Risse im Nervenkostüm

Die Liga dreht durch

Wohin man auch schaut: Provokationen, Pöbeleien und Konflikte. Man hatte sich ja schon daran gewöhnt, dass oftmals weniger das Sportliche, sondern vielmehr die Begleiterscheinungen des Fußballs zum Gegenstand der Diskussionen werden.

Doch die neuesten Turbulenzen haben nun alles in den Schatten gestellt. Vor allem die gesunkene Hemmschwelle der direkt Beteiligten ist bedenklich.

Zwei Raubtiere und ein Vogel

Insbesondere in der Autostadt nehmen sie das Leitmotiv "Mobilität" all zu wörtlich. Die "Wölfe" machen mobil gegen den Schiedsrichter und haben sich benommen wie Raubtiere vor der ersten Fütterung. Der Engländer Steve McClaren ist im Stile eines "Bad Boy" aufgetreten, weil er sich von Wolfgang Stark um den Sieg betrogen fühlte.


Der Schiedsrichter übersah ein klares Handspiel, was auch Manager Dieter Hoeneß zum Toben brachte. Seine Drohgebärden und Beschimpfungen ("Eine Schande") bilden einen Tiefpunkt dieser Hinrunde, in der das Ausraster-Schaufenster so weit geöffnet ist wie lange nicht mehr.

Spieltag der Tumulte

Dass der WM-Referee von Ordnern und Regenschirmen geschützt vor fliegenden Bierbechern in die Kabine gebracht werden musste, ist symptomatisch für einen Spieltag der Tumulte:

Da zeigt der Mainzer Christian Wetklo den eigenen Fans einen Vogel, nachdem es kleinere Rebellionen in den Anhängerschaften gegeben hatte. Da lässt sich der SV Werder weiterhin alles von Problemprofi Marko Arnautovic gefallen, der seinen Verein als "Saftladen" bezeichnet hat und ein Störenfried ist im einst so heilen Biotop der Bremer.

Klopps Konfrontation, Kölns Chaos

Es sind aber nicht nur verbale, sondern auch körperliche Paukenschläge, die die Schlagzeilen bestimmen. Jürgen Klopp ging so vehement auf den vierten Mann los, dass er ihm mit dem Mützenschirm vor die Stirn stieß. Diese übertriebene Aggressivität lässt sich nicht mehr nur mit Leidenschaft begründen. Zurzeit regiert der Hang zum Konfrontationskurs.

Den größten Trubel bietet wieder einmal der 1. FC Köln. Demütigung im Derby, auf den letzten Platz abgestürzt und interne Querelen: Interimscoach Frank Schaefer hatte den allzu aufmüpfigen Profi Chihi aus dem Kader geschmissen.


Jetzt droht ihm selbst der Rauswurf. Auch Manager Meier stehen übermorgen bei der brisanten Mitgliederversammlung unruhige Stunden ins Haus. Das Chaos in Köln setzt sich fort, und die Fans gehen auf die Barrikaden. Das Team wurde während des Trainings von rund 50 Anhängern zur Rede gestellt.

Branchenführer in Punkto Beleidigung

Nervenklinik Köln! Brandherd Bundesliga! Vor allem die erhöhte Drehzahl der Konfliktspirale überrascht. Spätestens seit der Attacke von Uli Hoeneß gegen den eigenen Trainer Louis van Gaal, hatte die junge Saison Ihren handfesten Skandal. Der moderne Satzbau der Profis von heute lautet anscheinend immer öfter: Subjekt, Prädikat, Beleidigung.

Und die Bayern sind auch auf diesem Gebiet Branchenführer. Da gehen sich im Training van Bommel und Timoschtschuk an den Kragen, da kommt eine verbale Keilerei zwischen van Gaal und Reservist Braafheid ans Tageslicht.

Menschlichkeit bleibt auf der Strecke

Ärger zwischen Trainer und Spieler - auch dieses Phänomen ist kein Einzelfall in dieser Hinserie. HSV-Coach Veh beschimpfte auf dem Platz für alle sichtbar seinen eigenen Spieler Trochowski. Es brodelt in der Liga.

Die jüngsten Verfehlungen haben gezeigt, dass Achtung und Fairplay in der Profirealität oftmals nur als theoretische Leitidee bestehen. Vieles entsteht im Affekt. Das ist einerseits unterhaltsam, andererseits auch eine gefährliche Tendenz.

Kein Gegenmittel?

Gibt es ein Gegenmittel für diesen "Klimawandel"? Nein! Zu den Erfahrungswerten zählt die nicht neue Erkenntnis: Die Bundesliga ist ein Geschäft, in der Empathie weitgehend ein Fremdwort ist. Alle gutgemeinten Appelle nach mehr Menschlichkeit sind löblich, aber wohl vergebens.

Wenn es nur wenige Stunden nach dem ersten Todestag Robert Enkes so hoch her geht, sagt dies vieles über den Ist-Zustand des groß angekündigten Umdenkens aus. Der Wille nach Veränderungen mag stärker ausgeprägt sein als vor einem Jahr. Aber im Liga-Alltag, in dem das Nervenkostüm traditionell Risse hat, wird sich so schnell nichts ändern.

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