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Jennifer Meier: „DFB-Präsidentin wäre schön“

Ex-Nationalspielerin über Unterschiede zu schwedischer Wahlheimat

Beim Länderspiel der DFB-Frauen gegen Schweden in Solna (Sa., 13:45 Uhr/ARD) werden mehr Zuschauer im Stadion sein als zuletzt beim Heimauftritt der DFB-Herren gegen Serbien im März. Die in Schweden lebende Ex-Nationalspielerin Jennifer Meier überrascht das nicht.

Jennifer Meier (im Trikot des FSV Frankfurt)

Inmitten des Krisenmonats März, der das Ende der zweieinhalbjährigen Ära Reinhard Grindels als Präsident des Deutschen Fußball-Bunds (DFB) einläutete, wirkten die folgenden Meldungen wie ein verfrühter Aprilscherz – der es allerdings in sich hat. „DFB-Frauen locken mehr Zuschauer an als die Löw-Elf“, titelte deutschlandfunk.de. „DFB-Frauen spielen vor mehr Fans als die Löw-Elf gegen Serbien“, präzisierte die Westdeutsche Allgemeine Zeitung.

Schleppender Tickerverkauf bei DFB-Männern

Dem größten Sportverband der Welt führten Schlagzeilen wie diese einmal mehr vor Auge, dass seine aktuelle Krise weit über das Sportliche, ja selbst weit über Probleme auf Führungsebene hinausgeht. Zwar war das Testspiel der DFB-Herren gegen Serbien (1:1) in Wolfsburg mit 26.101 Zuschauern letztlich ausverkauft. Doch der Ticketverkauf war schleppend verlaufen. Einen Tag vor dem Spiel waren nach Verbandsangaben noch rund 2.000 Karten erhältlich. Dabei hatte der DFB den Test in weiser Voraussicht in die – gemessen am Fassungsvermögen deutscher Stadien beschauliche – Wolfsburger Arena gelegt.

Bis zur verkorksten WM 2018 hatte der DFB noch einen Bogen um Spielorte gemacht, deren Kapazität bei unter 30.000 Zuschauern liegt. Die deutsche Frauennationalmannschaft durfte sich zum selben Zeitpunkt über einen größeren Zuspruch freuen – wenn auch nicht in der Heimat. Knapp 27.000 Tickets hatte Schwedens Fußballverband bis dato für das Gastspiel der DFB-Frauen in der Friends Arena zu Solna am 6. April (13:45 Uhr/ARD) abgesetzt. Am 2. April vermeldete der Svenska Fotbollförbundet (SvFF), die 30.000-Zuschauer-Marke geknackt zu haben. Zum Vergleich: Den 3:1-Sieg der DFB-Frauen gegen Österreich im Oktober sahen nur 3.569 Zuschauer in Essen. „Dieses Team hat mehr Zuschauer verdient“, beklagte der damalige Interims-Bundestrainer Horst Hrubesch hinterher.

Auch ein Prestigeduell

Wohlgemerkt: Auch bei Schweden gegen Deutschland handelt es sich nur um einen Test hinsichtlich der Fußball-WM in Frankreich (7. Juni bis 7. Juli). Doch dass die Begegnung hierzulande auf eine derart hohe Resonanz gestoßen wäre, bezweifelt Jennifer Meier stark. Die 37-Jährige wechselte 2005 als erste deutsche Fußballerin überhaupt nach Schweden und fand dort ihre zweite Heimat. „Sicher ist ein Spiel gegen Deutschland auch für die Schweden ein Prestigematch“, meint die in Malmö lebende Südhessin, die zwischen 2001 und 2003 siebenmal für den DFB auflief und seit 2013 neben der deutschen auch die schwedische Staatsbürgerschaft hat.

Auf die Schlagzeilen aus ihrer alten Heimat reagiert die frühere Stürmerin des FSV und 1. FFC Frankfurt verwundert. „Diese Zuschauerzahl ist nichts, was hier groß in den Medien thematisiert oder mit kostenlosen Tickets beworben werden muss. Das ist ganz normal“, erklärt Meier – und merkt an: „Die Schweden habe ich als unglaublich sportinteressiert kennen gelernt. Sie gehen gerne zu Sportevents mit schwedischer Beteiligung. Wenn die Frauenfußball-WM läuft, treffen sich die Jungs genauso im Pub und schauen sich die Länderspiele genauso an wie die der Männer.“

Meier: „Deutschland ist Lichtjahre entfernt“

Hier macht Meier klaffende Unterschiede zu Deutschland aus – die weit über den Sport hinausreichen. „Das hat viel mit der schwedischen Mentalität zu tun. Ich glaube, dass Schweden fortgeschrittener ist, was die Gleichstellung von Frau und Mann angeht“, findet die 37-Jährige, die selbst in teamleitender Position bei einem führenden schwedischen Möbelhersteller arbeitet: „Wenn es um Frauen in führenden Positionen geht, gibt es keine Quote, die Betriebe erfüllen wollen oder müssen. Hier gibt es auf natürliche Weise nahezu ein 50/50-Level. Männer bleiben genauso selbstverständlich wie Frauen zu Hause, wenn es Nachwuchs gibt, weil sie dieselben Gehälter bekommen. Davon sind wir in Deutschland Lichtjahre entfernt.“

Themen wie die Gleichbezahlung von Männern und Frauen im Sport, glaubt Meier, könnte der DFB entscheidend voranbringen – etwa, wenn es um Turnierprämien geht. „Bei den Gehältern auf Vereinsebene ist es etwas anderes, darauf hat der DFB keinen Einfluss. Wenn aber der Verband Prämien auszahlt, können doch keine Unterschiede gemacht werden. Wenn der DFB nicht sagt, wir setzen ein Zeichen – wer dann?“, fragt sie sich.

Skandinavier als Vorbild

Auch hier nennt Meier Skandinavien als Vorbild. So hat Norwegens Fußballverband 2017 beschlossen, die Höhe der Aufwandsentschädigungen für Nationalspielerinnen an die der Männer (etwa 640.000 Euro pro Jahr) anzupassen – bis dahin hatten sie knapp die Hälfte bekommen. Im vergangenen Jahr brachte Schwedens Kapitän Andreas Granqvist eine Senkung der Bezüge für das Herren-Nationalteam ins Spiel.

Zuvor hatte Nilla Fischer, die 173-fache schwedische Nationalspielerin in Diensten des VfL Wolfsburg, die öffentliche Diskussion ins Rollen gebracht. „Natürlich reden wir in Deutschland von ganz anderen Spielerprämien als in Schweden oder Norwegen“, weiß Meier: „Aber den Mut, dass ein aktueller deutscher Nationalspieler diese Ungleichheit mal anspricht und nicht nur ehemalige Nationalspielerinnen – das vermisse ich.“

Auf die Frage nach Grindels Nachfolge hat Meier übrigens eine passende Antwort parat. „Eine DFB-Präsidentin wäre schön“, sagt sie und lacht – sie weiß, dass es nicht so kommen wird. Wohl auch deshalb ergänzt sie wenige Augenblicke später etwas nachdenklicher: „Jemand, der das Thema Gleichheit anspricht und wirklich angeht, wäre schon ein Anfang.“

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