Gefeiert statt gefeuert

Mirko Slomka hat Hannover 96 in die Erfolgsspur geführt

Als Absteiger im Vorfeld der Saison gehandelt, Erstrunden-Aus im DFB-Pokal, jetzt steht Hannover 96 in der Spitzengruppe, die Champions-League-Qualifikation vor Augen. Mirko Slomka hat den Verein dahin gebracht, wo ihn die wenigsten erwartet hätten.

Im Winter 2009/2010 ist Hannover 96 ganz unten. Nach dem Selbstmord von Robert Enke im November befindet sich das Team im freien Fall in der Bundesliga, verbringt die Winterpause bereits auf dem Abstiegsrelegationsplatz. Im Januar kommt Mirko Slomka. Er soll den Klassenerhalt sichern. Das gelingt auch. Doch nach dem Aus in der ersten Runde des DFB-Pokals gegen den Viertligisten Elversberg droht Slomka noch vor Start der Bundesligasaison 2010/2011 das Ende bei 96. Auch hinter den Kulissen kriselt es. Zwischen Trainer und Sportdirektor Jörg Schmadtke gibt es Konflikte. Slomka möchte neue Topspieler, die dementsprechend viel kosten. Schmadtke lehnt das wegen der geringen finanziellen Mittel des Klubs ab. Dennoch raufen sich beide zum Wohle von Hannover 96 zusammen. Das Ergebnis lässt sich sehen.

Phönix aus der Asche


Nach dem Klassenerhalt in der Vorsaison handeln viele Hannover als Abstiegskandidaten. Das Pokal-Aus scheint die Kritiker zu bestätigen. Aber Trainer Slomka formt ein neues Team, holt gemeinsam mit Manager Jörg Schmadtke Spieler wie Emanuel Pogatetz oder Mohammed Abdellaoue. Oder Torwart-Talent Ron-Robert Zieler - ein ähnlicher (überraschender) Glücksgriff wie damals auf Schalke, als Slomka den noch unerfahrenen Manuel Neuer zur Nummer Eins macht. Geschickt setzt der Coach die Mannschaft aus dem Low-Budget-Kader zusammen und bietet eine schlagkräftige Truppe auf.

Das Team setzt auf dem Platz das um, was Slomka fordert: "Hohe Handlungsgeschwindigkeit, Zweikampfstärke und schnelles Umschalten nach Balleroberung". Siege gegen den HSV, Werder Bremen, die diese Saison stark aufspielenden Mainzer oder sogar gegen den FC Bayern zeugen vom erfolgreichen Umsetzen der Taktik. Nach dem 31. Spieltag steht Hannover auf Platz drei, der die Champions-League-Qualifikation bedeutet, und hat die Europa-League-Teilnahme auf alle Fälle sicher.

Fitness, Strategie, Teamgeist

Slomka definiert den Erfolg des Teams in drei Schlagworten: "Fitness - wir können auch in der 90. Minute noch Akzente setzen. Strategie - wir haben weniger Ballkontakte, aber eine stabile Abwehr und gute Konter-Stürmer, die aus dem Mittelfeld heraus schnellstens bedient werden. Teamgeist - die Jungs machen auch privat viel zusammen." Zu seiner Strategie gehört auch die "Zehn-Sekunden-Regel": Die Zeit, die von Balleroberung bis Torabschluss maximal vergehen darf - eine enorm schnelle Spielweise also.

Mirko Slomka Quelle: dpa


Alle in der Mannschaft haben diesen Vorgaben zu folgen. Auch Stürmer Jan Schlaudraff, der dabei fast aus dem Raster gefallen. Er ist Slomka anfangs nicht lauf- und kampfstark genug. Doch der Coach bringt Schlaudraff auf den richtigen Weg, soweit, dass er aktuell ein fester Bestandteil des 96-Erfolges ist. Und das Training fruchtet beim ganzen Team: Die Mannschaft ist austrainiert und gefestigt. Eine Grundlage für die Leistung.

Wenig Geld schießt auch Tore

Slomkas Erfolg mit 96 ist nicht auf teure Topstars zurückzuführen - insofern vor allem ein Verdienst von Schmadtkes Philosophie des kleinen Preises. Torwart Zieler oder Verteidiger Pogatetz sind ablösefrei zu Hannover gekommen. Das Sturmduo Mohammed Abdellaoue und Didier Ya Konan hat zusammen nur rund 1,5 Millionen Euro gekostet - dafür bekäme man beispielsweise aktuell ein Siebzehntel von Bayern-Stürmer Mario Gomez.

Abdellaoue und Ya Konan haben in dieser Spielzeit insgesamt 23 Tore geschossen - mehr als die Hälfte aller Treffer. Es geht also auch ohne viele Millionen zu investieren. Mit einem vergleichsweise günstigen Kader steht man in der Tabelle sogar vor dem teuersten, dem von Bayern München.

Tiefen während der Höhen


Trotz des positiven Saisonverlaufs ist Mirko Slomkas Ruf angekratzt. Die zögerliche Vertragsverlängerung mit Hannover 96 hat dem Image des viele Jahre als "der nette Herr Slomka" bekannten Trainers geschadet. Kritiker werfen dem smarten Mr. Nice Guy während der Verhandlungen mit dem Verein Pokertaktiken vor. Die Verzögerungen hätten nur dazu gedient, dass der 43-Jährige mehr Geld haben wolle.

Das hat Spuren bei dem studierten Mathematiker hinterlassen. Slomka ist ein Fleißmensch, der sich Wissen akribisch aneignet, einer der sich von Anfang an hoch gearbeitet hat und der nicht von seinen Meriten als aktiver Fußballer - Slomka war nie Profi - zehren kann. Er ist einer, der stets betont, dass es ihm "nicht um Macht oder Millionen geht".

Bestätigung für gute Arbeit

Die Aussage von 96-Präsident Martin Kind, dass der Verein unbedingt mit ihm weitermachen will, wirkt da wie Balsam. Eine Bestätigung seiner Arbeit. Und Slomkas Verlängerung mit Hannover zeigt, dass er nicht das primäre Ziel verfolgt, den bestmöglichen finanziellen Vorteil zu erfeilschen. Denn zu den Vereinen mit riesigem Budget, die horrende Trainergehälter zahlen können, gehören die Niedersachsen eben nicht. Aber der Erfolg verdeutlicht, dass man das auch nicht unbedingt braucht.

Am Samstag ist Mirko Slomka von 23 Uhr an zu Gast im "aktuellen sportstudio" und stellt sich den Fragen von Moderator Wolf-Dieter Poschmann.

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