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In der Doppelrolle

Hasret Kayikci könnte EM-Entdeckung werden

Die Deutsch-Türkin Hasret Kayikci bringt Vieles mit, um bei der deutschen Frauen-Nationalmannschaft zur EM-Entdeckung zu avancieren. Sie hat ein Kämpferherz - und gibt ein gutes Beispiel für Integration. Im Spiel gegen Schweden (heute, 20.45 Uhr/ARD) winkt ihr sogar der Startelf-Einsatz.

Hasret Kayikci
Hasret Kayikci Quelle: imago

Der Abpfiff von Assistenztrainer Markus Högner war längst ertönt, als einige deutschen Fußballerinnen das erste Training auf niederländischem Boden nicht so abrupt enden lassen wollten. Zu jenen, die am Mittwochabend nach der lockeren Einheit in dem idyllischen gelegenen Sportpark Zegenwerp in Sint-Michielsgestel noch Schussübungen unternahmen, gehörte auch Hasret Kayikci. Dumm nur: Ihre finalen Versuche gingen daneben.

Vollspann-Expertin

Aber muss das gleich ein schlechtes Omen sein? Gewiss nicht: Die Offensivallrounderin vom SC Freiburg gehörte zu denjenigen, die im Trainingsspiel auf einem gepflegten und offenbar sehr regenfesten Rasenteppich mal wieder mit Technik und Spielwitz glänzte, und sie beherrscht Vollspannstöße, die keine Torhüterin der Welt pariert. Auch davon gab es in der Gemeinde unweit des Städtchens ’s-Hertogenbosch nämlich wieder Kostproben.

Hasret Kayikci, darauf deutet alles hin, dürfte am heutigen Montag (20.45 Uhr) im ersten EM-Gruppenspiel gegen Schweden in Breda in der Anfangsformation stehen. Die gerade mal 1,63 Meter große Stürmerin könnte eine der EM-Entdeckungen beim Titelverteidiger werden, wenn sie im Turnier fortsetzt, was sie beim einzigen Test gegen Brasilien (3:1) andeutete: Dort belohnte sie ihren nimmermüden Eifer mit dem ersten Länderspieltor im vierten Einsatz für die DFB-Auswahl.

"Super gelaufen"

„Es ist super für mich gelaufen", erzählte die 25-Jährige hernach in Sandhausen mit leuchtenden Augen. Und dann bekam die Nummer 23 noch ein Sonderlob von der Bundestrainerin. "Sie hat eine richtig gute Vorbereitung gespielt, Sie ist noch eine echte Straßenfußballerin, die vorne gut kombiniert", sagte Steffi Jones, "jetzt hat jeder gesehen, was sie draufhat".

Ihre unberechenbaren Finten und flinken Bewegungen wird die in 113 Bundesligaspielen immerhin 39 Mal erfolgreiche Angreiferin bei ihrem ersten Frauen-Turnier brauchen, um der körperlichen Wucht der schwedischen Abwehrchefin Nilla Fischer vom VfL Wolfsburg zu entgehen. Auch die Spielweise ihrer Sturmpartnerin Svenja Huth (Turbine Potsdam) ist ähnlich angelegt. Das quirlige Duo steht für jene Flexibilität, aber auch Finesse, die sich Steffi Jones speziell fürs Offensivspiel in einem 4-4-2-System wünscht.

Aber gibt die gebürtige Heidelbergerin nicht noch viel mehr? Ihre türkischen Eltern Ilyas und Hakime kamen vor mehr als drei Jahrzehnten nach Deutschland, wo auch ihre Brüder Burak und Kader geboren sind. Das Erstaunliche: Nur die Tochter jagte täglich auf dem Bolzplatz in Heidelberg-Rohrbach dem Ball hinterher. "Ich kam von der Schule, habe meine Schuhe, meinen Ball genommen und bin auf den Bolzer gegangen. Den habe ich öfter gesehen als meine Eltern", erzählt sie.

"Bin modern aufgewachsen"

Akzeptanzprobleme kennt sie nicht. "Ich bin modern aufgewachsen. Ich wurde auch nie ausgeschlossen, nur weil ich das einzige Mädchen war. Das war gar kein Problem; vielleicht, weil ich so früh angefangen hatte."

Steffi Jones weiß, dass die Deutsch-Türkin mit ihrer Vita als Vorbild dient, dass vielleicht mehr Mädchen in Einwandererfamilien aus muslimischen Kulturkreisen Fußball spielen. "Wir haben nicht viele Spielerinnen mit Migrationshintergrund, die für uns infrage kommen", weiß die Bundestrainerin: "Hasret soll ein schönes Beispiel sein, aber ich will sie nicht als Instrument einsetzen."

Als Comic-Figur hat sie ihr "Supermaus" zugeteilt, nachdem der erste erdachte Name nicht wirklich passte. Ein super Vorbild ist die eher zurückhaltende Hasret Kayikci noch in anderer Hinsicht: Parallel zur Kicker-Karriere durchläuft sie eine Ausbildung zur Groß- und Außenhandelskauffrau in einem Freiburger Betrieb - danach hetzt sie sofort um 17 Uhr zum Training. Die recht späte Berufung in die Nationalmannschaft - Hasret Kayikci debütierte erst vor zehn Monaten im EM-Qualifikationsspiel gegen Ungarn - ist der langen Leidenszeit geschuldet, die sie von 2011 an durch insgesamt fünf Knieoperationen erlitt.

Viele Knieverletzungen

"Ans Aufhören habe ich nie gedacht", erklärte sie kürzlich bei einem Schulbesuch in Nußloch vor fast 250 Grundschülern. Ob Kreuzbandriss oder Meniskusschaden - selbst von Wiederholungsverletzungen hat sich das Stehauffräulein in jungen Jahren nicht aus der Bahn werfen lassen.

"Das Wichtigste ist es, nicht aufzugeben. Für mich war der Weg hart. Deshalb habe ich mich schon über jeden Tag der Vorbereitung gefreut. Es ist ein Traum, dass ich bei der EM dabei sein darf", sagte Kayikci. Und wenn dann ein Schuss mal daneben geht, alles halb so schlimm. Zumindest im ersten Training.

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