Das Wunder von Dortmund

Borussia ist auch ein Meister der Sympathien

Selten gab es von Fans, Spielern und Funktionären anderer Klubs so viele Glückwünsche wie dieses Mal. Die ganze Liga hat gratuliert und Millionen Menschen haben dem BVB den Titel von Herzen gegönnt.

Der Traditionsverein hat den Beweis geliefert, dass Konzepte und Kompetenz erfolgreicher sein können als Kohle. Der siebte Meistertitel ist für die meisten Insider der emotionalste in der Chronik des Klubs. Auch, weil vor der Saison kaum jemand mit einer solch rasanten Entwicklung der BVB-Kinderriegel gerechnet hatte.

Erfolgshungrige Rekordjäger

Der jüngste Deutsche Meister aller Zeiten ist die "Fohlen-Elf" der Neuzeit. Eine Herde erfolgshungriger Draufgänger, die eine Saison der Vereins-Rekorde hingezaubert hat: 22 Siege, 72 Punkte, nur 19 Gegentore, 14 mal zu Null gespielt und bloß viermal verloren. Das gab es noch nie im schwarz-gelben Fußball-Land!


Dortmund ist der verdienteste Meister seit Jahren. Champions, die sich trotz mangelnder Erfahrung im stressreichen Titelrennen keine großen Einbrüche erlaubten und die der Fachwelt 32 Spieltage lang Vollgas-Fußball angeboten haben.

Genialer Kaiser Klopp

Während an diesem Wochenende fast ausschließlich über Emotionen, Bierduschen und Freudentänze berichtet wurde, lohnt ein kurzer Blick auf die Königsentscheidungen des neuen BVB-Kaisers Jürgen Klopp: Seine Idee, Sahin in der letzten Saison ins zentrale defensive Mittelfeld zu beordern, hat sich genauso als genialer Schachzug erwiesen wie das mutige Vorgehen, dem vor der Spielzeit weitgehend unbekannten Götze eine Schlüsselrolle zu übertragen. Ebenso clever, den vor einem Jahr noch als Nachwuchskraft geltenden Bender teamintern zu stärken.


Entscheidend waren auch die personellen Entwicklungen in den hinteren Regionen: Hummels und Subotic bilden ein Innenverteidiger-Duo, das es in dieser Altersklasse in ganz Europa nicht ein zweites Mal gibt. Dahinter wehrt der unbeugsame Ehrgeizling Roman Weidenfeller fast 80 Prozent aller Torschüsse ab. Unter Klopp sind zudem auch die Musketiere von der linken Seite, Kevin Großkreutz und Marcel Schmelzer, zu Nationalspielern geworden. Das "Schnäppchen des Jahres", der Japaner Kagawa, war der Genius der Vorrunde, dessen Torquote in der Rückrunde Barrios übernommen hat.

Authentisches Kollektiv


Ein starkes Team, diese Borussia 2011! Das Kollektiv ist der Star beim BVB, der sich nach der Fast-Pleite 2005 neu erfunden und neu aufgestellt hat. Das größte Signal des Aufbruchs war die Verpflichtung des Trainers Jürgen Klopp. Der Mann ist ein Phänomen. Eines, das sich nicht so erklären lässt. Für ihn sind Arbeit, Nachhaltigkeit und Substanz die Säulen seines Wirkens.

Dazu eine vertrauensvolle Basis zu den Spielern, das Motto "Überzeugen statt Überreden" und authentisches Auftreten. Bei Klopps Meister-Helden stimmt nicht nur das Können, sondern auch das Wollen und die mentale Qualität: Auch, dass sie selten die Nerven verloren haben, zeugt von meisterlichen Weihen.

Ein modernes Fußball-Märchen

Das konkurrenzlose BVB-Ballett ist ein würdiger Titelträger, der am 14. Mai eine große Sause plant. An diesem Tag ist Eintracht Frankfurt der Gegner. Oder sollte man schon jetzt besser sagen, das Opfer? Dann hat Dortmund die Schale und die Eintracht vermutlich den Salat - und der schmeckt nach eher zweitklassigen Zutaten.

Der Trainerwechsel bei den Hessen hat keine positive Wirkung gezeigt: In fünf Spielen unter Christoph Daum gab es noch keinen einzigen Sieg und nur magere drei Pünktchen. Und auch die Zukunft sieht düster aus: Daum wird im Abstiegsfall freiwillig gehen und beschädigt sein, so dass es schwer vorstellbar ist, dass er noch mal einen Spitzenklub der Bundesliga trainieren wird. Dabei galt er vor zwei Jahrzehnten als einer der jungen Wilden unter den Trainern.


Ähnlich wie Klopp jetzt. Der hat mit Dortmund nun eine große Dosis Fußballromantik in das oftmals unsentimentale Bundesliga-Geschäft zurückkehren lassen: Ein junges Team geformt, dass sich auch privat versteht, exzellenten Fußball spielt und Finanzriesen (VfL Wolfsburg), "Möchte-Gern-Meister" (Bayer Leverkusen) und Meisterschaftsfavoriten (FC Bayern München) entzaubert hat. Das alles lässt ein Bild von einem modernen Fußball-Märchen entstehen - das den Titel tragen könnte: "Das Wunder von Dortmund!"

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