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Mogelpackung oder wichtiger Schritt in die Zukunft?

Sport - Mogelpackung oder wichtiger Schritt in die Zukunft?

Mit der Wahl Infantinos zum neuen Präsidenten beginnt bei der FIFA eine neue Ära. Die große Frage ist, ob der aus dem System Blatter-Platini stammende Jurist tatsächlich für frischen Wind sorgen kann.

Beitragslänge:
3 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 20.02.2017, 23:43

Gebannt starrte die Fußball-Weltöffentlichkeit auf den Tagesordnungspunkt 11 des außerordentlichen FIFA-Kongresses am Freitag: Wahl des Präsidenten. Für die langfristige Zukunft des Weltverbandes könnte aber Tagesordnungspunkt 8 bedeutender sein: Die Reform der Organisationsstruktur. Am Freitag wurde sie von der FIFA verabschiedet. Experten geben der Reform allerdings keine großen Erfolgsaussichten.

179 der der 207 stimmberechtigten FIFA-Mitglieder votierten für die Änderung der Statuten. " Alles Makulatur, alles Schein", sagt ZDF-Reporter Nils Kaben: "Eigentlich wollen alle so weitermachen wir bisher."

Optimistisch: Sylvia Schenk

Auch unter Sportpolitik-Experten ist es umstritten, wie weit die Reformen die FIFA tatsächlich aus dem Sumpf ziehen können.

Sylvia Schenk
Sylvia Schenk

Vorsichtig optimistisch ist Sylvia Schenk. "Egal wer zum Präsidenten gewählt wird - den Reformprozess wird niemand zurückdrehen können", sagte die Leiterin der Arbeitsgruppe Sport von Transparency International vor der Abstimmung gegenüber zdfsport.de: "Es liegt ein Reformpaket auf dem Tisch, bei dem erstmals auch das Thema der Verbandskultur angesprochen wird. Dort lag bisher das große Defizit, Strukturveränderungen allein bringen gar nichts. Das Reformpaket ist in Kombination mit den neuen Leuten, die es schon im Exekutivkomitee gibt und die es im zukünftigen Council geben wird, ein wichtiger Schritt", so Schenk weiter.

Pessimistisch: Gunter Gebauer

Diesen Optimismus teilt der Sportwissenschaftler und Philosoph Gunter Gebauer nicht. "Blatter und Platini sind von der Ethikkommission gesperrt, da hat zumindest eine Reform gegriffen", sagte er vor Beginn des Kongresses: "Aber so richtig ist der Reformprozess nicht von der Stelle gekommen. Er wird kontrolliert von den Kontinentalverbänden. Dort sitzen die  großen Machthaber, die der Präsident immer bedient hat."

Dessen Nachfolger werde das Spiel weiterspielen, weil er nur gewählt werde, wenn er die Kontinentalverbände mehrheitlich hinter sich bekomme. "Da ist schon der Keim dafür gelegt, dass das System der Bedienung und Nutznießung weitergeführt wird“, sagt Gebauer.

Umstritten: Rolle der Kontinentalverbände

Gunter Gebauer
Gunter Gebauer

Den Einfluss der Kontinentalverbände sieht Sylvia Schenk auch, hält ihn aber nicht für ein  FIFA-typisches Phänomen. "Das Problem, dass die einzelnen Verbände eines Kontinentes im Block abstimmen und dabei möglicherweise Druck ausgeübt wird, gibt es auch in anderen Sportverbänden. Dafür gibt ist es die freie und geheime Wahl zwischen mehreren Kandidaten", sagt die Ex-Leichtathletin.

"Dass sich die Nationalverbände freischwimmen, geht nur über eine Veränderung der Kultur, des Denkens", sagte Schenk. Dafür seien die Voraussetzungen nicht schlecht, da das jetzige Reformpaket maßgeblich von den Kontinentalverbänden erarbeitet worden sei.

Druck von Justiz und Sponsoren

Gunter Gebauer glaubt dagegen nicht, dass die die Delegierten des FIFA-Kongress in der Lage sind, eine wirkliche Veränderung einzuleiten. "Sie werden ja zum großen Teil nicht von  der Basis gewählt - in manchen Verbänden gibt es ja gar keine Fußballer, geschweige denn eine Fußballkultur. Sie bekommen das Mandat, weil sie irgendeine Machtposition haben. Die Delegierten müssten sich ja selbst als Machtfaktor ausschalten, wenn sie wirkungsvolle Reformen beschließen."

Gebauers Hoffnung ruht dagegen auf zwei Instanzen, die von außen Druck auf die FIFA ausüben: "Die einzige Macht, die bislang die Macht der FIFA gebrochen hat, ist die Justiz. Außerdem fangen die großen Geldgeber an zu drücken. Die sehen, dass ihre Marke beschädigt wird."

Neue Machtbalance

Gebauer kann sich vorstellen, dass die Geldgeber sich das Treiben der Fifa nicht mehr lange mit ansehen. Langfristig müsse es bei der FIFA auf eine Konstruktion hinauslaufen. die Unternehmensstrukturen nachempfunden ist und die eine wirksame Kontrolle erlauben.

Sylvia Schenk setzt ihre Hoffnung einer besseren Kontrolle dagegen unter anderem auf die Einrichtung eines neuen FIFA-Rates. "Dadurch gibt es eine neue Machtbalance, durch die nicht mehr alles auf den Präsidenten zuläuft. Ich finde es spannend, dass da mindestens sechs Frauen reinkommen. Ich hoffe, es gibt mehrere neue Personen im Council, die den Reformprozess weitertragen.“

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