Andy Holzer - auf dem Gipfel der Selbstbestimmtheit

Der blinde Mount-Everest-Besteiger zu Gast im aktuellen sportstudio

Der blinde Bergsteiger Andy Holzer hat am 21. Mai den Mount Everest erklommen. In Gedanken war er bei seinem vier Wochen zuvor verstorbenen Vater – denn seine Eltern haben ihn gelehrt, trotz der Sehbehinderung seine Träume zu verwirklichen.

Blinder Bergsteiger Andy Holzer
Andy Holzer im April bei einer Akklimatisierungstour für den Everest-Aufstieg. Quelle: d. kopp/furtenbach adventures/dpa

Wer so viel in den Bergen sei wie er, steige auch als Sehender nicht wegen des Panoramas hoch, sagt Andy Holzer. Er weiß: "Irgendwann steigen Bergsteiger hoch, weil sie Lösungen für ein schwieriges Projekt finden möchten." Andy Holzer, 50 Jahre alter Osttiroler, hat die Lösung für das ultimative Projekt des Alpinismus gefunden. Er war auf dem höchsten Berg der Welt. Ohne zu sehen.

Nur einem anderen Blinden ist die Besteigung des 8.848 Meter hohen Mount Everest zuvor gelungen, dem Amerikaner Erik Weihenmayer. Der stieg 2001 allerdings von der nepalesischen Südseite auf, Holzer wählte die Route über die tibetischen Nordseite. Begleitet wurde er von zwei Freunden, Wolfgang Klocker und Klemens Bichler, beide Bergführer des Jägerbataillons des österreichischen Bundesheeres.

Menschliche Überreste auf dem Weg

Sie wechselten sich bei der Führung ab und nahmen Holzer immer in ihre Mitte. "Eine Einheit von drei Menschen im Gleichtakt, im Abstand von nur zwei bis drei Metern", so beschreibt Holzer ihren gemeinsamen Weg in seinem Blog. Und damit niemand auf falsche Gedanken kommt, erklärt Holzer dazu: "Wenn jetzt jemand denkt, man könnte auf weit über 8.000 Metern einen menschlichen Körper ziehen oder zerren, der irrt gewaltig. Nicht zufällig begegnet man auf diesem harten Weg anderen menschlichen Überresten, die es vor Jahren genau so versucht hatten und leider nicht geschafft haben."

Holzer musste natürlich jeden Schritt selber gehen. Kongenial angeleitet von seinen Freunden. Ausgestattet mit der schier unvorstellbaren Fähigkeit, verbale Anweisungen, taktile Hinweise sowie Signale seiner Körperwahrnehmung perfekt zu verarbeiten und in unermüdliche Bewegung vorwärts, aufwärts umzuwandeln.

Was man als Kind lernt

Dass er das kann, verdankt Holzer seinen Eltern. Das betont er immer wieder. Sie hatten zwei von Geburt an blinde Kinder, ihn und seine Schwester. Aber sie packten sie nicht in Watte, wie es die Nachbarn gern gesehen hätten, sondern forderten sie. Nahmen sie mit zum Wandern. Stellten sie auf Skier. Ließen sie das Fahrradfahren lernen.

"Wenn meine Eltern damals gesagt hätten, wegen der Nachbarn können wir nicht hochsteigen, wäre ich kein Mensch geworden, der die Zügel selbst in die Hand nimmt", hat Holzer mal gesagt. Und: "Was ich heute kann, das habe ich nicht als Andy Holzer der blinde Kletterer gelernt, sondern als Andy Holzer der Zweijährige."

Der Tod des Vaters

Sein Vater hat den größten alpinistischen Triumph seines Sohnes nicht mehr miterlebt. Er starb vier Wochen vorher überraschend kurz vor seinem 90. Geburtstag an einem Gehirnschlag. Holzer war da schon am Mount Everest. Er litt und er zweifelte. Zweimal hatte er die Everest-Besteigung schon in Angriff genommen. 2014 wurden nach einem schweren Lawinenunglück mit zwölf Toten alle Touren abgesagt, 2015 machte das schwere Erdbeben in Nepal den Berg unzugänglich.

Und jetzt, bei Holzers drittem Versuch, der Tod des Vaters. Sollte es vielleicht einfach nicht sein? Doch seine Familie zu Hause überzeugte ihn. Der Vater hätte nicht gewollt, dass er aufgibt. Nach seinem "Blind Date mit dem Everest", wie die "Stuttgarter Zeitung" titelte, sagte Holzer in einem Gespräch mit der "Kleine Zeitung": "Diesen Gipfel widme ich meinen Eltern und allen Eltern dieser Welt, dass sie ihre Kinder auf den Weg schicken, ohne auf die Voraussetzungen zu achten."

Everest als Symbol

Er sei ein blindes Kind gewesen und nicht an jedem Stolperstein verzweifelt. Weil seine Eltern ihm Mut machten. Weil sie wollten, dass er ein selbstbestimmtes Leben führen, seine Träume verwirklichen kann. Holzer sagt: "Es ging bei diesem Gipfel nicht um Bergsteigen, der Everest ist ein Symbol."

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