Sportverbände haben zahlreiche offene Fragen

clemens prokop

Sport | das aktuelle sportstudio - Sportverbände haben zahlreiche offene Fragen

Das Papier, mit dem der DOSB und die Politik die Leistungssportstrukturen reformieren wollen, steckt voller Brisanz. Hinter den Kulissen läuft die Lobbyarbeit auf vollen Touren.

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Der Kern des Papiers: Sportarten werden in solche mit viel, mittel oder wenig Potenzial unterteilt, Olympia-Stützpunkte werden zusammengelegt, Bundesstützpunkte geschlossen.

Letzte Woche klingelte im 2. Klasse-Großraumwagen des ICE nach Stuttgart das Handy eines deutschen Bundestützpunkttrainers. Er war auf dem Weg zu einer Tagung, auf der der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) den Bundestrainern das neue Förderkonzept für den Leistungssport vorstellen wollte. „Ich weiß auch noch nicht, wie es weitergeht“, sagte der Trainer dem besorgten Athleten am Telefon.

Gewinner und Verlierer

Inzwischen wissen zwar alle Akteure im deutschen Sport wie der Reformentwurf aussieht, über den auf der DOSB-Mitgliederversammlung Anfang Dezember abgestimmt werden soll, aber die Verunsicherung ist noch nicht gewichen. Athletensprecherin Silke Kassner berichtet gegenüber ZDFsport.de von „zahlreichen Fragen“, die gerade bei den Olympiastützpunkten auflaufen und hinter den Kulissen läuft die Lobby-Arbeit auf vollen Touren. Denn klar ist: es wird Gewinner und Verlierer unter den Sportverbänden geben.

„In Deutschland sind die Verbände der einzelnen Sportarten zu Recht unabhängig, der Staat kann in der derzeitigen Rechtsordnung gar nicht bestimmen, dass sie sich verändern müssen“, sagt DOSB-Vizepräsident und Judo Olympiasieger Ole Bischof gegenüber ZDFsport.de. „Man kann aber von außen Anreize setzen. Wir wollen, dass die effizient und mit einem guten Konzept aufgestellten Verbände zukünftig eben mehr Mittel zugeteilt bekommen als die, die dies vernachlässigen.“ 

Kein Konzept – keine Kohle

Eine Verweigerung käme dem Verzicht auf Fördermittel gleich – entsprechend moderat    waren die ersten Reaktionen der Verbände.  "Es fällt keiner aus dem System. Man muss nur einen neuen Weg aufzeichnen“, sagt Siegfried Kaidel, Vorsitzender des Deutschen Ruderverbandes (DRV) und Sprecher der Spitzenverbände.

Dieser Weg wird von anderen Rahmenbedingungen flankiert als bislang, wo nur drei Kriterien im Verhältnis 60:20:20 darüber bestimmt haben, wie die finanzielle Förderung aussieht. „Die ersten 60 Prozent richteten sich danach, wieviel Wettbewerbe es in der Sportart bei Olympia überhaupt gibt. Darauf kann lediglich das IOC Einfluss nehmen, ist also fix und für dieses Kriterium bleibt außer Ansatz, wie gut der deutsche Verband aufgestellt ist, “ sagt Ole Bischof.

Neue Förderarithmetik

„ Völlig außer Acht blieb, ob ein Verband bei den Junioren eine goldene Generation hatte. So etwas wurde im gegenwärtigen System nicht belohnt.“ Künftig gehören solche Besonderheiten zu den 20 Attributen, die über die Förderung mitentscheiden.

Die Studiogäste am 12. November

Aus einem der großen Verbände, die von der bisherigen Förderarithmetik profitierten, regt sich erster Widerspruch. Clemens Prokop, Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) sieht im Gespräch mit der Stuttgarter Zeitung zwar "interessante, wichtige und zukunftsfähige Aspekte",  vermisst aber die Berücksichtigung der internationalen Konkurrenz in einer Sportart sowie pädagogische Gründe bei der Förderung einer Sportart.

Nicht nur auf Medaillen gucken

 "Erfolg bemisst sich nicht nur an Medaillen", sagt Prokop und bezweifelt außerdem die Aussagekraft des Potenzialanalysesystem (PotAS), das durch mathematische Berechnungen Potenziale von Disziplinen und Sportlern vorhersagen soll.

Ein weiterer Aspekt, den nicht nur Prokop vermisst, ist die internationale Doping-Situation. Im Entwurf steht zwar, dass es „für alle Akteure des Leistungssports in Deutschland unabdingbar (ist), dass Spitzenleistungen nur dann anerkannt und gefördert werden können, wenn sie doping- und manipulationsfrei erbracht werden.“ Laut Prokop müsse aber "allen Beteiligten klar sein, dass es schwierig ist, nur dank eines überlegenen Trainingssystems mit Nationen mitzuhalten, die sich durch unzureichende Kontrollsysteme einen Vorteil sichern."

Gedopte Athleten rausrechnen

In die gleiche Kerbe schlägt auch Silke Kassner: „Das muss man aber mitdenken, gerade im Hinblick auf die Untersuchungsergebnisse zu den Olympischen Spielen in Sotchi“, sagt das Mitglied der Athletenkommission beim DOSB. „Wenn wir dort die gedopten Athleten Russlands ausklammern, dann sind die Zielvorgaben der Politik bei uns wahrscheinlich erreicht worden.“

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