Licht und Schatten

EM-Generalprobe der DFB-Frauen

Spielfreude und Variantenreichtum zeichnen die deutsche Frauen-Nationalmannschaft bei der EM-Generalprobe gegen Brasilien (3:1) aus. Manko ist aber die Chancenverwertung. Und ein schwerer Torwartfehler irritiert.

DFB-Frauen im Test gegen Brasilien
Im letzten Test vor der EM in den Niederlanden gewinnen die DFB-Frauen gegen Brasilien mit 3:1. Quelle: dpa

Hasret Kayikci konnte hinterher ihr Glück kaum fassen. Die in Heidelberg-Rohrbach aufgewachsene Deutsch-Türkin, der aus Verwandtschaft und Freundeskreis nach eigener Aussage mehr als 100 Unterstützer auf den Rängen im Hardtwaldstadion in Sandhausen die Daumen drückten, sprach leise, als sie erzählte, wie mit ihrem wegweisenden Treffer zum 2:1 (65.) ein Traum in Erfüllung ging: "Das erste Länderspieltor hier – das ist für mich super.“

Die 25 Jahre alte Offensivallrounderin als eine von fünf (!) Spielerinnen des SC Freiburg ist eine Spätberufene der Ära Steffi Jones – und beim 3:1 gegen ersatzgeschwächte, weil ohne Topstars angetretenen Brasilianerinnen deutete Kayikci an, womit diese "technisch starke Straßenfußballerin“ (O-Ton Jones) den Kader bereichert: Sie macht viel mit Finten und Finessen, weniger mit Wucht und Kraft. "Jetzt hat jeder gesehen, was sie draufhaut“, jubilierte die Bundestrainerin, die insgesamt drei Vorbereitungsmaßnahmen genutzt hat, um ihre Handschrift durchzudrücken. (Am Samstag ist Jones zu Gast im aktuellen sportstudio).

Die Offensive wirkt variantenreich

Offensivfußball, varianten- und ideenreich, sollen Erkennungsmerkmal des deutschen Frauenfußballs werden, ohne die alten Erfolgsformeln zu verraten. Aber das unter Vorgängerin Silvia Neid recht starr ausgelegte 4-2-3-1-System ist in der Mottenkiste gelandet. Die 44 Jahre alte Nachfolgerin setzt auf ein flexibles 4-2-2-System mit Mittelfeldraute – fast so wie es im Männerbereich der SV Werder vor mehr als einem Jahrzehnt in seinen besten Zeiten zum stilprägenden Grundmuster machte. Vorteil: Vielfalt in der Vorwärtsbewegung. Nachteil: Anfälligkeit in der Rückwärtsbewegung.

Als Lackmustest für die defensive Stabilität war das erste und einzige Testspiel vor der EM in den Niederlanden (16. Juli bis 6. August) leider ziemlich untauglich, weil die Südamerikanerinnen zu schwach wirkten. Ob Sara Däbritz (FC Bayern) alleine auf der Sechser-Position vor einer Innenverteidigung mit Babett Peter (VfL Wolfsburg) und Kristin Demann (seit 1. Juli FC Bayern) auch dem Druck stärkerer Gegner standhält, ist eine spannende Frage, die wohl erst bei der Euro beantwortet wird.

Dzsenifer Marozsan ist der Dreh- und Angelpunkt

Generell gilt: Jones steht auf Typen, die wie Linda Dallmann (Torschützin zum 1:0, 30.) stets die spielerische Lösung suchen. Auch die 23-Jährige von der SGS Essen scheint gesetzt, und im Angriff hat Svenja Huth (Turbine Potsdam) bessere Karten als die erfahrene Anja Mittag (FC Rosengard). "Dreh- und Angelpunkt“ (Jones) im Team ist allerdings Spielmacherin Marozsan vom Champions-League-Sieger Olympique Lyon, die alle Freiheiten genießt.

Die als Persönlichkeit und Fußballerin gereifte Kapitänin legte den Finger in die Wunde, als sie den Aussagewert dieses Länderspiels vor nur 5469 Besuchern relativierte: "Wir bekommen beim Turnier nicht so viele Chancen und müssen vor dem Tor eiskalt werden. Schweden wird eine ganze Schippe stärker sein.“ Und dann war da ja noch ein "blödes Gegentor“ (Marozsan), das irgendwie alle irritierte.

Nicht der erste Fehler von Schult

Fatal wie Almuth Schult nach einem Rückpass zu lange zögerte und der Brasilianerin Ludmila das zwischenzeitliche 1:1 (49.). Es war nicht der erste Aussetzer der Torhüterin, die vor allem im Nationaltrikot bei 42 Einsätzen zu oft scherwiegend falsche Entscheidungen traf. "Es war einfach eine Dummheit, dass ich den Ball nicht früher wegschlage“, übte Schult Selbstkritik. Sie habe die Situation schlicht "unterschätzt.“ So lange die Mannschaft hinter ihr stehe, sei jedoch alles gut.

Wichtiger jedoch, dass die Bundestrainerin der auch in den Mannschaftsrat berufenen Torfrau vom Meister VfL Wolfsburg Rückendeckung erteilte. "Die Nummer eins wackelt nicht – an Fehlern wächst man. Es ist nicht angebracht, dass ich meiner Nummer eins jetzt irgendwelche Ängste mache. Das ist nicht meine Art“, stellte Jones auf Nachfrage von ZDFsport.de klar. Die Trainerin setzt darauf, dass "so etwas bei der Euro nicht noch mal passiert.“

Titel ohne gute Torwartlesitung kaum zu holen

Besser wäre es: Denn der letzte von acht EM-Siegen 2013 in Schweden war ganz eng mit der Aura und Ausstrahlung und letztlich den Paraden einer Nadine Angerer verknüpft, die damals in Solna im Finale gegen Norwegen (1:0) sogar zwei Elfmeter abwehrte. Ohne eine starke Torhüterin ist der nächste Titel für die deutsche Frauen-Nationalmannschaft kaum zu gewinnen.

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