Abrechnung mit Louis van Gaal

Die vorzeitige Entlassung des Bayern- Coaches und wie es dazu kommen konnte

Das vorerst letzte Kapitel der zahlreichen Trainer-Entlassungen in der Bundesliga hat der FC Bayern geschrieben. Mit der sofortigen Demission Louis van Gaals trennt sich der Rekordmeister vom zunächst gefeierten und mittlerweile ungeliebten Coach.

Am Wochenende traf ich im Stadion zufällig einen Bekannten, mit dem ich früher in einer Freizeitmannschaft gekickt habe. Kurt ist verrückt nach Fußball und lässt kaum eine Sportsendung aus. Als ich ihm sagte, ich müsse noch einen Kommentar verfassen und mir schwebe vor, über das Trainer-Thema beim FC Bayern zu schreiben, unterbricht er mich, macht eine abfällige Handbewegung und sagt: "Ach, die brauchen doch gar keinen Coach! Sondern nur eine funktionierende Medien-Marionette, die der "Bild" und den Bossen nach dem Mund redet und sie mit ein paar Pokalen bespaßt." Rums!

Einzelkämpfer ohne Rückendeckung

Kurt hat natürlich völlig übertrieben und liegt mit seiner Aussage komplett daneben. Doch die Wortschöpfung "Medien-Marionette" hat was und hat etwas mit der aktuellen Entwicklung zu tun. Louis van Gaal ist in den Endzügen seiner Mission nur noch eine Marionette gewesen - ein einsamer Kämpfer ohne Rückendeckung im Spannungsfeld zwischen Bayern-Chefs und Medien.

Majestät wird mediales Freiwild

Die Führungsetage ist schon vor Monaten von ihm abgerückt, hat neulich erst das Ende seiner Amtszeit zum Saisonende und schließlich noch die Heynckes-Verpflichtung bekanntgegeben. Damit war van Gaal nur noch ein Trainer zweiter Klasse, ein Auslaufmodell, ein Coach auf Zeit, der keine Lobby mehr in der öffentlichen und veröffentlichten Meinung hatte.
Nach etlichen Disputen mit Pressevertretern rächten diese sich nun wiederum in den letzten Wochen mit tendenziöser Berichterstattung gegen van Gaal. Was vor einem Jahr noch eine Art Majestätsbeleidigung gewesen wäre, wurde nun auch von den Vereinsoberen geduldet und nicht mehr sanktioniert.

Van Gaal hat atmosphärisch so viel zerstört, dass ihn im Verein keiner mehr schützen und unterstützen wollte. Dadurch war er auch mediales Freiwild. Mit einer gezielten Politik der massiven Nadelstiche hat vor allem Vereinspatron Uli Hoeneß die Alleingänge des Holländers verbal torpediert. Dadurch wurde der eigenwillige Fußball-Dozent schrittweise geschwächt und unweigerlich auch zu einer "Medien-Marionette" - welch eine zutreffende Formulierung. Danke, Kurt!

Schleichender Prozess

Die schleichende und jetzt vollzogene Demission hatte ihren Ursprung im Herbst 2010, als Uli Hoeneß den eigenen Trainer öffentlich extrem anzählte. Danach war klar: Von dieser Attacke der Bayern-Ikone kann sich auch ein Alphatier wie Louis van Gaal nicht mehr erholen. Der Anfang vom Ende war eingeläutet. Van Gaals kurze Ära beim FC Bayern

Das letzte Wochenende lieferte nun ein ganz düsteres Kapitel bayrischer Fehlbarkeit: Selbst Platz drei, das Minimalziel der erfolgsentwöhnten Münchner, gerät immer mehr in Gefahr. Das Remis in Nürnberg trifft das Münchner Ego mit der Wucht einer Abrissbirne: Bayern steht vor dem Scherbenhaufen einer völlig missratenen Saison, und nun dürfen sich Andries Jonker und Hermann Gerland nach der öffentlichkeitswirksamen van-Gaal-Demontage als Retter beim Rekordmeister versuchen.

Schlammschlacht droht

Kaum ist der Trainer aus der Tür, rechnet Uli Hoeneß mit van Gaal ab: Spricht nach der Entlassung gar von Angst unter den Spielern. Das sind schwerwiegende Vorwürfe. Sie zeigen, dass Hoeneß schon seit langer Zeit innerlich mit van Gaal abgeschlossen hatte. Schaut man heute in die Zeitungen, sieht es nach einer schmutzigen Scheidung aus. Die Trennungsgründe sind bekannt. Jetzt werden Interna ausgeplaudert und van Gaal bekommt in der unrühmlichen Aufführung die Schurkenrolle zugeschoben.

Doch im Sommer kommt ja "Don Jupp". Der soll mit seiner ausgleichenden Art die Aufgeregtheiten in München beruhigen. Vielleicht kommt Heynckes ja auch als amtierender Meister. Es wäre typisch für diese kuriose Spielzeit, dass Leverkusen den Dauer-Tabellenführer aus Dortmund noch abfangen würde.

Die Saison ist lang

Und Kurt? Der sieht das alles gelassen. Denn Kurt ist glühender Schalke-Fan! Noch Fragen? Schalke kann noch die erfolgreichste Mannschaft Europas werden - und das nach einer lange Zeit miesen Saison. Dann beichte ich ihm noch, dass ich erst neulich in einem Kommentar formuliert hätte, Schalke sei unter Magath ein "gelähmter Krisen-Klub".


Kurt schaut ganz entspannt, zieht lässig beide Schultern hoch und nuschelt beiläufig vor sich hin: "Du lässt Dich halt manchmal auch zu sehr von den aktuellen Ereignissen lenken. Eine Saison ist lang. Du bist halt manchmal auch nur eine Medien-Marionette, die funktionieren muss!"

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