Tuchel wuchs in dieser Zeit zum direkten („Wir wurden zum Spielen gezwungen“) und offenen Kommunikator, Watzke wiederum wurde so indirekt als kühler Vereinspatron dargestellt. Diese Verletztheiten des Geschäftsführers waren dann entscheidend für seinen Entschluss, Tuchel nach der Saison zu entlassen.

Favre – der Favorit

Wer wissen möchte, wie der in Dortmund hoch gehandelte Lucien Favre als Trainer tickt, braucht nur bei den handelnden Personen in Mönchengladbach nachfragen. Aber wenn Thomas Tuchel tatsächlich so unbequem sein soll, dann holen sie sich in Dortmund mit Favre den Inbegriff von "unbequem"  ins Haus.

Sollte es mit der Verpflichtung von Lucien Favre nicht klappen, weil sich sein derzeitiger Verein OGC Nizza querstellt (Vertrag bis 2019), etwa eine zu hohe Ablösesumme fordert, dann wird es eng. Watzke mag den Trainertypen Favre, hatte nach meinen Informationen bereits vor der Tuchel-Verpflichtung 2015 gute Gespräche mit dem eigenwilligen Schweizer. Die aktuellen Verhandlungen dürften schwer und der Deal teuer werden, denn die Franzosen wollen Ihren Erfolgscoach nicht gehen lassen.

Nagelsmann wird nicht Tuchel-Nachfolger

Sollte Favre nicht kommen, hätte der BVB ein Problem. Denn Julian Nagelsmann, der ebenfalls hohe Wertschätzung in Dortmund genießt, wird definitiv in diesem Jahr nicht wechseln. Weitere Kandidaten, die gerüchteweise in Dortmund kursieren, sind Peter Stöger, Ajax-Coach Peter Bosz, Frankfurts Nico Kovac und Roger Schmidt. Auch für Diego Simeone hat Watzke viel übrig. Der bleibt aber wohl in Spanien.

Jetzt einen wie Tuchel zu feuern, tut besonders weh, denn er zählt zu den Besten seines Fachs und der Trainermarkt in Deutschland gibt nicht sehr viel her. Die Liga hat einfach zu wenige Spitzentrainer  wie Tuchel, der sich aber keine Sorgen um die sportliche Zukunft machen muss, denn er genießt auch im Ausland einen hervorragenden Ruf und wird sich einen Spitzenklub aussuchen können. Schade nur für die Bundeliga, die immer mehr zur Zwischenstation wird. Denn nach Klopp und Guardiola wird nun wohl auch der nächste Top-Coach die Liga verlassen.

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