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Elena Krawzow: Auftauchen in London

Medaillenanwärterin bei der Para-Schwimm-WM in London

Zunächst diente der Sport Elena Krawzow als Ablenkung vom Heimweh. Doch die gebürtige Kasachin zeigte ungeahntes Talent und gilt nun bei der WM der Para-Schwimmer in London als Top-Favoritin über 100 Meter Brust.

Para-Schwimmerin Elena Krawzow
Para-Schwimmerin Elena Krawzow
Quelle: imago images / Camera 4

Elena Krawzow und das Schwimmen – das ist eine Geschichte des Glücks. Bahn um Bahn hat sich die gebürtige Kasachin Selbstvertrauen und Zuversicht erarbeitet. Was keine Selbstverständlichkeit war als Teenager mit schwindendem Augenlicht in einem fremden Land. Bis sie 13 Jahre alt war, konnte sich Krawzow nur mit Mühe hundepaddelnd über Wasser halten. So erzählt sie es heute. Doch dann startete sie als Para-Schwimmerin durch und war von Beginn an erfolgreich. Bei den Paralympischen Spielen 2012 in London gewann sie auf ihrer Paradestrecke, den 100 Metern Brust, die Silbermedaille. Im Jahr darauf wurde sie Weltmeisterin. Da war sie 20 Jahre jung. Steiler kann ein sportlicher Aufstieg kaum sein.  

Start am 12. September

Doch das Glück hat auch seine Schattenseiten. Dass die inzwischen 25-Jährige bei den Weltmeisterschaften der Para-Schwimmer vom 9. bis 15. September im Londoner Aquatics Centre wieder als große Favoritin über 100 Meter Brust (am Donnerstag, 12. September) gilt, ist keinesfalls selbstverständlich. Denn vor knapp zwei Jahren war sie kurz davor, ihre Karriere zu beenden. Der Grund: Auch bei den Paralymics 2016 in Rio war sie die große Favoritin, wurde aber nur Fünfte. „Ich habe mich unfassbar geschämt für meine Leistung an diesem Tag“, erzählt Krawzow. Im Jahr darauf, bei der WM in Mexiko, wurde sie so krank, dass sie nicht starten konnte. Die Überfliegerin war ausgebremst. Sie wusste nicht weiter: „Man steht so alleine da, ich dachte, ich schaffe das nicht mehr.“

Doch ein Gedanke lies sie nicht los: „Ich wollte nicht so einen Abgang, ich wollte nicht als Verlierer weggehen und nie wieder auftauchen“, erinnert sich Krawzow. „Dann hätte mich jeder vergessen.“ Also wagte sie einen Neuanfang. Mit „mehr Ruhe, mehr Zuversicht, ohne Erwartungen“, wie sie sagt. Es hat funktioniert. In dieser Saison schwamm Krawzow bereits einen Weltrekord nach dem anderen. Aktuell hält sie in ihrer Startklasse SB 12 die Bestmarken über 50, 100 und 200 Meter Brust sowie über 50 Meter Schmetterling. Sie lebt in Berlin, hat durch Sporthilfe und Sponsoren ihr Auskommen – und eine Ausbildung zur Physiotherapeutin als Backup.

"Schreckliche Bedingungen“

Das alles ist aus dem Teenager mit schwindendem Augenlicht geworden, der sich mit zwölf Jahren in Nürnberg in einem Internat an einer Schule für Kinder mit Seebehinderung so furchtbar einsam und hilflos fühlte. Bis dahin hatte Elena Krawzow mit ihrer Familie schon einiges durchgemacht: Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion lernte die deutschstämmige Familie in Kasachstan absolute Armut kennen, floh schließlich nach Russland, erlebte, „wie unschön es ist, wenn man nicht willkommen ist“, und erhielt nach drei Jahren endlich die nötigen Papiere zur Einreise nach Deutschland. Wegen ihrer Augenerkrankung, der Erbkrankheit Morbus Stargardt, einer fortschreitenden Makula-Degeneration, war Krawzow in Russland in einem Internat untergebracht. „Das waren schreckliche Bedingungen“, sagt sie.    

In Deutschland angekommen schlug sie sich in der vierten Klasse einer Grundschule in Bamberg noch irgendwie durch, sie bekam die Arbeitsblätter vergrößert und viel Unterstützung. Doch auf der weiterführenden Schule habe sie „keine Chance“ mehr gehabt, sagt Krawzow. Um eine Schule für Kinder mit Seebehinderung besuchen zu können, musste sie wieder ins Internat – ins 70 Kilometer vom Wohnort ihrer Eltern entfernte Nürnberg. Nach den schlechten Erfahrungen in Russland ein „furchtbarer Schlag“ für Krawzow – der sich als großes Glück entpuppte.

Hundepaddelnd in ein neues Leben

Denn dort wurde Krawzow nicht nur sprachlich und schulisch gefördert, im Freizeitzentrum des Internats nahm sich auch „der Michi“ ihrer an. Mit Sport wollte der Betreuer das Mädchen aus Kasachstan vom Heimweh ablenken – und stieß unverhofft auf ein riesiges Schwimmtalent. Die Hundepaddel-Technik ließ Krawzow schnell hinter sich und schon bald brachte „der Michi“ seine Entdeckung zum nahegelegenen Schwimmverein. Ab da hieß es Training anstatt Putzdienst im Internat. Sie sei so dankbar gewesen, erzählt Krawzow, und obwohl Schwimmen eigentlich gar nicht so sehr ihr Ding gewesen sei habe sie nicht „Nein“ sagen können

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