Lahm und Ballack: Der feine Unterschied

Noch nie gab es unterschiedlichere Spielführertypen

Der aktuelle und der ehemalige Kapitän der Nationalelf haben so gut wie keine Gemeinsamkeiten. Der eine hat eine lange Karriere vor sich, der andere wird maximal noch neun Monate in der Bundesliga bleiben. Das sind nicht die einzigen Unterschiede.

Michael Ballack - Philipp Lahm
Michael Ballack - Philipp Lahm Quelle: imago

Während Philipp Lahm eine große Saison anpeilt, droht Michael Ballack ein unwürdiger Abschied.

Verschieden in allen Bereichen


Beim vierten Ligaspiel saß er zum dritten Mal über 90 Minuten auf der Bank - die beiden sportlichen Entwicklungen laufen in völlig gegensätzliche Richtungen. Lahm und Ballack - nie in der DFB-Geschichte gab es unterschiedlichere Spielführertypen. Hier der emotionale Leader und Weltstar mit wuchtiger Körpersprache, der intern oft aneckt, dort der flinke Weltklasse-Verteidiger, der auf und neben dem Rasen mit List und Kalkül agiert.


Privat sind sie sich immer aus dem Weg gegangen. Zudem hat Ballack keine hohe Meinung von Lahm, der laut Rudi Völler 2010 "durch eine Intrige" zum Spielführer geworden sei, was nicht zu beweisen ist. In seinem heute erscheinenden Buch "Der feine Unterschied" wird deutlich, dass Lahm komplett anders tickt als sein ehemaliger Mitspieler Ballack.

Mit offenem Visier

Lahm ist ein Anti-Ballack - Ballack wiederum ein Anti-Lahm. Der populärste Reservist der Liga hat in seiner Laufbahn häufig Mitspieler kritisiert und sie auch verbal (zu) heftig angegriffen, aber er hat alles intern geregelt und Kollegen nie in der Öffentlichkeit angezählt. Ballack bevorzugt das offene Visier.


Wenn, dann zeigte er seine Wut direkt - so wie beim EM-Disput 2008 mit Bierhoff und wie nach dem unrühmlichen DFB-Aus im Juni 2011, als er Löw attackierte. Egal wie man zu ihm stehen mag: Ballack war ein echter "Capitano" - Lahm dagegen bevorzugt einen anderen Führungsstil - ist damit nicht zwangsläufig ein "Mini-Capitano", wie einige meinen, sondern einfach nur ein anderer Typ und der Gegenentwurf zu seinem Vorgänger.

Warum jetzt?

Das zeigen auch die neuesten literarischen Ergüsse. Im Zuge der Buchveröffentlichung wurde er eindeutig schlecht beraten. Seine "Karriere-Flüsterer" oder beratungsresistenten Berater wollen wohl mit aller Macht das Image des scharfzüngigen, kritischen und meinungsstarken Führungsspielers mit Ecken und Kanten aufbauen. Doch mit dieser Hau-Ruck-Methode hat man Lahm keinen Gefallen getan.

Ballack hat, was viele vergessen haben, auch schon ein Buch herausgeben: "Sein Weg", das 2006 erschienen ist, stellt aber, und das ist der feine Unterschied zu Lahm, kein Nachschlagewerk des Nachtretens dar. Wie im Fußball, so ist auch bei anderen Dingen des Lebens manchmal das Timing ganz entscheidend. So stellt sich die Frage: Warum jetzt? Lahm steht doch mit 27 Jahren nicht unter allzu großem Zeitdruck, eine Biographie schreiben zu müssen.

Neues Image - altes Image

Amüsant ist das Verhalten der Profiteure des Möchte-Gern-Skandalbuches: Kaum gerät Edelfeder Lahm unter Druck, sind auch schon die Verteidiger des Verteidigers zur Stelle: Der mit der "Bild"-Zeitung bestens vernetzte Münchner bekommt sofort medialen Beistand: "Lieber Lahm als Blabla" hieß eine ganz originelle Überschrift - als wenn Lahm durch diese eine abenteuerliche Expedition ins Reich der bösen Buben jetzt über Nacht ein neues Image bekommen hätte.

Lahm war und ist keiner, der öffentlich Tacheles redet. Einmal in der "Süddeutschen Zeitung" die Einkaufspolitik der Bayern kritisiert, nun ein paar Breitseiten gegen diverse Ex-Trainer abgesondert - das war's in den letzen acht Jahren! Aber deshalb ist er doch noch längst kein Typ wie Effenberg, Sammer, Ballack oder Kahn! Wenn Lahm wirklich weiter an Profil gewinnen will, dann geht das nur über das Tun und Handeln.

Anders als die anderen

Denn bislang schirmte Verteidiger Lahm verbal eher Räume ab, in denen sich nichts ereignete. Durch inhaltsstarke und meinungsfreudige Interviews (auch gerne vor den Kameras) kann er sich künftig von anderen abheben, was er ja offensichtlich vor hat. Lahm will anders sein als die anderen - das ist legitim und verständlich - schließlich trägt er auch die begehrtesten Spielführerbinden des Landes.Dutt wünscht sich Ballack-Verbleib

Jene Stoffe, die auch der ehemalige "Big Boss" Ballack trug. Jetzt trägt er nur noch Frust und Abschiedsgedanken. Aber: Eine Demontage des Denkmals Ballack wollen die wenigsten in Leverkusen. Dass die Bayer-Chefs ihm jetzt doch die Tür öffnen, kurzfristig noch den Verein zu wechseln, bestätigt diese These.

Kommt noch ein Buch?

Übermorgen endet die Transferperiode. Wird es noch einen Wechsel geben? VFL Wolfsburg? Könnte sein! FC Malaga? Eher nein! Blackburn Rovers? Kein Zurück auf die Insel! Katar? Jetzt nicht! Vielleicht später. Der Klub des Öl-Milliadärs S. Kerimov "Anschi Machatschkala"? Niemals! Viele Spekulationen, die spätestens am Mittwoch enden werden.


Vielleicht wechselt er ja auch erst in der Winterpause! Dann eventuell zu seinem alten Spezi Torsten Frings (FC Toronto). In der nordamerikanischen Liga werden beide nicht ganz ausgelastet sein. Bei erhöhter Tagesfreizeit kommen beide vielleicht noch auf die Idee, gemeinsam ein Büchlein über die DFB-Elf unter Bundestrainer Löw zu schreiben! Möglicher Titel: "Der feine Unterschied - zwischen den Rauswürfen von Frings und Ballack!" Ich schlage ein Vorwort von Kevin Kuranyi vor.

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