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Mit Gesprächen der Terror-Angst begegnen

Sport - Mit Gesprächen der Terror-Angst begegnen

Wegen Verletzungen und Formschwankungen muss Bundestrainer Löw gegen England improvisieren. Beim EM-Casting will das DFB-Team eine ansprechende Leistung zeigen.

Beitragslänge:
1 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 24.03.2017, 20:09

Nach den Ereignissen von Paris, als die Nationalmannschaft über Stunden das Stade de France nicht verlassen konnte, findet jetzt wieder ein Länderspiel (am Samstag, 20.15 Uhr, live im ZDF) unter dem Eindruck von Terroranschlägen statt.

"Aufgrund der Erfahrungen von Paris wird die Mannschaft Lösungsmöglichkeiten entwickelt haben", sagt Sportpsychologe Werner Mickler im Gespräch mit zdfsport.de.

ZDFsport.de:  Herr Mickler, was glauben sie, wie die Mannschaft mit der aktuellen Situation umgeht?

Werner Mickler: Sie wird darüber sprechen, wie wir das ja auch tun. Auf der anderen Seite wird sie aufgrund der Erfahrungen, die sie in Paris gemacht hat, mit Hilfe des Betreuerteams auch schon Lösungsmöglichkeiten dafür entwickelt haben, wie sie mit der Situation umgehen kann.

ZDFsport.de:  Was könnten das für Lösungsmöglichkeiten sein?

Mickler: Das sind zum einen Rationalisierungsmöglichkeiten, wie sie jeder von uns in der jetzigen Situation anwendet, der beispielsweise eine Reise geplant hat. Wir fragen uns, ob und wie wir das umsetzen können und die meisten kommen zu dem Schluss, sich von den Terroristen nicht in ihrem Alltag einschränken zu lassen und mit dem Restrisiko zu leben.  Andererseits muss ich es natürlich verarbeiten, wenn etwas Bedrohliches passiert ist, damit nicht bei entsprechenden Auslösern immer wieder die gleichen Bilder im Kopf entstehen. Und wenn diese Bilder sehr tief gehen, kann es auch sinnvoll sein, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.

ZDFsport.de:  Innerhalb des Teams?  Vom Mannschaftspsychologen?

Mickler: Wenn es erforderlich ist, kann der Sportpsychologe der Nationalmannschaft Hans-Dieter Hermann sicher Kontakte zu  Fachleuten in diesem Bereich herstellen, die auf Kriseninterventionsmaßnahmen spezialisiert sind.

ZDFsport.de:  Inwieweit sind Sportpsychologen von ihrer Ausbildung überhaupt in der Lage, bei Problemen im Bereich der Angst zu helfen?

Mickler: Das hängt immer davon ab, wie einschneidend das Ereignis war. Es gibt sicher Situationen, in denen sie etwas machen können, und wenn sie psychotherapeutisch ausgebildet sind, auch noch etwas mehr. Aber eins muss klar sein: wenn ich als Sportpsychologe an meine Grenze komme, muss ich an die Fachleute delegieren - das gilt genauso für den Bereich Burn Out und Depression wie für den Bereich der Krisenintervention.

ZDFsport.de:  Was wiegt denn aktuell schwerer – die Angst vor einer konkreten Bedrohung oder die allgemeine Verunsicherung, die in der Luft liegt?

Mickler: Das ist sehr individuell, für den einen ist das Ereignis, das er selbst erlebt hat, sehr gravierend,  für den anderen, der das besser verarbeitet hat, rückt eher die gedrückte Stimmung in den Vordergrund. Das ist auch die Herausforderung, vor der die Betreuer stehen: sie müssen ganz individuell auf die Spieler eingehen.

ZDFsport.de:  Über persönliche Gefühle zu reden, war früher im Männersport ja eher ungewöhnlich. Ist es für die aktuelle Spielergeneration einfacher, zu einem Problem zu stehen und Hilfe in Anspruch zu nehmen?

Mickler: Ich glaube ja. Langsam aber sicher ist durchgesickert, dass wir es auch im Hochleistungssport mit Menschen zu tun haben – und Menschen kommen immer wieder in Situationen, in denen sie keine Lösungen parat haben – zumal das Leistungsalter ja immer weiter nach vorne rückt, die Spieler von der Persönlichkeitsentwicklung also noch nicht so weit sind wie früher. Der für mich entscheidende Punkt ist: wenn sich jemand öffnet, beispielsweise gegenüber einem Sportpsychologen, muss sichergestellt sein, dass keine Information an irgendjemand anderen geht. Auch innerhalb des Teams.

ZDFsport.de:  Kann es sein, dass angesichts der Situation die kommen Länderspiele eher den Charakter von Freundschaftsspielen bekommen?

Mickler: Das glaube ich nicht, die Spieler wollen sich für die Europameisterschaft empfehlen. Das ist ja ihr Job. Während des Spiels werden sie nur daran denken, ihre Leistung abzurufen.

ZDFsport.de:  In Dortmund mussten  die Spieler vor kurzem ja auch ein Spiel zu Ende führen, als das ganze Stadion über einen Todesfall betroffen war. Wie geht das?

Mickler:  Jeder, der einen Job macht,  muss doch in einer kritischen Situation für einen bestimmten Zeitraum  alles andere verdrängen, zum Beispiel in einer Prüfungssituation. Die Auseinandersetzung kommt danach. So war das auch in Dortmund.  Die Spieler haben zwar mitgekriegt, dass etwas passiert ist, aber sie haben gelernt, diese neunzig Minuten vernünftig zu absolvieren. Aber danach kam es zum Zusammenschluss zwischen Spielern und Fans beider Seiten und sie haben zusammen "You‘ll never walk alone" gesungen. Vor dieser Haltung aller Beteiligten habe ich großen Respekt.

Das Interview führte Ralf Lorenzen

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