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Philipp Petzschner und Jürgen Melzer wollen ihrem Wimbledonsieg weitere Erfolge folgen lassen

Lange galten Philipp Petzschner und Jürgen Melzer als Spieler, die ihr Talent verschludern. Doch seit sie gemeinsam trainieren, sind sie erfolgreich. Die Spätstarter kommen als frisch gebackene Wimbledon-Sieger am Samstag ins "aktuelle sportstudio".

Philipp Petzschner ist ein wenig eigen. Wen er nicht gut kennt, braucht ihn gar nicht anzurufen. Er geht einfach nicht ran. Aber jeden Tag leuchtet ein bestimmter Name im Display seines Handys auf. Dann nimmt er sofort ab und sagt: "Hallo, Wimbledonsieger". Und am anderen Ende der Leitung erwidert Jürgen Melzer: "Servus, Wimbledonsieger." Dann lachen beide und legen wieder auf. Einmal pro Tag läuft dieses wechselseitige Spielchen, eben seit die beiden vor knapp zwei Wochen beim bedeutendsten Turnier der Welt den Titel im Doppel gewonnen haben.

Ein Sieg für die Ewigkeit


"Das ist der größte Erfolg unserer Karriere", sagen beide unisono und eine Einschränkung, dass es ja eben "nur" der gemeinsame und nicht der noch viel prestigeträchtigere Titel im Einzel sei, wollen sie nicht gelten lassen. "Wimbledonsieger ist Wimbledonsieger", stellt Petzschner klar, der als erster Deutscher nach Michael Stich gewann, "unsere Namen stehen dort jetzt ewig an der Wand. Das kann uns niemand mehr wegnehmen." Genau wie die Erinnerung an jenen denkwürdigen 3. Juli, als sie auf dem Center Court des All England Clubs mit einem souveränen 6:1, 7:5 und 7:5-Sieg den Schweden Robert Lindstedt und Horia Tecau aus Rumänien bezwangen.

"Dieses Bild, wie der Matchball longline ins Feld fällt, werde ich in meinem ganzen Leben nicht mehr vergessen", sagt Melzer. Beide nahmen sich einen Spielball, ihr Handtuch und ein Shirt als weitere Trophäen mit nach Hause, denn das Replikat der goldenen Schale, das sie ausgehändigt bekamen, hat lediglich die wenig prunkvolle Größe einer Müsli-Schüssel.

Besser spät, als nie

Doch auch wenn der Pokal ein wenig mickrig wirkt, war die Resonanz auf ihren Triumph ungleich überwältigender. Die Spielerkollegen freuten sich für sie, die Nachbarn backten ihnen Kuchen, die Anfragen für Talkshows reißen nicht ab und plötzlich erinnern sich auch jene an sie, die sich jahrelang nicht gemeldet haben. "Solche Leute interessieren mich nicht", sagt Petzschner, "mir sind nur die Menschen wichtig, die schon vor vier Jahren für mich da waren." Denn damals, da wollte vom inzwischen 26-jährigen Bayreuther und auch dem drei Jahre älteren Niederösterreicher niemand etwas wissen. Sie galten als Spieler, die ihr Talent verschluderten.


Melzer hatte 1999 den Juniorentitel in Wimbledon und Melbourne gewonnen, auch Petzschner galt schon früh als vielversprechendstes Talent. Erfüllen konnten beide die Erwartungen lange nicht. Melzer bekam die Auswirkungen der Nach-Muster-Ära zu spüren, wurde immer und immer wieder gefragt, warum er es denn nie weiter als bis Runde drei bei einem Grand-Slam-Turnier schaffen würde. Melzer gab jüngst bei den French Open die Antwort, als schon niemand mehr damit gerechnet hatte - er schaffte es ins Halbfinale. Und plötzlich entdeckten die Österreicher das Tennis wieder für sich, selbst das ORF übertrug nach jahrelanger Abstinenz wieder live.

So eng wie Brüder

Für Petzschner war Melzers Durchbruch Ansporn genug, es ihm gleichzutun. Seit sie sich vor anderthalb Jahren als Trainingspartner zusammentaten und sich das Betreuerteam teilen, ging es für beide stetig in der Einzelkarriere voran. Petzschner hatte lange nicht gelebt, wie es ein Tennisprofi tun sollte, und sich als Doppelspieler über Wasser gehalten. Doch durch den Einfluss von Melzer änderte sich das Lotterleben schlagartig. "Wir sind fast wie Brüder", sagt Petzschner. Ihre Freundschaft ist die Grundlage ihres Erfolgs. Die Solokarriere steht für beide an erster Stelle, daher trennten sie sich zum Saisonbeginn von ihren angestammten Doppelpartnern und taten sich für sporadische Einsätze als Duo zusammen. Mit durchschlagendem Erfolg.

Es scheint, als hätten sich die beiden Spätberufenen gesucht und gefunden und ergänzen sich perfekt auf und neben dem Platz. Dass sie in dieser Woche am Stuttgarter Weissenhof ausnahmsweise mit anderen Partnern spielen, lag an der späten Entscheidung Melzers, dieses Turnier einzuschieben. Petzschner musste sich bereits vor Wimbledon auf einen Partner festlegen und gab Christopher Kas die Zusage. "Ab Hamburg spiele ich wieder mit Jürgen, darauf freue ich mich", sagt Petzschner: "Wir sind jetzt schon so gut wie für das Tour-Finale qualifiziert, das ist eine große Sache für uns." Vielleicht wird sich Petzschner im Dezember dann mit "Hallo Weltmeister" am Telefon melden.

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