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Favre - Der stille Konter-Revolutionär

Fußball-Bundesliga, Borussia Dortmund

Zurück in die Zukunft: Lucien Favre soll Borussia Dortmund an den Überfallfußball früherer Tage erinnern - auch mithilfe eines Ticks.

Torwart Eric Oelschlaegel spricht mit Trainer Lucien Favre (r.)
Torwart Eric Oelschlaegel und Trainer Lucien Favre (r.) Quelle: imago/DeFodi

Borussia Dortmund auf Zeitreise. Fast hatte man beim zweiten Spiel der BVB-Marketingtour durch die USA den Eindruck : Jürgen Klopp fuchtelnd an der Linie, und mit einem irren Konter so unvermutet das Spiel gedreht, dass der Gegner sich fragt, wofür 88 Minuten Überlegenheit gut sind. Die BVB-Fans im Stadion von Charlotte mussten sich wohl gegenseitig daran erinnern, dass Klopp nun den FC Liverpool coacht und sein Nachfolger in vierter Generation bei Schwarz-Gelb nun Lucien Favre heißt.

Rolle rückwärts in der Spielphilosophie

Als Typ ist der stille Schweizer vermutlich die Gegenthese zu Klopp, doch es spricht einiges dafür, dass mit ihm die Rolle Rückwärts in Sachen Spielphilosophie klappen könnte. Stabil aus der Abwehr, kompakt im Mittelfeld, dazu „sehr hoch stehen und kontern. Sonst werden wir keine große Mannschaft“, hatte Favre schon bei seiner Inthronisation vor gut zwei Wochen angekündigt. Hört sich bekannt an, oder? Auch Favres erste Trainingseinheiten, Pass- und Umschaltübungen, erinnern ans Original des Überfallfußballs.

Genau wie die dynamischen Spielzüge, in Ansätzen beim International Champions Cup zu bewundern: mehrfach beim 1:0-Erfolg über Manchester Citys B-Elf in Chicago, ein einziges, aber entscheidendes Mal beim schmeichelhaften 3:1-Sieg über Liverpool. Beim oben erwähnten Traumtor, das zur kollektiven Freude im Stadion US-Shooting-Star Christian Pulisic erzielte. Die wilde Balljagd fehlt noch beim BVB und die Fehlerquote bleibt groß, doch Dortmunds Konter-Revolution hat begonnen. Mit Segen der Klubführung: „Die WM in Russland hat gezeigt, dass Ballbesitz nicht mehr das Allheilmittel ist. Umschalten und Konter gewinnen wieder an Bedeutung“, sagt BVB-Chef Hans-Joachim Watzke.

Große Erwartungen

Nach einer Saison mit zwei Trainerwechseln, dem blamablen Aus in Europa und dem mit Ach und Krach geretteten Champions-League-Platz soll mit Favre der schöne Fußball zurückkehren. Die maue Präsentation des 60-Jährigen taugte nicht als Signal zum Aufbruch. Doch während der USA-Tour wirkt Favre offen, charmant und aktiv. Bei den ersten Einheiten im Soldier Field von Chicago etwa greift er wiederholt ins Training ein und erklärt auch mal hemdsärmelig seine Idee von Laufwegen. Die anfängliche Distanz zur Presse: verflogen. Mit wachen Augen und schelmischem Zug um die Mundwinkel lässt sich Favre aufs Frage- und Antwortspiel ein, selbst wenn es mit der Sprache manchmal noch hakt.

Favre ist für sein Arbeitsethos bekannt, stundenlange Videoanalyse ist genauso legendär wie sein Blick fürs Detail. Er scheint es früh beim BVB zu entfalten. Eine neue Innenverteidigung könnte er in den Jungstars Manuel Akanji und Abdou Diallo bereits gefunden haben - eine weitere Reminiszenz an die Klopp-Ära und den „Kinderriegel“ Hummels/Subotic. Auf anderen Positionen, im zentralen Mittelfeld, im Sturm, geht die Suche erst los. Das Spielsystem? Schwer zu sagen. In Amerika beginnt der BVB meist in einer Art 4-3-3. Die Aufarbeitung der Vorsaison, das interne Klima, die Hierarchie - vieles bleibt bis zum Liga-Start vage und wohl weit darüber hinaus. BVB-Chef Watzke hat vorsorglich angekündigt, es brauche „zwei Transferperioden, um das Team umzubauen.“

Ein Tick mit besonderer Wirkung

„Lucien Favre hat überall das Potenzial seiner Mannschaft ausgeschöpft“, analysiert Watzke korrekt - und liegt doch falsch. Denn eigentlich hat er mehr als das Mögliche rausgeholt, ob in Zürich, Berlin, Gladbach oder Nizza. Zu diesem Schluss kommt Christoph Biermann in seinem Buch „Matchplan“, im Kapitel „Das Favre-Rätsel“. Anhand mathematischer Modelle zeigt der profilierte Fußball-Autor, dass Favre-Teams durch einen einzigartigen Stil viel weniger Tore bekommen und mehr erzielen als wahrscheinlich wäre. Grundlage ist eine komplexe Berechnung, die digitale „Vermessung des Fußballs“. Grob gesagt geht es darum, aus der Zahl und Art der Tor-Schüsse, Position auf dem Feld, Güte der Chancen und weiterer Variablen die Wahrscheinlichkeit eines Tores zu berechnen.

Biermann erklärt das Phänomen mit Favres Tick: Der Coach lässt den Gegner am Strafraum so zustellen, dass trotz bester Schusspositionen kaum Bälle ungefiltert durchkommen. Oder simpel: Er instruiert die Verteidiger, wie Schüsse zu blocken sind. Selbst Neuzugang Diallo ist das schon aufgefallen: „Linker Fuß, rechter Fuß, wohin mit dem Körper - er geht da wirklich ins Detail.“

Besondere Maßnahmen im Angriff

Im eigenen Angriff suche sein Team dagegen nicht intuitiv die beste Schussposition, sondern die mit dem geringsten Widerstand. Flanken sind verpönt, weil leicht zu verteidigen, Favre legt Wert aufs Spielen bis zur Grundlinie und den tödlichen Pass in den Rücken der Abwehr, selbst wenn er sich Gegner dafür mühsam zurechtlegen muss. Eine Art zweite oder dritte Ableitung des Klopp-Systems. „Es zeigt, dass Favre ein Trainer mit Alleinstellungsmerkmal ist und er Mannschaften dadurch schlicht besser macht.“

Steter Erfolg gegen alle Wahrscheinlichkeit, keine schlechte Empfehlung für den Freund des gepflegten Kurzpassspiels. „Im Grunde ist es erstaunlich, dass Favre noch keine internationale Spitzenmannschaft trainiert hat, denn höchstwahrscheinlich würde er auch eine solche besser machen“, folgerte Biermann bevor Favres Wechsel feststand. Nicht nur die BVB-Chefs dürften gespannt sein, ob diese Theorie in der Realität standhält.

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