"Sport ist eine Testosteronwelt"

John Amaechi über seine Zeit als homosexueller Basketballprofi

2007 bekannte sich John Amaechi als erster NBA-Basketballer zu seiner Homosexualität. Obwohl er seine Karriere damals längst beendet hatte, zwang sein Bekenntnis den konservativen US-Profisport, sich der Frage nach der eigenen Toleranz zu stellen.

Ein Jahr vor Amaechis Coming-out stellte das US-Sport-Magazin "Sports Illustrated" in einer Umfrage unter 1400 aktiven Spielern aus den vier größten US-Profiligen die Frage: "Würden Sie einen bekennend Homosexuellen als Teamkollegen akzeptieren?" Fast 80 Prozent der befragten Eishockeyspieler sagten Ja, gefolgt von den Baseballern (61,5 Prozent), Basketballern (59,6 Prozent) und Football-Spielern (56,9 Prozent).

Angst vor den Konsequenzen


Doch warum gibt es trotz der scheinbar hohen Toleranz für Homosexualität in den US-Profiligen keinen aktiven Sportler, der sich offen zu seiner Homosexualität bekennt? "Weil es eine Angst einflößende Vorstellung für die Betroffenen ist", sagt Amaechi. "Die meisten haben Angst vor persönlichen, psychologischen, emotionalen und nicht zuletzt finanziellen Konsequenzen. Sport ist halt immer noch eine Testosteronwelt."

Dass diese Welt der oft überschäumenden männlichen Hormone in der Realität so gut wie nichts mehr mit dem Umfrageergebnis von Sports Illustrated zu tun hat, konnte Amaechi in seinen fünf Jahren als NBA-Profi selbst erfahren.

Offene Ablehnung

"Die Umkleidekabinen der NBA-Teams waren der schrillste Ort, an dem ich je gewesen bin", schrieb Amaechi in seinem 2007 erschienenen Buch "Man in the Middle". "Typen, die ihre perfekten Körper zur Schau stellen, sich mit ihren sexuellen Eskapaden rühmen und ihre 10.000-Dollar-Anzüge vorführen - Es war eine intensive Art der Freundschaft", erinnert sich Amaechi.

"Die meisten Typen, mit denen ich gespielt habe, hatten ganz offen etwas gegen Schwule", so Amaechi weiter. Das sei immer wieder deutlich geworden, wenn in Gesprächen das Thema Homosexualität aufkam. "Die meisten waren sich sicher, selbst als sie im Flugzeug neben mir saßen oder den Ball auf dem Feld zupassten, dass sie noch niemals einen Homosexuellen getroffen haben."

Unmännlich und schwach


Diese Art der offenen Homophobie im Profisport gegenüber Homosexuellen ist in zahlreichen Studien untersucht worden. "Anders als bei der Hautfarbe, die man nicht verbergen kann, ist Homosexualität etwas, das im Verborgenen bleibt", erklärt beispielsweise Kristopher Wells vom Institut für Minoritätenstudien an der Universität von Alberta, Kanada. Diese Unsichtbarkeit bereite den Nährboden für Homophobie und führe bei vielen Sportlern zu der Überzeugung, dass es in "meinem Team" keine Homosexuellen gäbe.

"Bekennend schwul zu sein, wird stereotyp als unmännlich und schwach gesehen - eine absolut negative Eigenschaft im Sport", sagt Wells. Schwäche werde mit Angreifbarkeit gleichgesetzt, was wiederum im Gegensatz zu häufig im Sport vorkommenden Aussagen wie beispielsweise "Kämpfe wie ein Mann" oder "Spiel nicht wie ein Mädchen" stehe. Auch Wells ist der Meinung: "Sport ist immer noch eine Männerdomäne, mit all ihren archaischen Klischees."

Kleine Schritte aus der Tabuzone

Amaechi hingegen hat nur wenige Teamkollegen kennen gelernt, die dem Thema offen gegenübergestanden hätten. Der russische Nationalspieler Andreij Kirilenko, Amaechis Teamkollege in Utah, sei einer davon gewesen. "Er hat mich einmal zu einer Silvesterparty mit den Worten eingeladen: ¿Bitte komm vorbei, John, und bring deinen Partner mit. Wer das ist, macht für mich keinen Unterschied'", schreibt Amaechi in seinem Buch und bekennt: "Ich war gerührt von seinen Worten. Das war wie eine Offenbarung. Es hat mir meine eigene Paranoia vor Augen geführt."


Amaechi beschloss, seine Homosexualität, die er bereits im Teenager-Alter entdeckt hatte, fortan nicht mehr permanent geheim zu halten. Mit der finanziellen Sicherheit eines garantierten Profivertrags in der Hinterhand, besuchte Amaechi immer häufiger auch Nachtclubs und Bars der Schwulenszene. Für ein Coming-out während seiner aktiven Zeit reichte die neu gewonnene Zuversicht allerdings zu diesem Zeitpunkt nicht. Amaechi beendete 2003 seine Profikarriere, arbeitete an einem Doktortitel in Psychologie und als TV-Experte, bevor er 2007 sein Buch vorstellte und gleichzeitig seine Homosexualität offenbarte.

Anerkennung von einigen Wenigen

Viele seiner ehemaligen Teamkollegen zeigten sich von der Nachricht weitgehend unbeeindruckt, einige wenige lobten Amaechis Entschluss. NBA-All-Star Grant Hill war einer von ihnen. "Das gibt vielen anderen den Mut, auch an die Öffentlichkeit zu gehen", meinte Hill damals. Nicht wenige Journalisten meinten sogar, dass jetzt die beste Zeit für aktive homosexuelle Spieler wäre, sich zu ihrer Sexualität zu bekennen. Eine Meinung, die jedoch seither kontrovers diskutiert wurde.

"Die Verantwortung darf nicht auf den Schultern der homosexuellen Sportler liegen", meint zum Beispiel der bekannte Sportjournalist und Blogger Scott Gyurina. "Alle Sportler und nicht zuletzt wir alle als Gesellschaft müssen ein Umfeld schaffen, in dem niemand mehr Benachteiligungen aufgrund seiner Sexualität fürchten muss." Erst dann sei die Zeit gekommen, in der auch aktive Sportler ihr Coming-out geben könnten.

John Amaechi sieht die Voraussetzungen dafür ebenfalls noch nicht. Auch aus diesem Grund plädiert er heute dafür, ein Coming-out nicht zu überstürzen. "Damit verändert man nichts", sagt Amaechi, "das Ergebnis ähnelt dem einer Frühgeburt. Man muss bereit sein, um es zu schaffen. Trotzdem ist ein Coming-out besser als keines. Wichtig ist, dass diese Menschen die volle Unterstützung bekommen."

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