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Sorgsame Wortwahl erwünscht

Nach Randalen und Exzessen in Dortmund: Deeskalation ist gefragt

Nach den schlimmen Vorfällen rund um das Bundesliga-Spiel Borussia Dortmund - RB Leipzig müssen die Verantwortlichen in der Fußball-Bundesliga noch mehr darauf achten, was vor Risikospielen gesagt wird. Deeskalierende Aktionen im Vorfeld werden an Bedeutung gewinnen.

Hans-Joachim Watzke
Hans-Joachim Watzke Quelle: reuters

Bevor Hans-Joachim Watzke vor fast genau zwölf Jahren zum Geschäftsführer von Borussia Dortmund aufstieg, hatte der gebürtige Sauerländer längst eine eigene Firma für Schutzbekleidung gegründet. Im Portfolio: Feuerwehrschutzanzüge und Feuerwehruniformen. Insofern ist es fast tragikomisch, dass sich dieser Mann auf einmal dem Vorwurf verbaler Brandstiftung stellen muss.

Hat der Vorsitzende der Geschäftsführung des börsennotierten Bundesligisten mit spitzfindigen Äußerungen gegen RB Leipzig dazu beigetragen, dass es am Wochenende zu den Gewaltexzessen in Dortmund kam? Diesen harten Vorwurf hat Rainer Milkoreit, Präsident des Nordostdeutschen Fußball-Verbandes (NOFV) erhoben, der zwischen Vorbehalten von Klubvertretern und den Vorfällen von Anhängern einen Zusammenhang konstruierte: „Es ist fatal, wenn sich verantwortliche Leute in einem Verein öffentlich abwertend gegen Leipzig äußern. Das kann Dinge auslösen, die sie vielleicht nicht wollen, die aber passieren.“

Die entscheidenden Lästereien liegen Monate zurück

Doch was ist wirklich geschehen? Der BVB-Boss, der gerne das schwarz-gelbe Sprachrohr gibt, hat sich vielfach kritisch über das Red-Bull-Konstrukt geäußert. Im November vergangenen Jahres lästerte Watzke, dass in Leipzig Fußball gespielt würde, „um eine Getränkedose zu performen“. Der 57-Jährige machte sich in dem Interview der „Sport Bild“ ferner über das Synonym „Rasenballsport“ lustig und erklärte, dass beim Aufsteiger, der zu diesem Zeitpunkt die Dortmunder in der Tabelle bereits abgehängt hatte, „nichts, aber auch gar nichts organisch gewachsen war".

Leipzigs Sportdirektor Ralf Rangnick widersprach kurz vor Weihnachten („Dann hätte Dortmund ja gegen elf Dosen verloren“) via Interview in der „Welt“. Fürs neue Jahr veränderten dann Watzke die Tonalität und bemühte sich um eine differenzierte Betrachtung.  Kurz vor dem Verfolgerduell sagte er zwar, dass ihm das Leipziger Modell weiter nicht gefalle, er inzwischen aber Respekt für die dort geleistete Arbeit zeige. Lob gab es für Trainer Ralph Hasenhüttl und eben Rangnick.

Borussia Dortmund steckt selbst im Zwiespalt

Watzke aber scheint mittlerweile nicht nur hin- und hergerissen, wie er sich gegenüber dem klug gemanagten Brauseklub positioniert. Auf der Dortmunder Südtribüne, der größten Stehplatztribüne der Welt, auf der vergangenen Samstag so viele hässliche Spruchbänder gezeigt wurden, vereint sich der Kern dessen, was vom BVB unter dem Slogan „Echte Liebe“ vermarktet wird. Einerseits ist Watzkes Herzensverein der einzige börsennotierte Bundesligist, andererseits eben auch ein Kultverein mit gewachsenen, teils komplizierten Fanstrukturen.

Vereinsvertreter werden nun zwangsläufig noch mehr darauf achten, wie sie sich verbal bei RB Leipzig positionieren, zumal deren Heimspiele nie in feindseliger Atmosphäre verlaufen. Der Emporkömmling hat ja gerade deswegen sich so schnell in Mitteldeutschland verankern können – und ist dort nach den Bayern und Dortmund bereits der drittbeliebteste Klub – weil die Fußballfans die ewigen Scharmützel zwischen Lok und Chemie (Sachsen) Leipzig leid waren.

Bruchhagen regt behutsame Wortwahl an

Fakt ist: Jeder Entscheider der Liga weiß, dass öffentliche Aussagen durch die vielfache mediale Übertragung wie bei einem Resonanzkörper verstärkt nach außen getragen werden. Heribert Bruchhagen plädiert dafür, dass sich Klubverantwortliche vor Risikospielen zurückhalten. "Vor Spielen wie Hamburg - Bremen oder Dortmund - Schalke waren ein paar Scharmützel immer normal. Sollten sich einige schlichtere Gemüter dadurch zu solchen Aktionen wie in Dortmund aufgerufen fühlen, müssen alle noch behutsamer in der Wortwahl sein", empfahl der Vorstandsvorsitzende des Hamburger SV.

Dass es auch funktioniert, über mediale Kanäle eine brisante Paarung vorab zu beruhigen, dafür gibt der hohe Norden ein gutes Beispiel.  Die Klubführungen des SV Werder und HSV haben zuletzt kaum mehr öffentlich gestritten. Nur in  ganz wenigen Ausfällen kamen die Sticheleien von den Protagonisten selbst. Vielleicht auch, weil der tragische Fall Adrian Maleika im Oktober 1981 wie ein imaginäres Mahnmal über der Rivalität hängt  – das erste Todesopfer nach Hooligan-Übergriffen in Folge eines Fußballspiels.

Deeskalation vor dem Niedersachsenderby

Beispielhaft auch, wie die Verantwortlichen von Hannover 96 und Eintracht Braunschweig vor dem historischen Wiedersehen auf Bundesliga-Bühne im November 2013 miteinander umgingen. Tagelang fanden vorher Gesprächsrunden und Pressekonferenzen genau abgestimmt und teils gemeinsam statt – so wurde seitens der Pressestellen erfolgreich verhindert, dass die Stimmung zusätzlich von außen aufgewiegelt wird.

Die Trainer Mirko Slomka und Torsten Lieberknecht wirkten genauso beschwichtigend im Vorfeld des Niedersachsenderbys ein wie alle wichtigen Funktionsträger. Nicht alle lokalen Medien befürworteten zunächst diese strikte Regulierung, doch rückblickend war es ein probates Mittel der Deeskalation. Es reichte völlig, dass Spieler und Fans in einer ohnehin aufgeladenen Stimmung am Spieltag heiß liefen.

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