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"Ciao Gigi": Das Ende der Buffon-Ära

Der Welttorhüter verlässt Italien mit unzähligen Titeln und verpassten Träumen

Nie mehr Italien. Nach 17 Jahren Juventus und 23 Jahren Serie A insgesamt, sagt Gigi Buffon dem Calcio und der Nationalelf definitiv Arrivederci. Der Keeper erledigte das mit Stil und einer langen Liste von Rekorden – auch wenn das Abschiedsjahr des Capitano zwei Träume unvollendet ließ.

Gianluigi Buffon

War er nun tatsächlich der beste Keeper aller Zeiten? Womöglich eine müßige Frage an solch einem Tag, an dem Gianluigi Buffon das Ende seiner italienischen Ära verkündete. Sicher der smarteste und schnittigste, wie er im feinen, doch legeren Zwirn der Welt lächelnd seinen Abschied aus Turin bekannt gab. Am 19. Mai 2018 um 15 Uhr steht der 40-Jährige gegen Absteiger Hellas Verona letztmals zwischen den Juventus-Pfosten. Rekord-Einsatz Nummer 656 für den Serienmeister. Bei Schlusspfiff wird er eine Arbeitszeit von 58.799 Minuten in 17 Jahren notieren. Inklusive der sechs Anfangsjahre in Parma ist Buffon in 875 Profipartien 384 Mal ohne Gegentreffer geblieben.

Astreine Sportler-DNA

 „Meine größte Angst in den letzten Monaten war, als rostiger Motor und Ballast abzutreten“, sinnierte der Keeper. Die Furcht durfte er getrost beiseiteschieben. Mit dem fünften Pokal und seiner neunten Meisterschaft verlässt Buffon den Calcio mit Stil, 22 Trophäen und fulminanten Bestmarken. Neun Scudetti holte niemand zuvor in Italien, 974 Minuten hintereinander blieb er ohne Liga-Gegentor, Rekordspieler von Juventus, Rekord-Nationalspieler (176 Einsätze). Bei den Azzurri ist jedoch definitiv Schluss, auch wenn ihm der neue Coach Roberto Mancini eine Tür offenhielt. „Schon gegen Schweden gab es meinetwegen im Tor Gezeter, da möchte ich jetzt nicht als erneutes Problem gelten“, winkte Buffon jedoch ab.

Juventus Turin
Buffon sieht bei seinem vorerst letzten Spiel in der Champions League gegen Real Madrid Anfang April kurz vor Schluss die Rote Karte.
Quelle: ap

Nagten zwei bittere Momente auf der Abschiedstournee, hießen sie wohl Real und Schweden. In Madrid bedeutete das Viertelfinal-Aus, dass Buffons Curriculum trotz dreier Finals ohne Triumph in der Champions League blieb. Die Demütigung der verpassten WM in den Playoffs verhinderte indes dessen Bestmarke einer fünften Endrunde. Authentisch und stur, mit Irrsinn und Masochismus faustete sich Buffon lange großartig durch den Orkan der Zeit. Die Eltern trugen in der Leichtathletik Azzurro, beide Schwestern im Volleyball – eine astreine Sportler-DNA eben. „Ich habe einen Traum gelebt, den ich mir nicht einmal als kleiner Junge hätte ausmalen können“, sagte der 40-Jährige.

Die Geburt des Superman

Ohne den reifen Supergigi mutet der Calcio eigentlich unvorstellbar an. Seit jenem 19. November 1995, als der 17 Jahre alte Debütant unter Coach Nevio Scala rotzfrech gegen Roberto Baggio und George Weah parierte und Parma ein 0:0 gegen Milan rettete, war Buffon immer da. Ein Francesco Totti zwischen den Pfosten.  Letzten Sommer hörte Totti auf, jetzt Buffon. Langsam gehen Italien tatsächlich die Helden aus. Mit 20 würde es Buffon zum Stammspieler in der Serie A schaffen, prophezeite man ihm einst. „Und was soll ich bis dahin machen?“ schmollte der 16-Jährige. Die definitive Nummer 1 streifte er sich mit 18 über. Geduld war nie seine Stärke.

Damals überreichten die Parma-Anhänger Buffon ein T-Shirt mit Superman-Symbol. Wenige Tage später hielt er gegen Inter Mailand einen Ronaldo-Elfmeter, riss sich das Trikot vom Leib und präsentierte der Kurve euphorisch das rote S. Buffon wurde noch am selben Abend landesweit zu „Superman“. In der Folge machten ihn Paraden und Charisma zum „Ewigen Gigi“. Er besuchte keine Kommunikations-Seminare, um Krisenmomente mit leeren Phrasen zu verwässern. Das „Silenzio Stampa“ ist ihm fremd. Wer Verantwortung trägt, hat sich zu stellen. Der Capitano vereint wie einst Maldini Sympathien im ganzen Land, und das mag die mächtigste Anerkennung sein.

Weltmeister und zweite Liga

Buffon blieb eines der letzten Relikte einer anderen Ära. Er stopfte Haribo in sich hinein und flennte vor dem TV, als seine Heroen aus Kamerun 1990 bei der WM ausschieden. Er düste auf der Vespa legal ohne Helm zum Training, zockte am Commodore 64 und sammelte bis vor kurzem alle Panini-Alben. Das übernehmen jetzt die Kinder. In den ersten Profi-Jahren reiste der Ultra seines Heimat-Klubs Carrarese aus dem toskanischen Marmor-Örtchen weiterhin zu Auswärtsspielen, noch immer zieren seine Handschuhe C.U.I.T – Commando Ultrà Indian Trips.

Buffon und Chiellini jubeln über den Viertelfinaleinzug
Buffon und Chiellini jubeln über den Viertelfinaleinzug bei der EM 2014
Quelle: ZDF

Im Juve-Tor blieb er Woche für Woche eine Melange aus loyalem Kapitän und flammendem Tifoso. 2006 hätten den Weltmeister andere Prestigevereine mit Geld überschüttet, Buffon ging mit den strafversetzten Turinern in die Serie B. Mit dem WM-Titel, der demütigen zweiten Liga und ohne den verurteilten Manipulator Luciano Moggi verließ Buffons lange zwiespältiges Image das Fegefeuer. Man pries die Paraden und sprach plötzlich vom Engagement in Drogenzentren oder Hilfsreisen nach Afrika, um sein Kamerun-Idol Thomas N‘Kono zu unterstützen, nachdem Buffon seinen ersten Sohn benannte. „Heute gefalle ich mir ohne Extreme besser“, sagt er selbst und besitzt nach überstandener schwerer Depression die Kunst der Leichtigkeit. Ciao Supergigi, der Calcio verliert einen seiner großartigsten Hauptdarsteller.

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