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BVB - Meister der Zwischenbilanz

Fußball-Bundesliga | Letzter Spieltag

Kein Druck mehr in Dortmund? Von wegen! Eine verpasste Meisterschaft könnte den BVB noch weit über das Saisonende hinaus beschäftigen. Um doch noch eine Chance auf den Titel zu haben, muss am Samstag bei Borussia Mönchengladbach ein Sieg her.

Fußball-Bundesliga, Borussia Dortmund: Dan-Axel Zagadou, Mahmoud Dahoud, Marius Wolf, Axel Witsel und Christian Pulisic (v.l.)
Dan-Axel Zagadou, Mahmoud Dahoud, Marius Wolf, Axel Witsel und Christian Pulisic (v.l.)
Quelle: dpa / Guido Kirchner

Wenn es nach Hans-Joachim Watzke geht, kann sich Borussia Dortmund am Wochenende auf eine fantastische Party gefasst machen. "Wir hatten eine tolle Saison. Der Druck wandert nach Süden", hatte der BVB-Chef nach dem vorletzten Bundesliga-Spieltag Richtung Spitzenreiter FC Bayern geunkt. Kurz vorm Showdown im Meisterrennen legte Westfalens Abteilung Attacke noch mal ungewohnt optimistisch nach. "Ich habe das Gefühl, dass wir vor großen Dingen stehen."

Getrübte Fan-Stimmung

Die Stimmung in Dortmund ist allerdings eine andere. Selbst die Hardcore-Fans der Südtribüne hatten sich jüngst nach dem glücklichen 3:2-Sieg über Fortuna Düsseldorf eher pflichtschuldig der traditionellen Jubel-Liturgie zugewandt.

"Wer wird Deutscher Meister? Borussia BVB!" schallte es nur kurz von den Rängen, ehe die schwarz-gelbe Gemeinde dazu überging, Marcel Schmelzer für dessen 250. Liga-Einsatz abzufeiern. Watzkes Hoffnung steht offenbar stark im Kontrast zum Realismus im BVB-Universum und den müden Beinen und Geistern seiner Spieler.

Turbulente Saison

Schon vorm letzten Spieltag 18 Punkte mehr als in der Vorsaison, der Sprung in die Champions League längst gesichert und den Meistertitel trotzdem noch im Blick: Das sind tolle Erfolge vor Ende einer turbulenten Saison, doch bislang ist der BVB eben doch nur Meister der Zwischenbilanz. Die Rückrunde droht den positiven Gesamteindruck zu trüben.

Verpasste Chancen gegen vermeintliche Außenseiter liegen schwer auf dem BVB-Gemüt. Kein Wunder, dass die Klubspitze eifrig damit beschäftig ist, die so zauberhaft gestartete Saison auf PR-Seite vorab ins Plus zu drehen. Alles andere lässt sich bei zwei Punkten Rückstand nicht mehr selbst regeln.

Offene Fragen

Natürlich wäre auch Rang zwei ein Riesenerfolg, doch nähme der souveräne Herbstmeister etliche offene Fragen mit in die Sommerpause, die vor wenigen Monaten bereits geklärt schienen.

Ist der BVB mit dem Umbau der Mannschaft etwa doch noch nicht so weit? Fehlen Reife und Mentalität? Warum ging die Abwehr-Stabilität verloren? Braucht es mehr Punch in der Offensive? Ist Trainer Lucien Favre mehr als ein perfekter Übergangs-Coach? Wie um Himmels Willen konnte Schwarz-Gelb neun Punkte Vorsprung verspielen?

Und warum scheiterte die Borussia beim Gegensteuern? Die Krisen-Signale waren doch spätestens seit der Augsburg-Pleite am 24. Spieltag offensichtlich und wurden von Berater Matthias Sammer klar adressiert.

Knackpunkt Abwehr

Ein zentraler Grund für die durchwachsene Rückrunde ist sicher, dass der BVB die neue Stabilität in der Abwehr nicht halten konnte. In Manuel Akanji und Dan-Axel Zagadou schien Favre früh eine Stamm-Innenverteidigung gefunden zu haben.

Außen war Achraf Hakimi ein Shooting-Star der Hinrunde, Lukasz Piszczek brachte die nötige Routine. Doch seit Dezember wurde die Viererkette ständig durch Verletzungen auseinandergerissen. Die Grundlage des Favre-Fußballs - erschüttert.

Zu sehr von Reus abhängig

Die Youngster Hakimi und Zagadou spielten sich durch Leichtsinnsfehler ins Abseits, Piszczeks Comeback kam aus der Not heraus zu früh. Zuletzt ließen sich Abwehrchef Akanji, der ansonsten überragende Torhüter Roman Bürki sowie Backup Marvin Hitz von der Unsicherheit anstecken.

Dortmunds Achraf Hakimi (R) und Julian Weigl jubeln über ihr Tor zum 1:0
Achraf Hakimi (r.) und Julian Weigl
Quelle: dpa

Umschüler Julian Weigl macht seine Sache zwar gut, ist aber keine Dauerlösung. Dass der BVB wohl satte 25 Millionen Euro in Hoffenheims Nico Schulz investiert, offenbart den Nachholbedarf.

Auch in der Offensive muss Dortmund nachlegen. Das BVB-Spiel ist viel zu oft von Marco Reus’ Geistesblitzen abhängig. Der Kapitän spielte vermutlich die beste Hinrunde seiner Karriere, zuletzt aber fiel er verletzt oder durch seine Disziplinlosigkeit im Derby aus.

Statistisch betrachtet klappt es auch ohne den Offensivstar ganz gut, aber mit Reus ist das Spiel dynamischer. Kein Wunder also, dass der BVB nicht nur Thorgan Hazard aus Gladbach loseisen möchte, sondern auch über die Verpflichtung von Leverkusens Julian Brandt nachdenkt.

Beide wären gute Ergänzungen zu Jadon Sancho und Mario Götze, den beiden Hoffnungsschimmern der Rückrunde. Schließlich kommt die Borussia nicht um eine Alternative zu Stürmer Paco Alcacer herum. Der Spanier hat mit seinen 18 Saisontoren zwar alle Ziele übertroffen, glänzt aber in der Joker-Rolle viel heller.

Unglückliche Kommunikation

Lucien Favre hat in seinem ersten Jahr bei Borussia Dortmund Großartiges geleistet. Aber auch der Trainer muss sich hinterfragen. Einige diskussionswürdige Aufstellungen, die eklatante Schwäche bei Standards, die zögerliche Einflussnahme, wenn ein Spiel auf der Kippe steht oder die unglückliche Kommunikation nach außen - das sind seine Baustellen.

Offenbar hat der Detail-Fanatiker auch vergessen, das mentale Gerüst zu stärken. "Ein Tor, dann sind sie fällig." Dieser Satz von Bremens Coach Florian Kohfeldt, der die Aufholjagd gegen den BVB einleitete, steht sinnbildlich für das angeknackste Dortmunder Selbstbewusstsein.

Klopps Weisheit

"Anstatt den Profis von ihren Stärken vorzuschwärmen, so hört man, warne Favre oft überdeutlich vor den Gefahren", schrieb die gut in der BVB-Chefetage vernetzte "Süddeutsche Zeitung" - ausgerechnet nach dem Königsklassen-Wunder des FC Liverpool, das alle BVB-Fans schmerzhaft an Motivations-Guru Jürgen Klopp erinnerte und an dessen Credo: "Die Lust am Gewinnen muss größer sein als die Angst vorm Verlieren."

"Es gibt keinen Druck mehr bei uns. Das ist eine Phantom-Diskussion", sagt BVB-Chef Watzke vorm Liga-Endspurt. Aber ein Überraschungs-Erfolg würde vermutlich einige der Diskussionen rund um Dortmund erheblich leichter machen.

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