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Urs Meier: "Pfeifen kann jeder - ein Spiel leiten nicht"

Sport - Urs Meier: "Pfeifen kann jeder - ein Spiel leiten nicht"

Der eine ist ehemaliger Schiedsrichter und Fußballexperte, der andere ist Buchautor und Beziehungsexperte: Urs Meier und Michael Nast schauen auf ein Frühstück bei "Volle Kanne" vorbei.

Beitragslänge:
29 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 14.04.2017, 11:37

Der ehemalige Weltklasse-Schiedsrichter Urs Meier vermittelt als TV-Experte seit Jahren tiefe Einblicke in die Herausforderungen des Schiedsrichter-Wesens. Nun hat er sein zweites Buch geschrieben, in dem ihm ein Thema besonders am Herzen liegt: die Professionalisierung seiner Zunft.

Zu Schweizer Schiedsrichtern hatte der deutsche Fußball lange ein gespaltenes Verhältnis. War es doch der Eidgenosse Gottfried Dienst, der im Weltmeisterschaft-Finale 1966 das irreguläre "Wembley-Tor“ anerkannte, wenn auch erst auf Anraten seines russischen Linienrichters. 36 Jahre später zeigte Urs Meier dem deutschen Kapitän  Michael Ballack im WM-Halbfinale die Gelbe Karte, seine zweite im Turnier, wodurch er im Finale gesperrt war.

Verhängnisvolle Karte

"Das hat der deutschen Fußballseele weh getan, viele glauben, mit Ballack hätte Deutschland das Finale gegen Brasilien gewonnen“, sagt Meier im Gespräch mit zdfsport.de. "Aber es war allen klar, dass man die Gelbe Karte geben musste - auch Ballack hat nie etwas anderes gesagt.“ Und so wurde Meier trotz dieser Entscheidung zu dem TV–Experten, der den Fußballfans hierzulande bei großen Turnieren tiefe Einblicke ins Berufs- und Seelenleben der Schiedsrichter vermittelt.

Die Karte für Ballack spielt natürlich auch eine Rolle in Meiers neuem Buch "Mein Leben auf Ballhöhe“, das er am Donnerstagvormittag im ZDF vorstellen wird.  Wenn es aber nur darum gegangen wäre, Geschichten aus seinem Leben zu erzählen, hätte er das Buch nicht geschrieben. "Ich habe mich auf das Buch-Projekt eingelassen, weil ich darin etwas zur Professionalisierung der Schiedsrichter sagen kann“, sagt Meier. Um die ist es seiner Meinung nach nämlich schlecht bestellt.

Schiedsrichter als 19. Profi-Team

"Das Spiel wird immer schneller, athletischer und feiner -  dieser Entwicklung hinkt die Schiedsrichterei weit hinterher“, sagt er. Dies sei der Hauptgrund dafür, dass heute so viel über Fehlentscheidungen diskutiert werde wie noch nie.  "Es sollten bei den großen Wettbewerben nur noch Profischiedsrichter eingesetzt werden. Das 19. Profi-Team in der Bundesliga müssten die Schiedsrichter sein.“

Statt diese Diskussion entschieden zu führen wird nach Meiers Ansicht viel zu viel über technische Hilfsmittel diskutiert.  "Es wird das  Gefühl vermittelt, dass die Probleme damit zu lösen sind. Es geht aber um Menschen.  Pfeifen kann jeder, aber der Schiedsrichter muss ein Spielleiter sein. Dafür braucht es Qualitäten, die man lernen muss.“

Ballhöhe gleich Augenhöhe

Dahinter steckt ein Verständnis vom Beruf des Schiedsrichters, das weit über Regelkunde hinausgeht. "Der Mensch muss wieder mehr in den  Fokus“, sagt Meier. "Insofern bedeutet 'Ballhöhe‘ für mich auch Augenhöhe.“ Dazu gehört auch ein anderes Thema, das ihn als Schiedsrichter naturgemäß bewegt: der Fair Play-Gedanke.

"Der wird im Fußball den jungen Spielern leider nicht so mitgegeben wie beispielsweise im Rugby“, sagt Meier. Auch da müsse man umdenken – wohlwissend,  dass der Fußball mehr als andere Sportarten ein Spiegelbild der Gesellschaft ist. Die aktuelle Fair-Play-Debatte in der Bundesliga, die dadurch ausgelöst wurde, dass in zwei Fällen Tore fielen, obwohl Gegenspieler verletzt am Boden lagen, sieht Meier allerdings unter anderen Vorzeichen.

Hausgemachtes Problem

"Das Problem ist hausgemacht“, sagt er. "Das haben wir uns eingehandelt, als die Spielunterbrechung durch Herausspielen des Balles an die Spieler abgegeben wurde. Das ist falsch, die Schiedsrichter müssen entscheiden, wann ein Spiel unterbrochen wird und wann nicht.“

Mit seinem neuen Buch, in dem er anhand seiner eigenen Geschichte alle Höhen und Tiefen des Schiedsrichter-Berufes beschreibt,  möchte Meier nicht nur Verständnis für die aktuellen Vertreter der Zunft wecken. "Ich habe Freude an dem, was ich mache“, sagt er. "Ich hoffe,  dass der eine oder andere, der das liest, Lust bekommt, selbst Schiedsrichter zu sein.“

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