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Pfeilewerfen - Präzisionssport und Party

Sport - Pfeilewerfen - Präzisionssport und Party

Felix Neureuther findet die SPORTreportage "überragend", Uwe Seeler einfach "wunderbar". Und Severin Freund ist die "kultige" Rubrik "Sport aus aller Welt" besonders ans Herz gewachsen.

Beitragslänge:
1 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 31.12.2016, 16:50

Die Darts-WM in London ist ein Riesenereignis. Die Halle ausverkauft, Millionen vor den Bildschirmen. Präzisionssport und Party, Stimmung wie im Bierzelt. Verkleidete Fans, Gesänge wie beim Fußball. Pfeilewerfen hat die Kneipe verlassen und ist auf der großen Sportbühne angekommen.

Als Schlümpfe verkleidete Fans
Schlumpfinen aus Dartford

Gelbe Minions, blaue Schlumpfinchen und schwarz-rot-goldene Gartenzwerge. Es ist kein verfrühter Karneval in Londons Alexandra Palace. Es ist Darts-WM. 3000 Verkleidete johlen und singen. Bier wird hinuntergestürzt. Die Halle dröhnt. Oktoberfeststimmung. Auf der Bühne zwei meist wohlbeleibte "Athleten", die mit unheimlicher Präzision je drei Pfeile auf das Brett werfen. Großbildmonitore machen es möglich, jeden Wurf genau zu verfolgen.

Wahnsinnsstimmung im Ally Pally

Alle Jahre wieder ist Darts-WM im Ally Pally, wie das altehrwürdige Gebäude von 1873 im Londoner Norden liebevoll genannt wird. 72 Spieler kämpfen um den Titel des Weltmeisters der PDC, dem Profiverband der Darts-Spieler. Der Ally Pally ist an allen Tagen ausverkauft. Seit Monaten. Das Publikum ist international, aus Deutschland sind erstaunlich viele Fans angereist. Fabian Haberkorn und Norman Freundschuh aus Tauberbischofsheim zum Beispiel, die schwarz-rot-goldenen Gartenzwerge: „In Deutschland ist Darts beinahe nur Kneipensport, aber im Kommen. Drei deutsche Starter waren im Feld. Leider sind sie schon draußen. Egal, es ist eine Wahnsinnsstimmung hier.“

Tatsächlich hat Darts eine steile Karriere hinter sich. Vom Kneipenspiel zum Multimillionen-Business. Bis zu zwei Millionen Zuschauer schalten allein in England ein. Die Preisgelder liegen in diesem Jahr bei über zwei Millionen Euro. Der Sieger kassiert mehr als 400.000. Topspieler, wie der 16-fache Weltmeister Phil „The Power“ Taylor, sind längst Multimillionäre. Sie sind Marken, mit eigenen Markenzeichen. Peter Wright etwa hat den Bühnennamen Snakebite, trägt eine knallbunte Punkfrisur und wild gemusterte Kleidung. Die Auftritte sind Inszenierungen wie beim Wrestling. Beim „walk on“ hat jeder Spieler seinen Song, begleitet werden sie von kurzberockten Models.

Lauter Jubel für gute Würfe

Fans von Peter Wright
Fans von Peter Wright alias Snakebite

Die Spieler werden trotz der Show für ihre Bodenständigkeit geliebt. Wenig Eitelkeiten, dafür meist massige Bäuche. Und jeder gute Wurf wird bejubelt. Wenn einer eine 180 wirft, also mit drei Pfeilen jeweils die dreifache 20 trifft, gibt es ein Riesengeschrei, egal welcher Nationalität er ist. Die ganz überwiegend männlichen Fans springen auf, und singen: „Stand up, if you love the darts!“ Die Melodie kennt man aus Fußballstadien. Dazu wedeln sie mit Schildern in der Luft, auf deren eine Seite eine 180 geschrieben ist, auf der Rückseite ist Platz, um selbst lustige Botschaften zu verfassen - in der Hoffnung so vielleicht von den TV-Kameras eingefangen zu werden.


Aber ist Pfeilewerfen überhaupt Sport? Alle, die ich befragt habe, sind sich da ganz sicher: "Auch wenn die sich nicht so viel bewegen, die Konzentrationsfähigkeit ist das Entscheidende. Das ist Präzisionssport. Wer’s selbst mal versucht hat, weiß, wie schwer das ist, über Stunden so zu spielen“, sind sich Tobias und Michael Tiedemann einig. Sie und Axel Hoops aus Bremerhaven verfolgen Darts im TV seit gut einem Jahr. „Mittlerweile haben alle Kumpels eine Scheibe. Wegen dieser WM“, sagen die Tiedemanns. Das Schöne sei, dass es „kein Gegeneinander gibt. Man freut sich einfach mit dem Sieger. Egal woher er kommt.“ Und auch sie sind wegen der Party hier. Die Stimmung ist einmalig. Für das Erlebnis mussten die drei tief in die Tasche greifen. 460 Euro Eintritt pro Person für zwei Abende, für die besseren Plätze an den Tischen. Dazu Hotel und Flug. Essen und Bier. Viel Bier.

Lange stehen für den Durst

An den Getränkebuden ist dementsprechend immer viel los. Gerade stehen mehrere Walter Whites aus der Serie Breaking Bad Schlange. Dazu leicht schwankende Biergläser auf zwei Beinen, eine Gruppe gestreifter Sträflinge, Peter Pan, der große böse Wolf, diverse Superhelden in zu engen Anzügen. In der Arena schwillt das Gejohle aus 3000 Kehlen wieder auf die Lautstärke eines Fußballstadions. Mindestens. Und Völkerverständigung hin oder her - einige Hundert Deutsche singen: „Ohne Holland fahr’n wir zur EM!“ - das muss wohl sein, bei so einer Riesenparty.

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