Verkehrte Welt in der Bundesliga

S04 vom Glück verlassen, Mainz 05 vom Erfolg verwöhnt

Mainz ist auf Rang eins. Ein Platz, auf dem der selbsternannte Titelkandidat Schalke gerne stehen würde. Doch zwischen den Klubs liegen 17 Ränge. Das sind Welten. Das System Magath steht auf der Kippe, das Phänomen Mainz sorgt für Erstaunen.

Weiterbildung statt Populismus

Die Liga spielt weiterhin verrückt und Mainz den besten Fußball. Doch den Blick auf die Tabelle, wir ahnen es schon, wertet Thomas Tuchel als "Momentaufnahme". Er wird damit seinem Ruf als unaufgeregter Analyst gerecht. Dem bescheidenen Coach euphorische Hymnen oder gar Europacup-Ambitionen zu entlocken, ist ungefähr so aussichtsreich, als ob man einen Pottwal mit einem Teelöffel füttern und satt machen wollte.
Tuchel geht nicht auf Tuchfühlung mit dem in der Branche weit verbreitetem Populismus. Sein Credo ist ständige Weiterbildung - auch und gerade in Momenten des Erfolges. Sie verlangt er von sich selbst und von seinen Spielern. Genau durch diese Haltung ist er an seinen Job gekommen. Zehn Jahre hat er im Jugendbereich gewirkt, den Trainerberuf von der Pike auf gelernt und sich mit viel Fleiß über den C-, B- und A-Schein bis zur Profi-Trainerlizenz hochgedient.

Vor einem Jahr kannten Thomas Tuchel nur Insider der Szene. Dann wurde der Juniorentrainer (Meister mit der Mainzer A-Jugend) überraschend Nachfolger des entlassenen Jörn Andersen und führte den Klub auf Platz neun. Und jetzt sind sie gar ganz oben. Und das mit einem Saison-Etat von 14 Millionen Euro. So viel kostet auf Schalke exakt ein einziger Neuzugang: Klaas-Jan Huntelaar.

Geräuschloser Generationswechsel

Doch Schalke ist schon längst nicht mehr Schalke. Die Abkehr vom Jugendstil war falsch. Viel richtig machte bisher Thomas Tuchel, der seit 13 Monaten die Beobachter der Bundesliga mit Wissensdurst, hervorragender Kommunikation, Hege und Pflege von Talenten beeindruckt. Der 37-Jährige hat den Kader des rheinhessischen Vereins umgekrempelt und fast geräuschlos einen Generationswechsel vollzogen.

In Gelsenkirchen wollten sie auch einen Umbruch durchziehen. Der ist nach nun vier sieglosen Spielen gründlich daneben gegangen. Während Magath viele teure Flops gekauft hat, setzt der jüngste Trainer der Liga in Personalfragen auf preisgünstige Musterschüler wie André Schürrle, den er schon in der A-Jugend ausgebildet hat, und auf Talente, die auf dem ersten Bildungsweg bei anderen Klubs nicht den Durchbruch geschafft haben. So wie Lewis Holtby, der übrigens von Felix Magath aussortiert und an Mainz ausgeliehen wurde.

Von Traumstarts und Krisen

Holtby und Schürrle (der nächste Saison für Leverkusen spielt) sind Spielerjuwelen und Tuchel (angeblich von Bayer als Heynckes-Nachfolger für 2011 vorgesehen) ist ein Rohdiamant in der Gilde der Fußball-Lehrer, so wie einst sein Vorvorgänger Jürgen Klopp, der sich längst zu einem Startrainer entwickelt hat. Der 3:1-Sieg im Derby gegen Schalke macht Dortmund zum Mainz-Verfolger.


Eine Entwicklung, die schon charmante Züge hat. Der Ex-Mainzer Klopp und der aktuelle Coach der Nullfünfer rocken mit jungen Kickern die Liga. Für solche Phänomene führten Reporter-Urgesteine wie Rolf Töpperwien vor gefühlten 50 Jahren die schöne Formulierung "Traumstart" in die deutsche Fußball-Terminologie ein. Für das, was bei Vizemeister Schalke passiert, hat die Sportmedienbranche auch ein Lieblingswort parat: "Krise".

Wie gesagt: Die Liga spielt verrückt, Mainz den momentan besten Fußball und die Schalke-Spieler legen einen Traumstart hin - wenn sie denn beabsichtigen, Felix Magath früher als geplant loszuwerden.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet