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Jochen Drees und die Crux mit dem Handspiel

Der Projektleiter Videoassistent zu Gast im aktuellen sportstudio

Die Auslegung der Handspielregel erregt in der Fußball-Bundesliga die Gemüter. Jochen Drees, Projektleiter für den Bereich Video-Assistent, spricht im aktuellen sportstudio darüber.

Jochen Drees
Jochen Drees
Quelle: imago images/Martin Hoffmann

Einfühlungsvermögen für das Schmerzempfinden von Menschen brauchte Dr. Jochen Drees schon früher. Seine in dritter Generation geführte Zahnarztpraxis im rheinland-pfälzischen Münster-Sarmsheim gab der 49-Jährige im Herbst vergangenen Jahres jedoch auf, um sich hauptamtlich um die Leitung des DFB-Projekts Videobeweis zu kümmern. "Ein gehaltvolles Thema" sei der neue Job, sagte Drees im Sommer bei seiner Vorstellung in der DFB-Zentrale.

Trotz oder wegen des Video-Assistenten?

Vor der Saison ließ sich nicht erahnen, dass die Akzeptanz seines Fachbereichs fast immer noch genauso kontrovers diskutiert wird wie bei seiner Einführung. Hauptgrund in den vergangenen Wochen: umstrittene Entscheidungen. Trotz oder wegen des Video-Assistenten?

Vor allem die Stadionbesucher tappten teilweise völlig im Dunklen. Drängende Fragen müssen beantwortet werden: Drees stellt sich nun im aktuellen sportstudio (Samstag ab 23 Uhr).

Offensive Öffentlichkeitsarbeit als Pluspunkt

Vorweg ist dem langjährigen Bundesliga-Referee zugute zu halten, dass er eine offensive Öffentlichkeitsarbeit betreibt. Viele waren sogar überrascht, wie klar sich Drees nach dem umstrittenen Elfmeter im DFB-Pokalhalbfinale zwischen Werder Bremen und Bayern München (2:3) am Tag danach äußerte.

Die über die DFB-Homepage verbreitete Einschätzung war diffizil: "Einerseits gibt es Aspekte, die auf fachlicher Ebene gegen einen Strafstoß sprechen. Andererseits gibt es allerdings auch einen Aspekt, der für ein strafstoßwürdiges Vergehen spricht. Aus schiedsrichterfachlicher Sicht halten wir die Strafstoßentscheidung für nicht korrekt", fasste Drees zusammen.

Und der Projektleiter stellte gleich mal klar, dass "die Kommunikation zwischen dem Schiedsrichter und dem Video-Assistenten nicht gut abgelaufen ist".

Zwayer machte es besser als Siebert

In früheren Zeiten wären die Schiedsrichter-Bosse bei solch heiklen Themen einfach abgetaucht. Nun sorgte Drees selbst für Klarheit - auch wenn der Referee Daniel Siebert und der eingesetzte Video-Asssistent Robert Kampka nun beschädigt sind.

Doch ließ sich der Vorfall im Bremer Weserstadion noch zügig aufklären - was allerdings dem SV Werder auch wenig half - ist es beim Handspiel noch viel schwieriger. Weil die Interpretation der Regel so schwer verständlich wirkt.

Anschauungsunterricht lieferte das Ruhrderby zwischen Borussia Dortmund und FC Schalke 04 (2:4). Weder die 80.000 Stadionbesucher, noch die Millionen Fernsehzuschauer hatten in Echtzeit wahrgenommen, dass sich Julian Weigl beim Blocken eines Schusses den Ball aus kürzester Distanz an die ausgestreckte Hand schoss.

Video-Assistent Guido Winkmann gab aus dem Kölner Kontrollraum einen Hinweis, Felix Zwayer prüfte die Situation vor Ort am Bildschirm - und zeigte auf den Elfmeterpunkt.

Favre schimpft

Dortmunds Trainer Lucien Favre redete sich unter dem Eindruck der Niederlage und zwei (berechtigten) Roten Karten in Rage, sprach von einer "Schande für den Fußball". Drees bilanzierte später - trotz eines vergleichbaren strittigen Falles in der Partie RB Leipzig gegen SC Freiburg (2:1) - jedoch ein "positives Wochenende".

Sein Chef Lutz Michael Fröhlich, Leiter der Elite-Schiedsrichter, ging sogar noch einen Schritt weiter: Er könne den Vorwurf einer "wirren" Regelauslegung nicht nachvollziehen.

Die Schiedsrichter sind selbst nicht glücklich

Dazu sei angemerkt, dass offenbar selbst die Schiedsrichter sich nicht wirklich in ihrer Haut wohlfühlen. Denn Zwayer äußerte sich nach der Begegnung in Dortmund wie folgt: "Der Arm war auf Schulterhöhe ausgestreckt. Das ist nach aktueller nationaler und internationaler Regel ein Handspiel. Die Distanz spielt keine Rolle."

Bemerkenswert sein Eingeständnis: "Wir setzen die Vorgaben um. Wenn Fußballexperten damit nicht einverstanden sind, ist das ihr Recht. Die Schiedsrichter sind die ärmsten Schweine."

Es muss nachgebessert werden

Der größeren Gerechtigkeit, die der Video-Assistent durch sein Eingreifen bei "klaren Fehlentscheidungen" bringen soll, stehen noch intensivere Diskussionen nach wiederholtem Zeitlupenstudium gegenüber. Hier kann der Stadionzuschauer gegenüber dem Fernsehkonsumenten gar nicht mehr mitreden - er ist vor Ort weitgehend ahnungslos.

Die Schiedsrichter sind die ärmsten Schweine.
Felix Zwayer

Zuvorderst die Hand-Debatte macht deutlich, dass noch einmal von der allein zuständigen Instanz International Football Association Board (IFAB) nachgebessert werden sollte. Wäre es nicht viel einfacher, wenn es wie früher heißt: Auf Handspiel wird nur bei erkennbarer Absicht entschieden; wer sich also mit einer Bewegung der Hand zum Ball einen Vorteil verschafft. Dann wären die restlichen Fälle "angeschossene Hand" - und hätten dementsprechend keine Bestrafung zur Folge. Oder würde der Fußball damit in einen Anachronismus zurückfallen, wenn der Videobeweis wieder abgeschafft würde?

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