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Künstler des Machbaren

Fußball-Bundesliga: FC Bayern - Borussia Dortmund

Peter Stöger hat den BVB defensiv stabilisiert und in der Liga auf Kurs gebracht. Doch die Zweifel wachsen, ob der Trainer den ambitionierten Dortmundern auf Sicht helfen kann.

Peter Stöger
Durchwachsene Bilanz beim BVB: Peter Stöger Quelle: reuters

Fast könnte man vorm "Topspiel" des 28. Spieltags meinen, nicht der FC Bayern stehe uneinholbar an der Tabellenspitze, sondern Borussia Dortmund. In der Länderspielwoche gönnte sich der BVB den Luxus, einen Trainingstag für PR-Zirkus um Möchtegern-Kicker Usain Bolt zu verschwenden. Und Hans-Joachim Watzke fand Zeit für einen Ausflug aufs rutschige TV-Parkett: In einer Reality-Show bewertete der Klubchef die Motivationskünste junger Startup-Gründer. Dabei drängt doch eher die Frage: Wie steht er zu den Fähigkeiten seines Trainers Peter Stöger?

Trügerische Ergebnisse

Dessen Vertrag läuft im Sommer aus, und seine Bilanz nach 17 Pflichtspielen in Schwarz-Gelb ist durchwachsen. Das DFB-Pokal-Aus in München war zu verschmerzen, doch das krachende Scheitern im Achtelfinale der Europa League gegen Red Bull Salzburg hat dem Klub-Renommee schwer geschadet.

In der Liga dagegen ist Stöger mit dem BVB ungeschlagen. Seit er Anfang Dezember für den glücklosen Peter Bosz übernahm, hat er die Westfalen von Rang sieben auf Rang drei geführt. Allein: Die brauchbaren Ergebnisse stehen in merkwürdiger Relation zu meist mauen Auftritten und teils heftiger Kritik, mit der Stöger selbst und in immer kürzeren Abständen die eigene Truppe überzieht.

"BVB unter Stöger erlahmt"

"Nicht mal mir wird es gelingen, dass diese Mannschaft unattraktiven Fußball spielt", hatte Stöger vor Wochen selbstironisch geunkt. Offenbar hat er sich da unterschätzt - oder das Team zu positiv gesehen. Denn während Dortmund nun defensiv stabiler steht, hat die mit Talent gespickte Mannschaft sogar weiter an spielerischer Klasse verloren. Von früherer Offensiv-Power ist fast nichts übrig, eine Philosophie nicht erkennbar.

"Was ist umsetzbar? Das ist mein Zugang", sagte der Künstler des Machbaren, als er in einer Talkshow der "Ruhr Nachrichten" nach seiner Idee vom Fußball gefragt wurde "Der BVB ist unter Stöger erlahmt", titelte die "SZ" und mokierte sich über angeblich biederes Training - im Kontrast zum Denksport, den Thomas Tuchel einst am Übungsplatz im Vorort Brackel etablierte.

Rettungsanker individuelle Klasse

Nur 19 Treffer in zwölf Liga-Auftritten stehen zu Buche, diese Marke fiel im extrem anfälligen, dafür mutigen Bosz-System schon nach sechs Spieltagen. Der Spielaufbau hakt, es fehlt an Ideen, an Führung und Schnelligkeit - auch gedanklich. Zwischen Abwehr und Angriff klafft ein kreatives Loch, dass Stöger nicht gestopft kriegt.

Allein im defensiven Mittelfeld hat der Coach neun (!) Kombinationen ausprobiert. Vorm Tor rettet oft nur die individuelle Klasse. So wie zuletzt Michy Batshuayis Hackentreffer gegen Hannover. Oder Marco Reus’ Geniestreiche, ohne die Dortmund nun wohl gegen die Bayern auskommen muss.

Der schwere Abschied vom Spektakel

Um Stöger gerecht zu werden: Er hat ein am Ende der Bosz-Episode verunsichertes Team übernommen. Das Wintertrainingslager war zu kurz, um körperliche Defizite aufzuarbeiten und zudem vom Ärger um Pierre-Emerick Aubameyang überschattet. Verletzungspech und Form

krisen bleiben treue BVB-Begleiter. Und wie sehr das Bomben-Attentat vom April 2017 die betroffenen Spieler weiter belastet, lässt sich ohnehin nicht seriös beurteilen. Die bewegenden Zeugen-Aussagen von Kapitän Marcel Schmelzer und Co. jüngst vor Gericht gaben einen Hinweis.

Vor diesem Hintergrund hat der Krisenhelfer sehr solide gearbeitet. Doch bleibt die Frage, ob das kommende Saison für den Anspruch der Dortmunder reicht. Wie groß der ist, dafür reicht ein Blick zum Revierrivalen: Auf Schalke wird Domenico Tedesco für eine nur knapp bessere Punkt-Ausbeute gefeiert - bei ähnlich fadem Fußball. Es ist der Fluch der guten Tat: Wer sich je in Klopps Vollgasfußball verliebte oder in Tuchels Ballbesitz-Stafetten, für den gibt es ästhetisch kein Zurück.

Daher blicken sogar Hardcore-Fans kritisch: Das Fanzine schwatzgelb.de etwa spiegelt die tiefe Enttäuschung vieler Anhänger wider. Im früheren Westfalenstadion bleiben neuerdings ungewohnt viele Plätze leer. Selbst wenn man sich unter den leidensfähigen Allesfahrern umhört, lautet der Tenor eher: "Hoffentlich lässt sich Aki Watzke nicht von Ergebnissen blenden."

Im Wettbewerb mit dem Branchenführer

Ironie des Schicksals: Stögers Chancen auf einen neuen Vertrag steigen, weil den Bayern gerade Tuchel als Heynckes-Nachfolger durch die Lappen ging. Der BVB steht daher mit dem Branchenführer im nicht zu gewinnenden Wettbewerb um die weitgehend gleichen Kandidaten: Favre etwa, Hasenhüttl oder Kovac.

Andererseits ist es hart genug, überhaupt das Saisonziel Königsklasse zu erreichen - Mindestanforderung für eine weitere Amtszeit Stögers. Die Gradmesser, an denen Bosz auch letztlich scheiterte, beginnen schließlich erst jetzt mit dem Auftritt in München. Das weiß auch der Trainer: "Diese sieben Spiele, das wird eine schwere Geschichte."

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