Schatten über der Liga

Innehalten nach dem Selbstmordversuch eines Schiedsrichters

Der Versuch des Bundesliga-Schiedsrichters Babak Rafati, sich das Leben zu nehmen, schockiert. Auch wenn die Gründe noch unklar sind, müssen wir nicht nur "immense Drucksituationen", sondern auch manche abstoßende Aktionen gegen Unparteiische hinterfragen.

Babak Rafati
Babak Rafati Quelle: imago

Wie gerne hätte ich wieder mal über die Faszination des Fußballs geschrieben. Über die Neugeburt von Borussia Mönchengladbach, über eine Stadt, die nur mit Hilfe des Fußballs einst zu einem weltweiten Begriff geworden ist. Über den neuen Weisweiler, Lucien Favre. Oder über Marco Reus, der kaum die Zähne auseinander bekommt, aber galaktisch gut Fußball spielt.

Immense Drucksituation

Widerliche Aktionen im Netz

Auch Dortmunds Wiedereintritt in die Meisterschaftssphäre hätte ein paar analytische Gedanken verdient. Ebenso die Realität, die anscheinend unschlagbare Bayern eingeholt hat. Oder das wundersame Team von der Weser, das in seinen Auftritten alle Fans rätseln lässt.


All dies wird von den Ereignissen um Babak Rafati überschattet. Ein Schiedsrichter, der sich am Tag seines Einsatzes versucht das Leben zu nehmen. Wir kennen die Gründe noch nicht. Sie müssen auch nicht zwangsläufig mit seiner Tätigkeit im Fußball zusammenhängen. Es war jedoch der Präsident des DFB, Theo Zwanziger, der unter anderem von der immensen Drucksituation sprach, die auf den Schiedsrichtern lastet.
Babak Rafati wurde in Umfragen und Foren mehrfach zum schlechtesten Schiri der Liga "gewählt". Allein, dass so eine Wahl möglich ist, halte ich für abstoßend. Ebenso Wettmöglichkeiten auf die erste Trainerentlassung der Saison. Das ist einfach widerlich. Zumal alle diese Aktionen in der Anonymität von Formularen und Internetumfragen ablaufen - ohnehin ein fruchtbares Feld für Mobbing. Keiner stellt sich persönlich hin und wagt es, seinen oft genug vereinsgefärbten Unmut persönlich vorzutragen.

Als am Samstag im Münchner Stadion der Schiedsrichter wegen einer Lappalie von Tausenden aus der Gruppe heraus mit "Schiri, du Arschloch" beschimpft wurde, war die Tragik um Babak Rafati bereits bekannt. Interessiert hat es wenige Stunden später wohl viele nicht mehr.

Gewalt nicht immer offensichtlich

Gewalt ist nicht immer offensichtlich. Sie wird als solche nur wahrgenommen, wenn sozial gestörte Halbstarke sich gegenseitig die Schädel einschlagen. Sie beginnt aber viel früher. Die Vorstufe sind Verunglimpfungen, Beleidigungen und Attacken auf friedliche Sportler, die zumindest versuchen ihr Bestes zu geben.


Babak Rafati ist von der FIFA-Liste gestrichen worden. Dies hätte er mit Sicherheit sportlich akzeptiert. Im Fokus einer Hetze zu stehen kann nicht jeder ertragen. Wie gesagt, die Gründe für seinen Selbstmordversuch können ganz andere sein. Es ist trotzdem Zeit inne zu halten und sich darüber Gedanken zu machen, wie Fans Sportler behandeln sollten und wie ein respektvolles menschliches Miteinander aussehen könnte.

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