Wechsel-Bad der Gefühle

Der Balanceakt zwischen Herz, Heuchelei und Honorar

Wenn Spieler oder Trainer nach jahrzehntelanger Zugehörigkeit ihren Klub verlassen, ist der Aufschrei meist groß. Die Meinungen schwanken zwischen Unverständnis und Verständnis.

Pure Emotionen

"Tränen lügen nicht", trällerte einst Schlagerbarde Michael Holm in der ZDF-Hitparade. Ein "Nummer 1-Hit", wenn ich mich recht erinnere. Doch ich bezweifle ganz stark, dass Deutschlands Nr.1, Manuel Neuer, auch nur eine Sekunde die Wirkung seiner Tränen bedachte, als er vergangenen Mittwoch auf einer Pressekonferenz seinen Abschied von Schalke ankündigte.
Viel mehr ist es einfach so passiert, weil auch ein Fußballprofi von seinen Emotionen übermannt werden darf. Natürlich ist der Abschied aus Gelsenkirchen nach 20 Jahren Vereinszugehörigkeit ein unglaublich emotionaler Moment für Neuer.

Geld als treibende Kraft


Ähnlich verhält sich die Sache bei Holger Stanislawski, der nach 18 Jahren als Spieler und Trainer den FC St. Pauli zum Saisonende verlassen wird. So mancher Besserwisser unterstellt beiden die branchenübliche Heuchelei, Tränen zum Trost sozusagen, für den allzu gutgläubigen Fan.
Nun denn, wir leben glücklicherweise in einer Demokratie, jeder darf ungestraft seine Meinung äußern. Selbstverständlich ist der bessere Verdienst häufig die treibende Kraft, das gilt im Übrigen wohl für fast alle Berufstätigen.

Auch ein Bäcker, Elektriker, Rechtsanwalt oder Journalist sagt selten "Nein" zum finanziell besseren Angebot der Konkurrenz. Alles eine Sache von Angebot und Nachfrage in unserer Leistungsgesellschaft.

Sucht nach Erfolg

Neuer und Stanislawski suchen auf jeweils ihren Ebenen eine berufliche Weiterentwicklung, die im Profisport natürlich noch eine andere Bedeutung erhält. Die Sucht nach Erfolg! Manuel Neuer will sich mit den Besten messen, Titel gewinnen und dauerhaft Champions-League spielen. Wenn's doof läuft, wird ihm das in der nächsten Saison nicht gelingen, dennoch bleibt Bayern München unstrittig die beste Adresse in Deutschland für Neuers Vorhaben.

Ein rarer Romantiker

Auch Holger Stanislawki träumt von der sukzessiven Entwicklung einer jungen Mannschaft mit dem nötigen Finanzkapital im Rücken. Was ist daran verwerflich? Nichts! Tränen und Tore schließen sich keineswegs aus.
Ob auch bei Frank Schaefer in den vergangenen Monaten die eine oder andere Träne geflossen ist, ist nicht bekannt. Der Kölner Trainer ist offenbar einer der raren Romantiker der Szene, ihm gebührt meine aufrichtige Hochachtung.


Weil "Teile des Geschäfts" ihn "regelrecht anwidern", mag der langjährige Jugend- und Nachwuchstrainer des 1. FC Köln seine unverhoffte Chance auf das "Big Business Bundesliga" als Cheftrainer nicht wahrnehmen. Ein freiwilliger Rückzug, der mit dem Verzicht auf viel Geld einhergeht.

Es ist ein Jammer! Da hat mein Lieblingsklub aus Kindertagen endlich mal einen authentischen Typen, der alle Voraussetzungen mitbringt, und dann das! Junge, Junge, wer hätte das gedacht, dass ausgerechnet ein "Kölscher Jung" dem Geschäft im Allgemeinen und den aktuell handelnden Personen beim FC im Speziellen die kalte Schulter zeigt?

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