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Ertrunken im Meldonium

Sport - Ertrunken im Meldonium

Anti-Doping-Forscher Perikles Simon erklärt im Interview mit ZDF-Reporter Markus Harm, warum Meldonium erst seit 2016 als Dopingmittel gilt und wozu es ursprünglich entwickelt wurde.

Beitragslänge:
7 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 08.03.2017, 17:36

Die aktuellen russischen Schwimmmeisterschaften zeigen, wie allgegenwärtig das Thema Doping im russischen Sport ist. Auch deshalb, weil vor allem das Mittel Meldonium quasi zum Alltag der Athleten gehörte – quer durch alle Sportarten.

Schwimmbecken
Schwimmer unter der Lupe

Als im August vergangenen Jahres im russischen Kasan die Schwimm-Weltmeisterschaften stattfanden, war Julia Jefimowa der Liebling des russischen Publikums. Frenetisch wurde die Bronzegewinnerin von London von den Zuschauern nach einer 16-monatigen Wettkampfpause gefeiert. Dass Jefimowa diese Pause einlegen musste, weil sie im März 2014 wegen der Einnahme von Steroiden vom Schwimm-Weltverband FINA gesperrt wurde, schien die Fans nicht zu stören. Ebenso, wie Jefimowa selber. "Ich vergleiche das immer mit dem Autofahren. Wissen Sie, wenn sie einen Führerschein haben, fahren sie irgendwann auch mal zu schnell, dann bekommen sie ein Ticket", erklärte die Athletin einem ZDF-Reporter und beteuerte, aus ihren Fehlern gelernt zu haben.

Doch bei den seit Samstag stattfindenden russischen Schwimmmeisterschaften darf Jefimowa nicht antreten. Im März wurde bekannt, dass sie offenbar wieder mal auf das Gaspedal getreten ist und auf Meldonium positiv getestet wurde.

Systematisches Doping bei den Schwimmern?

Für den russischen Schwimmweltverband und für den gesamten russischen Sport, war die Nachricht von Jefimowas Dopingprobe ein Schock. Denn seit dem Herbst vergangenen Jahres, als die WADA ihren Bericht über das systematische und teilweise vom Staat getragene Dopingsystem in der russischen Leichtathletik veröffentlicht hat, wird der Sport zwischen Moskau und Wladiwostok quasi wöchentlich von neuen Hiobsbotschaften erschüttert. Zuerst die Suspendierung durch den Leichtathletik-Weltverband IAAF, weshalb den russischen Leichtathleten ein Ausschluss von den in diesem Jahr in Rio stattfindenden Olympischen Spielen droht. Und nun seit März werden fast wöchentlich Namen russischer Sportler bekannt, die auf das seit Jahresbeginn verbotene Mittel Meldonium positiv getestet wurden. Allen voran der Tennisstar Maria Scharapowa.

Wie sehr das Thema Doping den russischen Sport momentan beherrscht, zeigte die am Freitag stattgefundene Pressekonferenz des russischen Schwimmverbandes. Fast alle Fragen drehten sich um das Thema. Auch deshalb, weil die Meldonium-Probe von Julia Jefimowa für den Verband zu einem zeitlich ungünstigen Zeitpunkt kam. Nur wenige Tage, nachdem die Athletin gesperrt wurde, berichtete die britische "The Times" über systematisches Doping im russischen Schwimmsport und berief sich dabei auf Informanten aus dem russischen Schwimmverband.

Meldonium allgegenwärtig im russischen Sport

"Wir werden die Meisterschaften dazu nutzen, um mit einer Aktion bei den Sportlern und ihren Trainern für einen sauberen Sport zu werben", erklärte dementsprechend Wladimir Salnikow, Präsident des russischen Schwimmverbandes. Zudem sagte er, dass man sowohl die WADA als auch die FINA zu den Meisterschaften eingeladen habe. "Damit zeigen wir unsere Offenheit. Wir haben keine Geheimnisse", so Salnikow.

Ein entgegenkommender Schritt, der auch dadurch zu erklären ist, weil Recherchen der russischen Internetzeitung "Gazeta.ru" publik machten, wie weitverbreitet der Gebrauch von Meldonium im russischen Sport generell war und teilweise noch ist. So hat Kuzbass Kemerovo, einer der besten russischen Vereine im Bandy, noch im Februar dieses Jahres Meldonium bei einem Pharmahändler bestellt. Der Fußballerstligist FK Rostow, der wegen seiner überraschend guten Saison als "das russische Leicester" bezeichnet wird, orderte dieses Mitte Dezember. So, wie viele andere Teams quer durch alle Mannschafts-Sportarten, die das Mittel auch ihren Jugendteams verabreichten. Weshalb es nicht überrascht, dass der russische Eishockeyverband quasi am Vorabend der momentan in den USA stattfindenden U-18-WM die gesamte Mannschaft austauschte.

Ersatz für Meldonium

Die große Hoffnung für die Sportler, die wegen Meldonium getestet wurden, ist eine neue Studie. Laut dieser ist das Mittel im Körper länger nachweisbar, als bisher angenommen, weshalb viele der ausgesprochenen Sperren fraglich sind. Doch egal, wie diese jüngste Debatte ausgeht. Meldonium wird weiterhin auf der Dopingliste bleiben. Doch dafür scheint es in Russland mittlerweile Ersatz zu geben. Wie die dortige Presse verkündete, ist nun Mexidol das neue Wundermittel.

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