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Fair Play ein Fremdwort im Profifußball

Gewalt auf dem Platz im Fußball

Die Diskussion um Gewalt im Amateurfußball ist in der Bundesliga angekommen. Denn auch das dort gezeigte Verhalten steht oft im krassen Gegensatz zu der oft postulierten Vorbildfunktion der Profis.

Schiedsrichter (r) zeigt Rote Karte und wird von Spielern bedrängt (Archivbild)
Reaktionen nach der Roten Karte gegen Maloca von Greuther Fürth (Archivbild)
Quelle: dpa

Während in den letzten Wochen ganz Fußball-Deutschland über den Eintracht-Frankfurt-Spieler David Abraham diskutierte, der Freiburgs Trainer Christian Streich zu Boden gerempelt hatte, wurde über Paul Thenenbach kaum gesprochen. Der hatte in einem Finalspiel den Ausgleichstreffer erzielt, aber sofort angezeigt, dass der Ball ihm zuvor an den Arm gesprungen war, woraufhin der Treffer annulliert wurde. Thenenbach ist sechs Jahre alt, spielt bei der Spvg. Wahn-Grengel und wurde vom Fußballverband Mittelrein für die „vorbildlichste Geste“ des Jahres ausgezeichnet.

DNA des Fußballs in Gefahr

„Fair Play ist die DNA des Fußballs“, hieß es in der Laudatio. Wenn das stimmt, ist es um das Erbgut des Fußballs nicht gut bestellt. Dies zeigen vor allem die Meldungen und Bilder über Ausschreitungen gegenüber Schiedsrichtern auf Amateurplätzen. Die Diskussion über die Gründe ist spätestens seit Abrahams Body-Check in der Bel Etage des Fußballs angekommen.

Am deutlichsten wurde Ex-Schiedsrichter Thorsten Kinhöfer, der eine „unfassbare Aggression auf dem Platz“ wahrgenommen hat. „Bei jeder Hand-Entscheidung rennen sieben oder acht Spieler auf den Schiri, schreien auf ihn ein", sagte Kinhöfer der Bild. Bei solchen „Vorbildern“ dürfe man sich nicht wundern, "dass im Amateurfußball Woche für Woche Schiedsrichter beleidigt, bedroht und verprügelt würden“.

Lösungen sind gefragt

„Was da passiert, wird nach unten durchgereicht“, sagt auch der 19-jährige Schiedsrichter Simon Henninger, der selbst schon einmal in einem Jugendspiel verprügelt wurde. „Mir wird dabei zu wenig lösungsorientiert diskutiert. Es ist megaschade, dass man Spieler, Trainer und Schiedsrichter nicht als eine Fußball-Gesellschaft sieht, dass nicht alle an einem Strang ziehen“, sagte Henninger gegenüber der Presseagentur dpa.

Wenn es in Deutschland einen Fachmann für Lösungen im Bereich Fair Play gibt, dann ist es Ralf Klohr, der die mittlerweile flächendeckend praktizierten Regeln der FairPlayLiga im Kinderfußball im Alleingang entwickelte. „Man muss zwischen der Vorbildfunktion, die der Profifußball einnehmen müsste und der Art, wie das Verhalten im Amateur- und Jugendfußball abgeguckt wird, trennen“, sagt Klohr gegenüber zdfsport.de.

Problem bei der Wurzel packen

„Vom DFB-Präsidenten an müssten alle Erwachsenen bis hin zu den Eltern und Trainern eindringlich deutlich machen: Es ist falsch, was im Profifußball passiert, guckt euch da nichts ab.“ Klohr vermisst von den großen Verbänden eine Philosophie, die wirklich gelebt würde.

„In der Jugendordnung steht festgeschrieben, dass der Fußball ein wichtiges Mittel zur Erziehung von jungen Menschen darstellt. Und Erziehung kann nicht sein, dass ein Trainer es duldet, dass ein Spieler einen Schiedsrichter beleidigt. Das muss unten ernsthaft gelebt und eingefordert werden, auch wenn es oben nicht funktioniert. Man muss an der Wurzel anfangen.“

Weg vom Kuschelkurs

Dafür genügen Plakataktionen und Apelle, von denen es jede Menge gibt, nach Ansicht vieler Experten nicht aus. Gefragt sind wesentlich mehr präventive Projekte sowie ein strengeres Reglement bei Reklamationen von Schiedsrichterentscheidungen. „Aber heute ist es eher ein Kuschelkurs mit den Spielern“, sagt der stellvertretende Obmann der Schiedsrichtergruppe Ludwigsburg. „Was oben gut gemeint ist, kommt unten falsch an.“

Dass ein respektvoller Umgang zwischen Sportlern und Schiedsrichtern selbstverständlich sein kann, zeigen andere Sportarten, in denen es auch körperlich zur Sache geht. Im Rugby wird der Schiri mit „Sir“ angesprochen und ist die absolute Autoritätsperson. Beim Eishockey darf sich nur der Kapitän oder einer seiner zwei Stellvertreter beschweren und beim Handball wird der Ball nach jedem Pfiff sofort auf den Boden gelegt. Verhaltensweisen, die in die DNA dieser Sportarten übergegangen sind.

Fair-Play-Prinzipien ausweiten

Um diesen Respekt auch im Fußball wieder zu einer Selbstverständlichkeit zu machen, muss man laut Ralf Klohr bei den Kindern anfangen. Er hat ein Modell entwickelt, wie man die Prinzipien der FairPlayLiga, die auf die Kommunikationsfähigkeit und den Respekt zwischen Spielern und Schiedsrichtern abzielen, auch auf Zehn- bis Zwölfjährige anwenden kann. Bislang stößt er mit dieser Idee beim DFB auf taube Ohren. Aber das war bei der FairPlayLiga anfangs nicht anders. Inzwischen enthält die Jugendordnung des DFB die Empfehlung zur bundesweiten Umsetzung dieser Spielform für die F- und G-Junioren.

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