Sulu: "Johnny wird immer im Gedächtnis bleiben"

Aytaç Sulu, der furchtlose Vorkämpfer

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Darmstadts Kapitän Aytaç Sulu spricht über den Sieg gegen Frankfurt und den besonderen Tag in Darmstadt mit Ehrung des verstorbenen Fans Johnny Heimes.

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14 min
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Video verfügbar bis 10.09.2017, 23:59

Sven Voss spricht mit dem Darmstadt-Kapitän Aytac Sulu und dem Vater des verstorbenen Jonathan Heimes, Martin Heimes, über die Folgen des großen Engagements seines Sohnes für den Verein Darmstadt 98.

Aytac Sulu ist nicht nur Kapitän beim SV Darmstadt 98, sondern auch das Gesicht des widerspenstigen Underdogs.

Die Bilder aus dem Mai vergangenen Jahres haben sich tief ins Gedächtnis gebrannt. Wie Aytac Sulu, mit einem blauen Mikrofon mit Lilien-Emblem in der Hand, zu Jonathan Heimes ging, der damals wegen seiner Krebskrankheit bereits an den Rollstuhl gefesselt war. Der Kapitän wollte dereinst bei der Aufstiegsfeier des SV Darmstadt 98 auf der Bühne eine Person würdigen, die zwar selbst schon schwerkrank war, aber im Hintergrund so viel Kraft vermittelt hatte. "Ohne Johnny wären wir nicht hier“, stimmten sodann alle an.

Jonathan Heimes ist Anfang März gestorben - den Kampf gegen den Krebs, der seinen Körper bereits ab dem 14. Lebensjahr befallen hatte, konnte er nicht gewinnen. Aber der Verein und sein Partner, das Unternehmen Merck, haben in dieser Woche noch einmal ein bemerkenswerten Zeichen setzen: Vor dem Hessenderby gegen Eintracht Frankfurt ist die Spielstätte am Böllenfalltor ins "Jonathan-Heimes-Stadion“ umbenannt worden.

Der Deutsch-Türke ist eine Symbolfigur

Speziell für Sulu, der nicht nur die vom ehemaligen Trainer Dirk Schuster verteilten Armbänder ("Du musst kämpfen“) getragen hatte, sondern auch eine besondere Beziehung zu dem Jungen aufbaute, war das ein wichtiges Signal. "Emotional hilft es uns, das aufrecht zu erhalten, was wir die vergangenen Jahren mit Johnny aufgebaut haben“, sagte der 30-Jährige dem "Kicker“.

Er wird allerdings gegen Frankfurt nicht mitmachen können. Seine Wadenverletzung lässt einen Einsatz nicht zu. "Er ist auf einem guten Heilungsweg, aber das Spiel kommt noch zu früh", erklärte Trainer Norbert Meier.

Damit fehlt eine Symbolfigur der Lilien, die sich nach dem Durchmarsch von der Dritten Liga entgegen aller Prognosen in der Bundesliga behaupten konnte. Mit seinen sieben Toren - eines davon beim 1:0-Derbysieg in Frankfurt erzielt - trug der Deutsch-Türke maßgeblich zum Klassenerhalt bei.

Mitgewachsen und immer besser geworden

Seine Vita ist ja irgendwie beispielhaft für den widerspenstigen Emporkömmling: aussortiert bei Gençlerbirliği Ankara, abgeschoben zu SC Rheindorf Altach in der zweiten österreichischen Liga, so musste im Winter 2013 erst der damalige Drittligist SV Darmstadt 98 anklopfen, um dem Verteidiger eine letzte Chance zu eröffnen. "Und die Typen, die diese bekommen haben, nutzen sie auch gerne“, sagte der gebürtige Heidelberger einmal, der zuvor noch für die zweite Mannschaft der TSG Hoffenheim und den Regionalligisten VfR Aalen gespielt hatte.

Erst in Darmstadt stieg er zum Leistungsträger unter den Abgeschobenen und Ausgestoßenen auf. Schuster setzte vom ersten Tag auf Sulu. "Aytaç geht immer voran und hört erst auf, wenn er seinen Kopf unter dem Arm trägt.“ Unter den Fans blieb das Bild haften, wie ihr Liebling im Zweitliga-Heimspiel gegen Erzgebirge Aue im September 2014 mit Carbonmaske und Turban durchhielt. Trotz der erlittenen Frakturen an Kiefer, Jochbein und Augenhöhle.

Er wollte nicht wechseln im Sommer

Der Familienvater, der nach Torerfolgen meist ein Herzchen für Ehefrau Christina und Töchterchen Aylin formt, gab jenen Spielertyp, den Schuster so sehr schätzte: furchtloser Kämpfer. Wie der gesamte Verein ist auch Sulu an den Ansprüchen gewachsen - und irgendwie immer besser geworden. Leistungsträger wie Torwart Christian Mathenia oder Torjäger Sandro Wagner sind nun im Sommer weitergezogen, um woanders vor allem mehr Geld zu verdienen.

Für den Kopfballspezialisten kam das nicht infrage. "Ich kann mit Darmstadt in der Bundesliga spielen und mit dem Gehalt meine Familie ernähren. Ich habe den Verein mit dahin gebracht, wo er jetzt ist.“ Überdies seien Verträge bedauernswerterweise heutzutage "oft eher dazu da, um sie nicht einzuhalten.“ Auch deswegen blieb er. Eine ehrbare, aber inzwischen seltene Haltung.

Mannschaft muss noch zusammenwachsen

Denn der Exodus bei den Südhessen nach dem Abgang von Cheftrainer Schuster und seiner Co-Trainer Sascha Franz und Frank Steinmetz nahm doch größere Ausmaße an. "Wenn man drei Jahre zusammen Erfolg hat und für viele überraschend der Trainer geht, dann kann es zu einem größeren Umbruch kommen“, sagt Sulu. Der Verein habe gut darauf reagiert: "Wir haben jetzt ein neues Trainerteam, das bundesligaerfahren ist, und neue Spieler, die teilweise die Bundesliga kennen oder internationale Erfahrung haben.“

Doch die Mannschaft muss unter Trainer Norbert Meier erst noch zusammenwachsen. Im Auftaktspiel beim 1. FC Köln (0:2) fanden weder die neuen noch die alten Spieler in die Spur. Der Auftritt bei den Rheinländern war kaum erstligareif. Sulu fehlte schon in Köln. Nun wird er auch noch gegen Frankfurt nur auf der Tribüne mitfiebern können. So wie Jonathan Heimes es so leidenschaftlich gemacht hat.

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