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Bachs Spiel auf Zeit spaltet die Sportwelt

Debatte um Olympia angesichts der Corona-Krise

Die Sportwelt ist in der Frage nach der Durchführung der Olympischen Spiele in Tokio gespalten. IOC-Präsident Thomas Bach sieht sich teils scharfer Kritik ausgesetzt, erhält aber auch Zuspruch.

IOC-Präsident Thomas Bach vor dem Olympia-Schriftzug Tokio 2020
IOC-Präsident Thomas Bach
Quelle: imago

Die Sportwelt ist gespalten, Thomas Bach sieht weiter "keine idealen Lösungen": Während der IOC-Präsident in der Diskussion um eine Absage der Olympischen und Paralympischen Spiele in Tokio für diesen Sommer auf die Interessen zahlreicher Sportler hinweist, reichen die Reaktionen zu Bachs Haltung von Zustimmung und Unterstützung bis hin zu Ablehnung und Kritik.

Bach hält das Festhalten an der planmäßigen Austragung der Olympischen Spiele vor allem im Interesse der Sportler für gerechtfertigt. "Die Absage würde den Olympischen Traum von 11.000 Athleten aus 206 Nationalen Olympischen Komitees und dem IOC-Flüchtlingsteam zerstören", sagte der IOC-Chef am Samstag dem SWR. "Eine solche Absage wäre die am wenigsten faire Lösung."

Außerdem betonte Bach, man könne die Spiele nicht so einfach wie Spieltage im Fußball auf einen anderen Termin verlegen: "Das ist ein sehr komplexes Unternehmen, bei dem Sie nur verantwortlich handeln können, wenn sie verlässliche und klare Entscheidungsgrundlagen haben und die beobachten wir tagtäglich, 24 Stunden", so Bach.

DLV: IOC soll für klare Verhältnisse sorgen

Der deutsche Leichtathletik-Präsident Jürgen Kessing plädiert derweil für eine Verschiebung um ein Jahr, so wie dies die Europäische Fußball-Union UEFA jüngst für die EM 2020 beschlossen hatte. Kessing dringt darauf, dass das IOC "trotz wirtschaftlicher Zwänge" schnell für klare Verhältnisse sorgt. Der Sport wünscht sich rasch eine klare Entscheidung. Es kann nicht davon ausgegangen werden, dass die Pandemie in vier Monaten vorbei ist", so der DLV-Chef.

Die Olympia-Qualifikation der Leichtathleten sei besonders betroffen, auch wenn in einigen Disziplinen schon Ergebnisse und Leistungen aus dem Vorjahr dafür herangezogen werden. "Das reicht nicht, es wird immer schwieriger", sagte Kessing. "Was Training und Periodisierung betreffe gebe es große Probleme.

Auch der Geschäftsführer der Sportlergewerkschaft "Athleten Deutschland e.V.", Johannes Herber, unterstützt eine Verschiebung um ein Jahr. Dies würde eine größere Fairness garantieren, sagte der ehemalige Basketballprofi dem "Tagesspiegel". Beispielsweise in China würden schon wieder Wettbewerbe stattfinden, während in anderen Teilen der Welt Stillstand herrsche, erläuterte der 37-Jährige.

Athletenvertreter wollen sich beraten

Die deutschen Spitzensportler prüfen derweil in der Diskussion um eine mögliche Olympia-Absage eine Stellungnahme an den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB). Athletensprecher Thomas Röhler fordert im ZDF-Interview eine Verschiebung der Spiele und vor allem auch eine Planungssicherheit. "Wir müssen uns alle noch qualifizieren, und die Spiele rücken immer näher. Aber so lange können wir nicht mit Ungewissheit planen", so Röhler. Auch für die sechsfache Dressur-Olympiasiegerin Isabell Werth ist eine Verschiebung unumgänglich: "Der Fußball und die Formel 1 haben gezeigt, dass sie andere Zeitfenster gefunden haben", so Werth im ZDF.

In einer Telefonkonferenz wollen sich alle deutschen Athletenvertretern aus den verschiedenen Sportarten beraten. Hockey-Olympiasieger Martin Häner kann sich keine Sommerspiele in diesem Jahr vorstellen, sollte sich die Situation nicht merklich bessern . "Am Ende muss die Gesundheit der Sportler, aber auch die der Bevölkerung im Mittelpunkt stehen", so Häner: "Wir wollen kein Faktor sein, diese Krankheit - sollte sie dann noch bestehen - weiter in der Welt zu verbreiten."

Häner, der auch als Assistenzarzt im Berliner Martin-Luther-Krankenhaus von der Corona-Pandemie betroffen ist, zeigt gleichzeitig durchaus Verständnis dafür, dass IOC-Präsident Thomas Bach vom Zeitplan für Tokio noch nicht abrücken will. "Wie man es auch macht, kann man glaube ich keine richtige Entscheidung treffen. Das gilt für das IOC, aber auch für die Empfehlungen des DOSB und für uns Athleten genauso", so Häner.

Nationale Olympische Komitees gespalten

Druck erhält der IOC-Chef von de Olympischen Komitees von Brasilien und Norwegen. Diese fordern eine Verschiebung der Olympischen Spiele auf Sommer 2021. Es sei aktuell schwierig für die Athleten, ihre für den Wettbewerb nötigen besten Fitnesslevel aufrecht zu halten, schrieb das Brasilianische Olympische Komitee (COB) in einer Erklärung am Samstag. Das norwegische Komitee (NIF) hatte bereits am Freitag in einem Brief an Thomas Bach gefordert, die Spiele sollten erst stattfinden, wenn der Ausbruch weltweit unter Kontrolle gebracht sei.

Unterstützung erhält der Ringeorden indes aus Afrika. "Alle afrikanischen Olympischen Komitees hatten eine Telefonkonferenz mit dem IOC-Präsidenten, um sich über die Situation zu informieren, und alle Mitglieder unterstützten den Antrag, mit den Spielen fortzufahren", sagte Abner Xoagub, Präsident des Nationalen Olympischen Komitees von Namibia (NNOC).

Aus den USA werden derweil ebenfalls Rufe nach einer Verschiebung der Spiele laut. Ein Festhalten an den Wettkämpfen in Japan könne angesichts der globalen Ausnahmesituation nicht im besten Interesse der Athleten sein, erklärte der US-Leichtathletikverband USATF. Die Sportler bräuchten die Gewissheit, dass sie sich adäquat vorbereiten könnten und dass eine Teilnahme an den Spielen kein Gesundheitsrisiko darstelle. Bereits zuvor hatte der US-Schwimmverband eine Verschiebung der Spiele um ein Jahr gefordert.

Der deutsche Virologe Alexander Kekulé hält eine Austragung der Olympischen Spiele in diesem Sommer angesichts der fortschreitenden Coronavirus-Pandemie für nahezu unmöglich. Die "ganz große Welle" an Infizierten stehe Japan noch bevor, und Olympische Spiele mit mehr als 10.000 Athleten und vielen Tausend Fans seien unverantwortlich. "Es gibt für Viren quasi kein tolleres Fest als so eine Veranstaltung", betonte Kekulé in der ARD.

Mit Material von SID/dpa

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