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Marco Reus - mehr Lust an der Last

Er will mehr Verantwortung tragen. Er wird vielleicht sogar Kapitän. Aber nur ein gesunder Marco Reus kann die ihm zugedachte Rolle bei Borussia Dortmund spielen. Dafür arbeitet Reus im Trainingslager in Marbella.

Marco Reus im Trainingslager
Marco Reus im Trainingslager Quelle: dpa

Die Prozedur wirkt für den Betrachter fast ulkig. Loslaufen bis das dehnbare Band so weit gespannt ist, dass es nicht mehr nachgibt. Wechselweise haben sich Julian Weigl und Marco Reus den an eine Stange gespannten Sprint-Gurt an den Körper gebunden, um auch diesen Teil eines ausgeklügelten Zirkeltrainings im Trainingslager an der Costa del Sol abzuarbeiten.

Wie die Kollegen von Borussia Dortmund wirkt gerade auch Reus hochkonzentriert, wenn im Estadio Municipal de Marbella die Übungen anstehen, die Kraft und Sicherheit geben sollen. Schließlich weiß kaum ein BVB-Akteur besser, was das wichtigste Kapital eines Profifußballers ist: der eigene Körper. Und doch gilt gerade bei ihm: Nicht jeder, der beinahe jede Faser hegt und pflegt, wird auch mit Beschwerdefreiheit belohnt.

Bloß nicht in den Rückspiegel schauen

Die vermaledeite Leidensgeschichte des mittlerweile 27-Jährigen würde fast schon ein Buch füllen, weshalb der fintenreiche Flügelspieler zu all diesen Fragen meist sagt, es lohne sich nicht, in den Rückspiegel zu schauen. "Es ist passiert, aber jetzt geht es weiter. Ich beschäftige mich lieber mit Gegenwart und Zukunft", so Reus kurz vor Weihnachten 2016 im "Kicker".

Das Jahr 2017 soll nicht nur für seinen Arbeitgeber im Allgemeinen, sondern auch für ihn im Besonderen zum Neustart werden. Endlich einmal schmerzfrei die Bestleistungen abrufen zu können; das wäre für die Dortmunder Nummer elf vielleicht sogar wichtiger als irgendein Titel. "In der vergangenen Saison spielte ich fast immer mit Schmerzen. Es war extrem schwierig, mich auf das Niveau zu bringen, das der Trainerstab von mir erwartete", sagt Reus.

Nicht als Aubameyang-Ersatz gedacht

Die ersten Signale aus Andalusien sind positiv. Nicht nur im Training mischt Reus vorne mit, sondern gleich im ersten Testspiel gegen den PSV Eindhoven (4:1) setzte er ein Ausrufezeichen. Kaum war er mit einem Elfmeter an PSV-Keeper Jeroen Zoet gescheitert, schoss er nur zwei Minuten später das wegweisende 1:0. Dabei kam er gar nicht als Stürmer zum Einsatz, sondern wieder von der linken Flanke. Trotz des Fehlens von Pierre-Emerick Aubameyang, der mit Gabun den Afrika-Cup spielt, soll das sein vorrangiger Einsatzort bleiben.

Trainer Thomas Tuchel nennt Adrian Ramos und André Schürrle als erste Kandidaten für die Aubameyang-Rolle. Reus war es indes, der mit weit ausgestrecktem Arm der gesamten Mannschaft mehrfach das lautstarke Kommando gab, weiter rauszuschieben. Dass Reus mit derartigen Gesten vorangeht, ist neu. Aber vielleicht sind sie auch Zeichen eines äußeren Reifeprozesses.

Reus hat zuletzt betont, dass es für ihn eine "große Ehre wäre, die Borussia als Kapitän aufs Feld zu führen". Der Nachsatz, dass dieses Thema in der Kabine kein großes sei, blieb allerdings häufig außer Acht. Und so hat der BVB in die Provinz Malaga auch eine Debatte um das Kapitänsamt mitgebracht.

Nicht nur Amtsinhaber Marcel Schmelzer war zuletzt davon genervt, sondern auch Trainer Thomas Tuchel: "Es gibt keinen Anlass zu einer großen Debatte. Die Kapitänsfrage ist nicht so groß, wie sie das früher mal war." Tuchel will mit beiden Spielern das Gespräch suchen - und dann vor dem Auswärtsspiel bei Werder Bremen am 21. Januar eine Entscheidung verkünden.

Viel vor in der Königsklasse

Reus als Gesicht und Kapitän des BVB - das wäre noch einmal ein Aufstieg. Dann wäre ihm nur zu wünschen, dass es auch auf internationaler Bühne noch vorangeht.

Mit dem Achtelfinale gegen Benfica Lissabon (Hinspiel 14. Februar / Rückspiel 8. März im ZDF) hat die Borussia nicht das allerschwerste Los erwischt, obwohl der beste Europapokaltorschütze der Dortmunder Vereinsgeschichte (24 Treffer/ 15 in der Champions League) sagt: "Das ist ein Gegner, für den wir höchstes Niveau erreichen müssen. Aber wir fühlen uns bereit, in der Königsklasse so weit wie möglich zu gehen." Und dann sei ein Durchmarsch wie 2013 bis ins Finale nicht unmöglich. Reus: "Wir sind prädestiniert für diese Bühne."

Vier Kilo zugelegt

Dass er neuerdings vier Kilogramm an Muskelmasse zugelegt hat, dem widerspricht der Spieler nur indirekt. "Es gibt keinen neuen Marco Reus. Ich bin immer noch der Alte." Das Mehr an Widerstandskraft kann allerdings nicht schaden, um endlich einmal ein großes Turnier mit der Nationalmannschaft zu spielen. Die WM 2014 und EM 2016 verpasst zu haben, darüber könnte nicht einmal die Teilnahme am diesjährigen Confed Cup entschädigen. Für Marco Reus muss das Ziel lauten, auch bei der WM 2018 in Russland Akzente zu setzen. Wohl auch deswegen wird dieser Tage das Gummiband bis zur Reißgrenze gespannt.

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