Sie sind hier:

HSV: Der steinige Weg zur Realität

Beim Traditionsklub zieht eine neue Sachlichkeit ein

Wie löst man sich vom Schein alten Glanzes und nimmt die Realität an? Dies scheint dem HSV in der 2. Liga besser zu gelingen als in den Jahren des Abstiegskampfes.

Bernd Hoffmann (l-r), Hannes Wolf, Ralf Becker
Bernd Hoffmann (l-r), Hannes Wolf, Ralf Becker
Quelle: dpa

„Wenn der HSV aufsteigt, feiern wir das auf dem Rathaus-Balkon“, sagte Hamburgs Bürgermeister Peter Tschentscher in der letzten Woche während einer Reise nach Dubai. Es war sicher gut gemeint, den Vertretern des HSV-Hauptsponsors Emirates eine publicity-trächtige Party in Aussicht zu stellen. Es drückte aber genau die Haltung aus, die den Niedergang des HSV von einem Champions-League-Teilnehmer zum Zweitligisten begleitet hat und die die sportlich Verantwortlichen unbedingt verändern wollten.

Zeichen stehen auf Erneuerung

Über Jahre wurde von häufig wechselnden Akteuren versucht, möglichst schnell die Spitzenposition wieder zu erreichen, die der HSV im deutschen Fußball mal innehatte. Angetrieben und finanziell möglich gemacht wurden die Einkaufstouren durch die oberen Regale des Spielermarktes vom Sponsor und jetzigen Anteilseigner Klaus-Michael Kühne. Die Ausgliederung der Profiabteilung 2014 wurde den Mitgliedern mit der Drohung schmackhaft gemacht, nur so könne der alte Glanz wiederhergestellt werden.

Dieser Weg endete mit dem Abstieg – und es gibt positive Anzeichen dafür, dass dieser als heilsamer Schock wirken könnte. Sportlich sind mit Trainer Hannes Wolf und Sportvorstand Ralf Becker aktuell zwei junge Kräfte verantwortlich, deren Blick nicht durch eine ruhmreiche Vergangenheit getrübt ist. Sie stehen für eine nachhaltige Entwicklung statt kurzatmiger Effekte.

Fans werden in die Pflicht genommen

„Die Zeiten, in denen der HSV alles machen konnte, sind vorbei“, sagt Ralf Becker. „Unser Weg in die Zukunft sollte sein, Spieler zu finden, die noch nicht am Ende ihrer Entwicklung stehen, die wir hier weiterentwickeln und die mit uns diesen Schritt gehen.“ Sportlich ist der HSV trotz der 0:2-Niederlage bei Arminia Bielefeld am Wochenende in der Spur. Um die erfahrenen Lewis Holtby, Aaron Hunt und Gotuku Sakai hat Becker eine Mannschaft mit vielen interessanten Nachwuchsspielern aufgebaut, die die Tabellenspitze seit dem 12. Spieltag behauptet.

Wie sehr die Fans dem HSV den Kulturwandel schon abnehmen, zeigt sich in den kommenden Wochen auf einem anderen Spielfeld. Um die sogenannte "Jubiläums-Anleihe" aus dem Jahr 2012 mit einem Volumen von 17,5 Millionen Euro zurückzahlen zu können, muss der HSV seine Fans mit einer neuen Anleihe erneut anpumpen. Das wird umso schwerer, als die alte Anleihe nicht wie versprochen in das Nachwuchsleistungszentrum floss, stattdessen wurden mit dem Geld Löcher im Etat gestopft.


Dortmund oder Nürnberg?

Die Verbindlichkeiten der Fußball AG belaufen sich im Moment auf 85,4 Millionen Euro und auch in diese Saison wird sie laut Finanzchef Frank Wettstein mit einem Minus abschließen. Die Frage wird sein, ob die neue Bescheidenheit nur als notwendiges Übel begriffen wird, oder ein tiefergehender Kulturwandel eingesetzt hat.

In der Geschichte gefallener Traditionsvereine gibt es unterschiedliche Beispiele für den weiteren Weg. Beim HSV würde man sich gern in den Fußstapfen von Borussia Dortmund sehen, das es von der Fast-Insolvenz tatsächlich wieder an die Spitze geschafft hat. Der 1. FC Nürnberg, ehemaliger Rekordmeister und deutscher Meister von 1968, brauchte nach dem Abstieg 1969 dagegen Jahrzehnte als Fahrstuhlmannschaft mit zwischenzeitlichem Aufenthalt in der Regionalliga, um auf einen soliden Kurs zu kommen.

Mitglieder wollen Tafelsilber behalten

Beide Beispiele zeigen, dass der Wandel vom gefühlten Weltklub zu einer realitätsbezogenen Selbstwahrnehmung stark davon abhängt, ob die leitenden Personen zu einem gemeinsamen Denken und Handeln finden. Beim HSV ist die Vielstimmigkeit der Vergangenheit im Augenblick dadurch verklungen, dass der Vorstandsvorsitzende Bernd Hoffmann, der sich in Rekordtempo aus der Versenkung wieder an die Spitze manövriert hat, die Zügel straff in der Hand hält. Da eine One-Person-Show aber langfristig noch keinem Klub gutgetan hat, ruht die Hoffnung der Fans auf Ex-Profi Marcell Jansen, der gerade zum Präsidenten des Gesamtvereins gewählt wurde, der immerhin noch gut 76 Prozent der AG besitzt.

Jansen, der die Interessen des Vereins im Aufsichtsrat der AG vertritt, bekam von den Mitgliedern das klare Votum mit, in der AG-Satzung zu verankern, dass maximal 24,9 Prozent der Anteile verkauft werden dürfen. Im Klartext: Die Mitglieder wollen kein weiteres Tafelsilber verscherbeln.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Zur Merkliste hinzugefügt! Merken beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Sie haben sich mit diesem Gerät ausgeloggt.

Sie haben sich von einem anderen Gerät aus ausgeloggt, Sie werden automatisch ausgeloggt.

Ihr Account wurde gelöscht, Sie werden automatisch ausgeloggt.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, kannst du jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigst du dein Ausweisdokument.

Du wechselst in den Kinderbereich und bewegst dich mit deinem Kinderprofil weiter.

An dieser Stelle würden wir dir gerne die Datenschutzeinstellungen anzeigen. Entweder hast du einen Ad-Blocker oder ähnliches in deinem Browser aktiviert, welcher dies verhindert, oder deine Internetverbindung ist derzeit gestört. Falls du die Datenschutzeinstellungen sehen und bearbeiten möchtest, prüfe, ob ein Ad-Blocker oder ähnliches in deinem Browser aktiv ist und schalte es aus. So lange werden die standardmäßigen Einstellungen bei der Nutzung der ZDFmediathek verwendet. Dies bedeutet, das die Kategorien "Erforderlich" und "Erforderliche Erfolgsmessung" zugelassen sind. Weitere Details erfährst du in unserer Datenschutzerklärung.