Leise Töne statt Paukenschläge

Als Nachfolger von Hoeneß lässt es Nerlinger ruhiger angehen

Christian Nerlinger ist seit gut eineinhalb Jahren Sportdirektor beim FC Bayern München. Zunächst zusammen mit seinem Vorgänger Uli Hoeneß und seit Ende 2009 in Eigenverantwortung.

Bayern Münchens Teammanager Christian Nerlinger
Bayern Münchens Teammanager Christian Nerlinger Quelle: imago

Obwohl der Aufgabenbereich der gleiche ist, haben Nerlinger und Hoeneß kaum Gemeinsamkeiten. Der neue Sportdirektor lässt es eher ruhig angehen, hält sich etwas mehr zurück; der ehemalige ist bekannt gewesen für seine Ausbrüche, gerne auch mal vor der Kamera. Hoeneß, der Paukenschläger, ist jetzt Präsident des FC Bayern und sitzt oben auf der Tribüne. Nerlinger, der Ruhige, hat seinen Platz auf der Spielerbank eingenommen.

Klinsman ging, Nerlinger stieg auf

Eigentlich war der 37-Jährige als Teammanager unter Trainer Jürgen Klinsmann angedacht, kam auf Wunsch dessen auch nach München. Als Klinsmann scheiterte und gehen musste, blieb Nerlinger. In dem einen Jahr als Teammanager konnte der gebürtige Dortmunder die Bayern-Oberen überzeugen. Prompt planten sie weiter mit ihm.

Uli Hoeneß und Christian Nerlinger
Uli Hoeneß und Christian Nerlinger Quelle: imago


Nerlinger wurde mit nur 36 Jahren Sportdirektor bei Bayern. Das junge Einstiegsalter in den Beruf hat er mit Hoeneß noch gemein, auch wenn dieser damals 27 war, als er den Job des Managers übernahm und damit zum jüngsten Bundesliga-Manager aller Zeiten wurde. Auch dass der Nachwuchs-Manager von Sommer 2009 bis Weihnachten desselben Jahres gemeinsam mit Hoeneß arbeitete, vom Routinier in die Materie des Jobs eingeführt wurde, vereint die beiden. Intern konnte ihm der Bayernmacher sicherlich einiges beibringen. In der Außenwirkung hat der Lehrling vom Meister jedoch nicht so viele Züge angenommen.

Sachlich, aber auch mal emotional


Wie die Öffentlichkeit ihn sehe, sei ihm nicht so wichtig. Der Sportdirektor legt Wert darauf, dass er vereinsintern be- und geachtet wird. "Vor der Kamera flippe ich sicher nicht aus. Und ich trete keine Kabinentüren ein. Ich werde sauber mit allen umgehen, ich bin der sachliche Typ, der dem Spieler die Wahrheit ins Gesicht sagt", erklärte Nerlinger in einem Interview mit dem "Kicker".

Auch wenn er eher leisere Töne anstimmt, so sagt der Kopfmensch Nerlinger zwar seine Meinung nicht so dominant wie der Gemütsmensch Hoeneß, aber trotzdem deutlich. Auch in Richtung seines Mentors, der einmal sagte, dass Nerlinger ihn an den jungen Hoeneß erinnere. Mehrmals die Woche setzen sich beide zusammen, hin und wieder wird es dabei auch laut und emotional. Aber mit Hoeneß ist so etwas eben möglich, so Nerlinger, die Zusammenarbeit leide nicht darunter.

Auch ohne Robben und Ribéry top


Die großen Fußstapfen des erfolgreichsten deutschen Fußballmanager auszufüllen ist natürlich kein Leichtes. Aber Christian Nerlinger wächst in seine Aufgabe hinein. Er verfolgt die gleiche Transferpolitik, die Hoeneß in den letzten Jahren vorgegeben hat: Punktuelle Verstärkung, Qualität statt Masse.

Dennoch muss auch Nerlinger sich erklären, warum zum Beispiel der Erfolg des FC Bayern so sehr von einem Arjen Robben oder Franck Ribéry abhängig ist. Oder warum die Defensive nicht prominenter verstärkt würde. Doch Nerlinger bleibt gelassen. Der Kader sei auch ohne Robben und Ribéry national top, ebenso seien aktuelle Defensivspieler wie Holger Badstuber oder Anatoly Tymoschtschuk gute Besetzungen auf ihren Positionen.

Kommunikationskompetenz ist gefragt


Christian Nerlinger ist bereit für seinen FC Bayern viel zu geben: "Ich werde bedingungslos kämpfen für diesen Verein", sagte der zweifache Vater einmal. Umso mehr wird der Beruf zur Herzenssache, wenn es nicht so läuft. Wenn dann auch noch Kommunikationsprobleme auftauchen, wie zuletzt, als Trainer Louis van Gaal die Torwartposition neu bestimmte, ist Beruhigungsarbeit gefordert.

Die Bayern-Bosse hätten sich gewünscht, früher informiert zu werden, dass Jörg Butt gegen Youngster Thomas Kraft ausgetauscht wurde. Auch Nerlinger, der größte Fürsprecher des Niederländers vereinsintern, hätte sich ein Gespräch zur rechten Zeit gewünscht.

Geschickt verhandeln

Wenn die Bayern nicht längerfristig auf die Erfolgsbahn zurückkehren, ist Nerlingers Verhandlungsgeschick auf dem Prüfstand: entweder gegenüber dem Vorstand, um van Gaals Rücken zu stärken, oder gegenüber dem Alphatier auf dem Sportplatz van Gaal, um ihn zurück auf Bayern-Kurs zu holen. Oder aber - im schlimmsten Fall - einen neuen Trainer zu finden.

Am Samstag ist Christian Nerlinger zu Gast im "aktuellen sportstudio" bei Moderator Wolf-Dieter Poschmann.

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