Vom Fast-Absteiger zum Champions-League-Anwärter

Borussia Mönchengladbach spielt sich immer weiter nach oben

Aus dem Gladbacher Flirt mit der Bundesligaspitze ist in der Nacht von Freitag auf Samstag immerhin ein One-Night-Stand geworden. Und am Ende des 14. Spieltages liegt der VfL im Tabellen-Sandwich zwischen dem Deutschen Meister und dem Rekordmeister.

Borussia Mönchengladbach
Borussia Mönchengladbach Quelle: ap


In einer Woche könnte es dann was Festes werden mit der Führungsposition, wenn die schwarz-weiß-grüne die schwarz-gelbe Borussia im Topspiel besiegt. Denn die Zahlen lügen nicht: aktuell Platz zwei für den so-gut-wie-Absteiger 2011, die zweitwenigsten Gegentore für die zweitschlechteste Abwehr des Vorjahres und 29 Punkte nach 14 Spielen - so viele Zähler hatte die Mannschaft mit der Raute in der vergangenen Spielzeit erst nach 31 Spieltagen. Der VfL Borussia Mönchengladbach und die erfolgreiche Mutation vom Zweitligakandidaten zum Champions-League-Anwärter.

Lobeshymnen

Die Schulterklopfer vermehren sich. Kölns Stale Solbakken lobte die "im Moment beste Mannschaft der Bundesliga". Das Duell VfL gegen Effzeh offenbarte einen Klassenunterschied in allen Disziplinen des modernen Fußballs: Allein in punkto Spieltempo ähnelte der rheinische Vergleich einem Rennen zwischen Geißbock-Kettcar und Formel-1-Boliden. Uli Hoeneß erhob im aktuellen sportstudio die Borussia in den Kreis der Titelanwärter.

Eine hohe Auszeichnung für den Traditionsklub, aber sicher keine ohne Hintergedanken beim bayerischen Meinungsmacher: Hoeneß will den Druck erhöhen auf den so betont bescheidenen Erzrivalen aus den siebziger Jahren. Das allein ist ein kaum zu überbietendes Lob aus dem Land des Rekordmeisters für die Macher in Mönchengladbach.

Die Macher des Erfolgs

Die Protagonisten der Erfolgsgeschichte sind Sportdirektor Max Eberl, einer mit fußballerischen Wurzeln beim Vorzeigeklub FC Bayern, und Lucien Favre, ein Trainer wie ein Schweizer Uhrwerk: präzise, verlässlich und mit dem Hang zur Perfektion. Beide eint neben einer in diesem Bundesliga-Zirkus nicht immer üblichen Verlässlichkeit ein ebenso seltenes wie angenehmes Anti-Hysterie-Gen.

Eberl hat in den letzten drei Jahren längst nicht alles, aber vieles richtig gemacht: Spieler wie Dante, Nordtveit, Neustädter, Arango, Reus, Hanke oder De Camargo hat der Mann, der als Erst- und Zweitligaprofi nie einen Treffer gelandet hatte, in den Borussia-Park transferiert. Diese Spieler stehen aktuell für hohe Bundesliga-Qualität und einen rasant gestiegenen Marktwert - sportlicher und wirtschaftlicher Gewinn, daran wird ein Manager gemessen. Respekt!

Lucien Favre
Lucien Favre Quelle: reuters

Favre, der Erfolgsgarant

Die sportliche und wirtschaftliche Existenz der Borussia hat Eberl mit seiner wichtigsten Verpflichtung vorerst gesichert: Trainer Lucien Favre. Dabei galt der Eidgenosse bei vielen sprechenden und schreibenden Experten nach zwei Jahren bei Hertha BSC, mit dem Topresultat Platz vier und einem unappetitlichen Abschied 2009, schon als gescheitert in der Eliteliga. Favre aber kam, sah und "siegte": Unter seiner Regie startete die Borussia eine herausragende Aufholjagd mit einem verdienten "Happy End" in der Relegation.

Der Fußballlehrer aber war nie ein Feuerwehrmann, von Beginn an arbeitete er an seiner Idee des Fußballs und hat sein Personal in Blitz-Fortbildungskursen nicht nur kurzfristig die Erstligatauglichkeit zurückgegeben, sondern mittelfristig dafür gesorgt, dass diese Mannschaft momentan auf höchstem nationalen Niveau mehr als nur konkurrenzfähig ist.

Favre, der Perfektionist

Favre stillt seine Sehnsucht nach dem "perfekten Spiel" derzeit bei der Borussia. Kernelemente sind der quantitativ und qualitativ oft herausragende Ballbesitz, die Geschwindigkeit der eigenen Aktionen und der Plan, den die Spieler so häufig in den letzten Wochen umgesetzt haben. Denn der Trainer will weder auf den Faktor Zufall bauen, noch allein auf die vorhandene Klasse Einzelner.

Einstudierte Spielzüge, nahezu perfekt abgestimmte Laufwege und eine detaillierte Idee, wie seine Elf kollektiv gegen den Ball spielt - das spielende Personal hat Favres Konzept inhaliert und durch den Last-Minute-Klassenerhalt den Glauben an den Coach sowie die eigenen Fähigkeiten gestärkt. Die Schießbude der Liga hat in 28 Bundesligaspielen unter Favre elfmal zu null gespielt und nur zweimal mehr als ein Gegentor (jeweils zwei) kassiert.

Kontinuität und Ruhe

Hinzu kommt, was einigen Fans und Beobachtern im Sommer noch die Sorgenfalten auf die Stirn getrieben hatten: die personelle Kontinuität, auch weil der Borussia vor Saisonbeginn die Mittel für Transfers fehlten. Bei der Begegnung mit Köln standen neun Profis in der Startelf, die auch beim Anpfiff zum Relegationsrückspiel in Bochum das VfL-Leibchen getragen hatten. Darunter gleich sechs Spieler, die nicht älter als 23 Jahre sind (Ter Stegen, Herrmann, Jantschke, Nordtveit, Reus und Neustädter). Nur einige Gründe, warum Lucien Favre für mich, auf das Kalenderjahr 2011 bezogen, der Trainer des Jahres ist.

Trainer und Team wirken geerdet genug, dass sie sich von den Lobeshymnen der Konkurrenz und Meisterverlockungen der Bayern nicht den Kopf verdrehen lassen. Sicher auch eine Folge der letzten Saison, als dieser Klub und seine (spielenden) Angestellten in den Abgrund 2. Bundesliga geblickt haben. Vieles, wenn nicht sogar alles, scheint möglich in der Saison 2011/12. Die wichtigste Voraussetzung bleibt sicherlich, dass Favre auf den etablierten Spielerfundus zurückgreifen kann, denn das (meist noch junge) Personal aus der zweiten Reihe ist kaum Bundesliga-erprobt.

Immerhin hat die Dominanz beim kölschen Nachbarn demonstriert, dass die Borussia längst nicht nur ein "VfL Reus" ist. Obwohl dieser Reus mit zehn Treffern und drei Vorlagen herausragt aus dem Kollektiv, blühen unter Favre viele Profis auf: Ob der zum Verbindungsspieler gereifte Mike Hanke, der zuletzt ebenfalls brilliante 20-jährige Patrick Herrmann oder der Oldtimer unter den vielen jungen Aufreißerschlitten, Kapitän Filip Daems. Borussia Mönchengladbach im Frühwinter 2011, nichts scheint unmöglich, übrigens auch nicht, dass Marco Reus dem VfL noch länger als nur ein halbes Jahr erhalten bleibt.

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