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BVB: Wo sind die Mentalitätsmonster?

Fußball-Bundesliga | 29. Spieltag

Borussia Dortmund braucht gegen Mainz 05 ein Ausrufezeichen, um sich im Meisterschaftsrennen zurück zu melden. Kann Trainer Favre die früheren Mentalitätsmonster reanimieren?

Borussia Dortmund
Borussia Dortmund
Quelle: Reuters

In Dortmund war diese Woche Kuscheln angesagt. Beim öffentlichen Training nach dem Bayern-Debakel nahm Klub-Maskottchen Emma, die XXL-Plüschversion, Kapitän Marco Reus tröstend in den Arm, als er Autogramme gab. Auf allen sozialen Medienkanälen feuerte der BVB die gleiche Botschaft ab: Schwarz-Gelb ist loyal und steht zusammen, gerade in schweren Zeiten. Kritik und schonungslose Analyse des Gipfels müssen warten. Sechs Spieltage vorm Liga-Finish richtet die Borussia den Blick lieber auf die unmittelbare Zukunft.

"Es bringt nichts, drüber zu sprechen. Wir müssen nach vorne schauen, fertig", sagt BVB-Trainer Lucien Favre vor der Partie gegen Mainz 05, die für den schwächelnden Herausforderer plötzlich zur Charakterfrage wird. "Wir müssen eine Reaktion zeigen." Sportdirektor Michael Zorc erwartet nach der 0:5-Lehrstunde bei den Bayern ein Ausrufezeichen im Kampf um den Titel. "Wir hoffen auf eine Trotzreaktion." Der Rückstand auf Spitzenreiter München beträgt nur einen Punkt, aber gefühlt trennen beide Teams seit Wochen Welten.

Hat der BVB ein Mentalitätsproblem?

Wir hoffen auf eine Trotzreaktion.
BVB-Sportdirektor Michael Zorc

Während Bayerns Tormaschine 23 Treffer in den jüngsten fünf Liga-Spielen anhäufte, ist dem BVB die Leichtigkeit abhanden gekommen. Nur selten noch macht der Herbstmeister den Eindruck, als begreife er die historische Chance, Münchens Meister-Abo zu kündigen. Hoffenheim, Nürnberg, Augsburg - die Liste der verschenkten Gelegenheiten ist lang. Dabei hatte Zorc vorm Auftakt der Rückrunde gewarnt: "Wir dürfen nicht denken: Wir sind Erster und können hier und da ein paar Prozent weniger geben. Die Gier auf Erfolg müssen wir uns bewahren."

Selbst bei den jüngsten Siegen fehlte der frühere Glanz. Das Last-Minute-Drama gegen Wolfsburg ließ sich zwar prima als Trendwende verkaufen - mit so viel Dusel wird man Meister. Aber vor der umjubelten Nachspielzeit machte die Mannschaft keinesfalls den Eindruck, als wolle sie ihr Glück erzwingen. BVB-Berater Matthias Sammer hatte es beim peinlichen Augsburg-Ausrutscher bereits auf den Punkt gebracht: Es steht eine Elf auf dem Platz, die gerne gewinnt, aber nicht alles dafür gibt: "Es fehlen vielleicht nur 0,1 Prozent. Aber die sind manchmal entscheidend."

Auf der Suche nach den Gründen

Wir haben ein Ziel, das weiß jeder.
Roman Bürki

Geändert hat sich seither wenig. Sechs Punkte und elf Tore weniger als zum gleichen Zeitpunkt der Vorrunde stehen zu Buche, nur Rang fünf in der Rückrundentabelle. Aber warum? Einige der Helden der Hinrunde konnten die Form nicht halten. Axel Witsel, anfangs das Mentaltiätsmonster schlechthin, weckt die Mitspieler nicht mehr aus der Lethargie. Die Youngster Hakimi, Pulisic, Bruun Larsen - verletzt oder außer Form. Defensivtalent Zagadou - über die Saison nun schon mit drei krassen Patzern. Selbst Abwehrchef Akanji ließ sich zuletzt von der Unsicherheit anstecken.

Fahrig, leichtfertig - für die Borussia ist die Rückrunde ein Rückschlag. Solche Auftritte glaubte der BVB nach der Seuchensaison 17/18 überwunden zu haben. Sebastian Kehl, als neuer Leiter der Lizenzspieler-Abteilung extra dazu auserkoren, negative Trends einzudämmen, dürfte hinter den Kulissen zurzeit viel Arbeit haben. Die "Bild" vermutet interne Konflikte und titelt: "Darum rumort es in der BVB-Kabine."

Trainer in der Kritik

Der Ansatz von BVB-Trainer Favre wirkt oft verkopft. Für einfache Lösungen ist der Stratege nicht immer zu haben. Gegen Wolfsburg schmorte der frühere Kapitän Marcel Schmelzer auf der Bank, obwohl gleich zwei andere Außenverteidiger ausfielen. In München war Favre so davon überzeugt, Routine bringen zu müssen, dass er Lukasz Piszczek aufs Feld warf, obwohl der frisch aus einer langen Zwangspause kam. Nun ist der Pole erneut verletzt, es droht das Saisonaus.

Auch über Favres Offensiv-Ideen lässt sich streiten. Der überforderte Mo Dahoud rückte beim Liga-Gipfel wohl nur in die Startelf, weil er im Hinspiel aufgetrumpft hatte. Dafür opferte Favre Mario Götze, zuletzt einer der Konstantesten, und nahm Marco Reus als Sturmspitze gleich mit aus dem Spiel. Der Favre-Fußball will alles spielerisch lösen, aber vielleicht ist gerade ein simpler Ansatz gefragt. Favre muss Emotion zeigen, die Gier wecken, eigene Stärken betonen. Ansonsten läuft er Gefahr, seine bisher tolle Arbeit mit einem schwachen Finish zu entwerten.

Meistertitel ist weiter das Ziel

Der BVB scheint zu früh zufrieden zu sein, die Kuschel-Therapie geht über Maskottchen Emma hinaus. "Wir haben ein Ziel, das weiß jeder. Aber auch wenn wir Zweiter werden, war es eine gute Saison", sagt Roman Bürki vorm Mainz-Spiel, das ein Signal an Konkurrent München senden soll, aber vor allem intern als Mutmacher dient. Mit der Bewertung hat der Torwart sicher recht, aber ob vorzeitiges Bilanzieren eine gute Strategie für den Schlussspurt ist? Der BVB muss vermutlich mindestens fünf der letzten sechs Partien gewinnen, um doch die neunte Meisterschaft zu holen.

Fr, 13.08.2021
Fr, 13.08.2021
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