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Regionalliga Südwest statt Bootcamp in China

Chinas U20 will in der vierthöchsten deutschen Spielklasse antreten

Chinas U20-Nationalteam in der vierten deutschen Liga - einigen Traditionsklubs und vielen Fans geht dieser Deal des DFB zu weit. Die Chinesen aber versprechen sich viel davon - am Ende sogar den Weltmeistertitel.

Chinesische U20-Nationalmannschaft
Die chinesische U20-Nationalmannschaft Quelle: imago/VCG

Es brauchte erst ein paar junge Chinesen, um die vierte Liga endlich in einen deutschlandweiten Fokus zu rücken. Die U20 aus dem Reich der Mitte soll ab der neuen Saison außer Konkurrenz in der Regionalliga Südwest antreten. Die Reaktionen sind heftig, von freudigem Interesse bis zorniger Empörung ist alles dabei. In der hitzigen Debatte kommt eine Frage viel zu kurz: warum machen das die Chinesen eigentlich?

Fußball als Staatssache

Chinas Staatspräsident Xi Jinping ist Fußballnarr seit Kindertagen. Das ist ungewöhnlich, fristet der Sport im Reich der Mitte doch eher ein Nischendasein. Die Sport-Superstars des Landes heißen Ma Long und Fan Zhendong und spielen Tischtennis.

Damit sich das ändert, hat Xi vor zwei Jahren das Kicken zur Staatssache erklärt und einen offiziellen Fahrplan erarbeiten lassen. Das Ziel: Fußball als Nationalsport und irgendwann die WM im eigenen Land. Sollte dabei am Ende sogar der Titel herausspringen, umso besser.

Treffen mit Infantino

Bei einem Treffen mit FIFA-Präsident Infantino in Peking erklärte Xi kürzlich, alles dafür zu tun, damit der "Chinesische Traum" Wirklichkeit werden kann.

Die Realität aber spricht eine ganz andere Sprache. Das chinesische Team ist von einem Weltmeistertitel Lichtjahre entfernt. Die WM in Russland 2018 wird die Mannschaft wohl vor dem Fernseher verfolgen müssen. Denn nach Niederlagen gegen Nationen wie Syrien oder Usbekistan, die selbst nicht unbedingt zu den Größen des Fußballs zählen, steht sie abgeschlagen auf dem letzten Platz ihrer Qualifikationsgruppe.

Um eine ähnliche Schmach bei den Olympischen Spielen in Tokio 2020 zu verhindern, soll sich die chinesische U20-Nationalmannschaft nun in Deutschlands vierter Liga vorbereiten.

Rekordeinkäufe für eine attraktive Liga

Ähnlich schwach wie das Nationalteam präsentiert sich die chinesische Fußball-Super-League. Um Qualität und damit auch Attraktivität der Liga zu erhöhen, war die Strategie bisher, alternde Stars aus dem Ausland einzukaufen.

Wie Didier Drogba und Carlos Tevez nutzen einstige Größen die verzweifelte Suche der Chinesen nach Publikumsmagneten, um sich den ein oder anderen Yuan dazuzuverdienen und so beim endgültigen Eintritt in den Rentenstand finanziell noch ein Stück sorgenfreier dazustehen.

Absurde Preise

Schon die Generation Beckenbauer schätzte diese lukrative Art, das fußballerische Erwerbsleben langsam ausklingen zu lassen. Allerdings sind die Preise, die heutzutage in China aufgerufen werden, im Vergleich zu allem Bisherigen absolut absurd.

Für die Klubs ist dieser Weg nur von mittelmäßigem Erfolg gekrönt. Viele der teuer eingekauften Ex-Stars knüpfen in China nicht an die Leistung früherer Tage an. Und selbst die jüngeren Auslandsspieler erfüllen die hohen Erwartungen selten.

Oscars Ausraster

Kulturell und sprachlich sind die Hürden so hoch, dass der Wohlfühlfaktor außerhalb des Platzes im Keller ist. Auf dem Feld sind es eher die negativen Highlights, die die Schlagzeilen bestimmen. So flog unlängst der Brasilianer Oscar - mit 60 Millionen bislang teuerster Transfer der Liga - nach einer Tätlichkeit vom Platz und bekam neben einer Geldstrafe auch noch acht Spiele Sperre aufgebrummt.

Der 25-Jährige hatte aus Frust den Ball auf seine Gegenspieler gedroschen und in der daraus resultierenden Schlägerei tatkräftig mitgewirkt.

Mehr Einsatzzeit für die eigenen Hoffnungsträger

Um den Einkaufswahnsinn der Vereine einzudämmen und auch dem eigenen Nachwuchs eine Chance zu geben, hat sich die chinesische Liga zur neuen Saison vor allem zwei Instrumente einfallen lassen. So soll eine Art "Transfersteuer" dazu dienen, die Jugendarbeit zu stärken. Vereinfacht gesagt funktioniert das Konzept so:

Wenn immer ein Verein einen Spieler kauft und eine Ablöse fällig wird, muss ein Betrag in selber Höhe für die Jugendarbeit im Klub zurückgelegt werden. Durchbricht ein Transfer aus dem Ausland die Schallmauer von 45 Millionen Yuan (5,9 Millionen Euro), geht die fällige "Steuer" nicht an die Jugendarbeit im eigenen Verein, sondern an den Verband.

Vorteil bei reichen Klubs

Diese Regelung hätte großes Potential für die Nachwuchsförderung, sie hat allerdings einen Haken: Angewandt wird sie nur bei Klubs, deren Geschäftsbilanz negativ ist. Die finanzstarken Vereine mit großen Konzernen im Rücken können nach wie vor tun und lassen, was sie wollen.

Die andere Maßnahme ist eine Halbe-Halbe-Regel und betrifft ausnahmslos alle Vereine der Super League: Pro Ausländer muss mindestens ein Chinese auf dem Platz stehen, der jünger als 23 Jahre ist. Darüber hinaus ist vorgeschrieben, dass in jeder Partie nicht weniger als zwei U23-Akteure zum Einsatz kommen, von denen mindestens einer von Beginn an spielen muss.

Zusammen mit der Vorgabe, maximal drei Ausländer je Match einzusetzen, soll so garantiert werden, dass auch aufstrebende chinesische Hoffnungen eine echte Chance und ausreichend Spielzeit erhalten.

Bootcamp statt F-Jugend

Alle diese neuen Maßnahmen setzen voraus, dass genügend Nachwuchs vorhanden ist. Und das ist bisher das große Manko.

Ein Ligensystem wie in Europa, wo sich die Knirpse ab der F-Jugend mit den Teams aus den Nachbarorten messen, gibt es in China nicht. Und es ist auch nicht angedacht.

20.000 Trainingszentren geplant

Der Reformplan des Präsidenten Xi setzt auf das chinesische Modell zur Ausbildung von Spitzensportlern. Und so soll es bis 2020 landesweit 20.000 Trainingszentren geben. Kaderschmieden, in denen man die Talente zentral fördern möchte.

Wer die Kinder dort trainieren soll, muss sich allerdings noch zeigen. Denn auch die Trainerausbildung steht in China noch ganz am Anfang.

Deutschland hilft

Schützenhilfe gibt es aus der Bundesliga: Bei einem Besuch im März dieses Jahres bezeichnete Bayern-Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge die neue, vereinseigene Fußballschule im ostchinesichen Qingdao als "Herzstück" der Chinastrategie seines Vereins. In der Schule sollen Sportlehrer zu Fußballtrainern gemacht werden. Auch hier also deutsches Engagement, das dem chinesischen Fußball auf die Sprünge hilft.

Die U20 in der Regionalliga Südwest mag aktuell ein Aufreger sein. Jedoch ist sie nur ein weiterer Baustein in einem Puzzle zur Förderung des chinesischen Fußballnachwuchses, das längst begonnen ist und immer konkretere Formen annimmt. Drei Jahre haben Chinas Nachwuchskicker noch Zeit, um zu den Olympischen Spielen in Tokio auf internationales Niveau zu kommen.

Dass dies ausgerechnet in der deutschen Regionalliga Südwest gelingen soll, ist so gesehen ja durchaus schmeichelhaft.

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