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Englands Goldene Generation?

Der Fußball auf der Insel hat ein Luxus-Problem

Englands Junioren-Nationalmannschaften räumen Titel um Titel ab, Experten sprechen schon von einer „Goldenen Generation“. Es gibt nur ein Problem: Die Premier League.

Englands U20-Nationalteam bei der WM in Südkorea.
Englands U20-Nationalteam bei der WM in Südkorea. Quelle: imago

Am Ende wurde Steve Cooper von seinen Spielern erlöst. „Ich bin einfach nur stolz“, druckste Englands U17-Nationaltrainer mit Tränen in den Augen im TV-Interview herum, doch bevor er komplett von seinen Gefühlen übermannt werden konnte, unterbrachen seine Schützlinge das Interview und begruben Cooper vor laufender Kamera in einer Jubeltraube. Gerade hatten sie vor 80.000 Zuschauern im indischen Kolkata die spanischen Altersgenossen im WM-Finale geschlagen und damit den zweiten Weltmeistertitel für den englischen Verband innerhalb von nur fünf Monaten gewonnen. Da kann man schon mal emotional werden.

Es ist in der Tat ein sensationelles Jahr für den englischen Fußball. Zumindest auf Junioren-Ebene. Denn während sich die A-Nationalmannschaft durch die WM-Qualifikation mühte und oftmals Fußball zum Einschlafen bot, mauserten sich die U-Nationalmannschaften zur dominanten Kraft in ihren Altersklassen. Im Laufe des Jahres wurde neben der U17-Nationalmannschaft auch die U20-Nationalmannschaft Weltmeister, die U19 triumphierte bei der Europameisterschaft in Georgien im Juli. Von insgesamt 34 Turnierspielen in 2017 verloren englische Juniorennationalmannschaften lediglich zwei: Das Finale der U17-EM und das Halbfinale der U21-EM. Beide Spiele, na klar, im Elfmeterschießen.

Englisch-deutsche Dominanz

Trotz des altbekannten Elfer-Problems ist es also kein Wunder, dass sich unter den Fußballexperten auf der Insel eine gewisse Euphorie breitmacht. Ex-Nationalspieler Gary Linker twitterte nach dem U17-Finale: „Wir haben eine neue Goldene Generation“. Und auch Meistercoach Antonio Conte vom FC Chelsea meldete sich zu Wort: „In Zukunft wird es sehr schwer sein, die englische Nationalmannschaft zu schlagen.“ Der emotionale Steve Cooper brachte es gegenüber der BBC etwas nüchterner auf den Punkt: „Wir sind auf einem guten Weg, dahin zu kommen, wo wir hinwollen.“ Aber stimmt das überhaupt?

Kein Platz für Talente

Denn der größte Segen des englischen Fußballs ist gewissermaßen auch sein größter Fluch: Das viele Geld. Die Premier League geriert sich gern als attraktivste Liga der Welt, sie hat mit Abstand die größten TV-Erlöse und damit auch die meisten Superstars. Für eigene Talente bleibt da oft kein Platz. Was freilich nicht an den Rahmenbedingungen liegt, denn auch im Juniorenbereich wird ordentlich Geld ausgegeben. Das neureiche Manchester City etwa hat erst 2014 eine knapp 250 Millionen Euro teure Luxus-Nachwuchsakademie eröffnet, mit 16 Trainingsplätzen auf sage und schreibe 720.000 Quadratmetern. Die aufregendsten Talente im Kader von City musste sich der Klub dennoch teuer zusammenkaufen: Für den Brasilianer Gabriel Jesus (20), den Schalker Leroy Sané (21) und den Liverpooler Raheem Sterling (22), die in dieser Saison gemeinsam bereits auf 20 Saisontore kommen, zahlte City insgesamt stolze 144 Millionen Euro.


Zeit und Vertrauen sind in der Premier League knappe Ressourcen

Die City-Talente finden in ihrer Akademie beste Voraussetzungen vor, aber eines kann ihnen auch das luxuriöseste Nachwuchszentrum nicht bieten: Spielpraxis auf Top-Level. Junge Spieler brauchen Zeit und Vertrauen, um sich an das Niveau im Herrenbereich zu gewöhnen. In der Premier League sind das weitaus knappere Ressourcen als Geld. Und so spielt auch das aufregendste Eigengewächs Citys, der gerade zum besten Spieler der U17-WM gekürte Phil Foden, keine echte Rolle beim Titelkandidaten aus dem Norden. Anderen Talenten, auch bei kleineren Klubs, geht es oft ähnlich. Viele aussichtsreiche junge Spieler irrlichtern jahrelang von Leihverein zu Leihverein, für die Entwicklung ist das selten förderlich. Die Premier League ist ein Durchlauferhitzer, in dem mit dem Kauf fertiger Stars lieber auf kurzfristige Erfolge gesetzt wird, statt auf nachhaltige Entwicklung eigener Talente.

Ein Problem, das auch Arsenals Trainer Arsène Wenger erkannt hat. Wenger ist bekannt dafür, auf die Jugend zu setzen, das englische System kranke, so der 68-jährige, am letzten Schritt der Ausbildung: „Heutzutage kümmern sich die meisten Klubs um eine hochqualitative Jugendarbeit, es hat sich viel getan in England. Allerdings mangelt es an der Integration der Talente in den Spielbetrieb der ersten Mannschaften.“

Fünf englische Talente in Deutschland

Die jüngsten Erfolge der U-Mannschaften haben immerhin eine Debatte über die mangelnde Spielzeit der Talente in Gang gebracht. Vielen Spielern kommt diese allerdings zu spät. Citys Nachwuchsstar Jadon Sancho wechselte unlängst zu Borussia Dortmund, neben ihm spielen bereits vier weitere englische Talente bei deutschen Bundesligisten oder in deren U23. Der Gehaltsscheck fällt hierzulande kleiner aus, dafür gibt es aber eine größere Aussicht auf regelmäßige Spielzeit. Sollte das in der Premier League auch irgendwann so sein, könnte Antonio Conte Recht behalten mit seiner Prophezeiung. Vorausgesetzt, der englische Verband lässt dann auch Elfmeterschießen trainieren.

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