Sie sind hier:

Mit Steffi Jones fast alles auf Anfang

Sport - Mit Steffi Jones fast alles auf Anfang

Steffi Jones ist zufrieden mit ihrem Debüt als Nationaltrainerin. Darüber und was sie als Nachfolgerin von Silvia Neid anders machen möchte, spricht sie mit ZDF-Reporter Julius Hilfenhaus.

Beitragslänge:
6 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 19.09.2017, 16:58

Im deutschen Frauenfußball hat eine neue Zeitrechnung begonnen. Unter Bundestrainerin Steffi Jones wird vieles, wenn nicht sogar fast alles anders. Der Abschluss der EM-Qualifikation in Györ gegen Ungarn (Dienstag, 16 Uhr/live ZDF ab 15:45 Uhr) ist ihr zweites Länderspiel.

Anspruchsvolle Wohnungen, zahlreiche Geschäfte, gute Erreichbarkeit: Damit wirbt das „Garzon Plaza“ im westungarischen Györ, wo die deutsche Frauen-Nationalmannschaft seit dem Wochenende untergebracht ist. Um im letzten EM-Qualifikationsspiel gegen Ungarn (Dienstag, 16 Uhr/live ZDF ab 15:45 Uhr)  unter eine tadellose Runde – sieben Siege, 34:0 Tore – endgültig einen Haken zu machen.

Die aktuelle Herberge, die der DFB-Tross in der an der Kleinen Donau gelegenen Stadt bezogen hat, war das Hauptgebäude einer ehemaligen Kaserne, die komplett umgebaut wurde. Was zur Totalrenovierung passt, die gerade der deutsche Frauenfußball bei seinem Aushängeschild erlebt.

Spielsysteme sind künftig flexibel

Denn Steffi Jones macht vieles anders als ihre Vorgängerin Silvia Neid. Augenfälligste Änderung beim Einstand gegen Russland (4:0) schon einmal das neue 4-4-2-System. „Meine grundsätzliche Philosophie ist, dass wir nicht so ausrechenbar sind. Dass wir vorne effizienter werden, erklärte die neue Bundestrainerin, die gegen die zweitklassigen Ungarn (Hinspiel 12:0) vor allem die Laufwege in der Offensive verfolgen dürfte. Schon bei den nächsten Länderspielen im Oktober sollen dann Grundformationen wie ein 4-3-3 oder 3-4-3 einstudiert werden.

Zur Erinnerung: Unter Neid schien das 4-2-3-1 fast in Stein gemeißelt und erwies sich auch bei den Olympischen Spielen noch als richtig, um die Goldmedaille zu holen, doch war die Formation bei der WM 2015 in Kanada letztlich als zu starr enttarnt worden. Jones hat Handlungsbedarf ausgemacht und möchte flexibler werden. Genau wie Joachim Löw will auch die Bundestrainerin bald eine Dreierkette einführen. „Wenn der Gegner mit nur einer Spitze spielt, warum sollen wir vier hinten spielen?“

Mehr Rücksicht auf die Vereine

Neben dem Spielsystem unterscheidet sich auch die Spielerauswahl erheblich. Sara Däbritz, Melanie Leupolz (FC Bayern) oder Alexandra Popp (VfL Wolfsburg) brauchten erst gar nicht anreisen, dazu traten nach dem Russland-Spiel Leonie Maier (Bayern) sowie Lena Goeßling und Isabel Kerschowski (beide Wolfsburg) die Heimreise an.

Jones hat eine Verbeugung vor den beiden besten Vereinen gemacht, weil die am kommenden Wochenende in der Frauen-Bundesliga im Spitzenspiel aufeinandertreffen. Thomas Wörle vom Meister FC Bayern und Ralf Kellermann vom Pokalsieger VfL Wolfsburg lobten die 43-Jährige dafür: Dass so viel Rücksicht auf die Liga genommen wird, ist neu. „Ich bin dankbar, dass Steffi mir jetzt eine Pause gönnt und ich vor dem Topspiel mal zwei Tage abschalten kann“, sagte Goeßling.

Innovativer und kommunikativer

Dafür durfte in Russland eine Linda Dallmann (22, SGS Essen) debütieren, die von Jones schwärmte: „Es ist eine intensive Zusammenarbeit, wir können alle nur Positives mitnehmen.“ In Ungarn steht das Debüt der türkischstämmigen Hasret Kayikci (24, SC Freiburg) bevor, in der die Trainerin eine „echte Straßenfußballerin“ sieht: „Mir gefällt ihre Unbekümmertheit.“

Fest steht: Die gebürtige Frankfurterin Jones ist innovativer, kommunikativer als die aus dem Odenwald stammende Neid. Beide haben 111 Länderspiele bestritten, aber sind doch ganz anders, wie Jones gesteht:  „Man darf nicht vergessen, dass wir nicht miteinander zu vergleichen sind; zwei völlig verschiedene Charaktere.“ Auch ihre Art der Ansprache sei anders. Lebhafter, spontaner vermutlich.

Trainerin darf geduzt werden

Die Novizin in ihrem Metier saugt wie ein Schwamm gerade alle Informationen auf. Sie will erläutern und erklären, um möglichst alle mitzunehmen. „Die Spielerinnen sollen transparent erfahren, warum ich was mache.“ Jones lässt sich vom ersten Tag an duzen. Unter Neid hatte es zur Heim-WM 2011 noch die Unterscheidung in eine Gruppe gegeben, die aus alter Verbundenheit „Silv“ sagen durfte, die andere siezte die Chefin.

Die Weltbürgerin Jones hält auch nicht ihr Privatleben unter Verschluss, sondern zeigte sich schon vor drei Jahren mit ihrer Lebensgefährtin Nicole Parma, die sie inzwischen geheiratet hat. Als Jones während der Olympischen Spiele als Neids Assistentin diente, hielt sie sich aus eigenen Stücken zurück. Sie wollte sich einiges abschauen, aber vor allem ausloten, was und wen sie nicht übernimmt.

Ziel ist erneute EM-Titel

Doris Fitschen, für Neid eine wichtige Vertraute, ist beispielsweise gar nicht mehr bei der Mannschaft dabei, dafür bekleidet Patrizia Hell den Posten der Teammanagerin. Mit Markus Högner und Verena Hagedorn arbeiten erstmals ein Mann und eine Frau als Assistenten zu – Högner sitzt auf der Bank, Hagedorn bereitet von der Tribüne die Halbzeitanalyse vor.

Noch ein Detail: Früher hat bei jedem Geburtstag einer Spielerin oder Betreuerin der Torwarttrainer Michael Fuchs etwas vorgetragen – auch das ist abgeschafft, denn seinen Part hat vorerst Thomas Roy übernommen. Eines ist jedoch geblieben:  die hohe Zielsetzung. Im Hinblick auf die EM-Endrunde 2017 in den Niederlanden sagt Jones:  „Wir wollen Europameister werden. Diese hohen Erwartungen sind immer da, das ist unser Selbstanspruch.“ Alles darf sich eben auch nicht ändern.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet