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Raus aus der Nische

Sport - Raus aus der Nische

Die Qualispiele zur Frauenfußball-EM nutzt Silvia Neid zum Testen. Deswegen nominierte sie einen großen Kader. Außerdem im Interview mit ZDF-Reporter Martin Wolff: Saskia Bartusiak und Almuth Schult.

Beitragslänge:
3 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 07.04.2017, 10:00

Der türkische Frauenfußball hat im vergangenen Jahrzehnt Fortschritte gemacht. Aber noch reicht es nicht, um in Europa wirklich mitzuhalten - und das gilt auch für das EM-Qualifikationsspiel gegen Deutschland am Freitag in Istanbul (16 Uhr/live ZDF). Mit einer weiteren Entwicklung könnten auch gesellschaftliche Zeichen für die Gleichberechtigung der Frau gesetzt werden.

In der insgesamt 17-köpfigen Abteilung für Frauen- und Mädchenfußball beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) erinnern sie sich noch gut an die überraschende Anfrage aus Köln. Als damals das Europa-Büro des türkischen Fußball-Verbandes (Türkiye Futbol Federasyonu, TFF) um den ehemaligen Bundesligaprofi Erdal Keser ganz offiziell darum bat, ob der DFB nicht dabei helfen könne, türkischstämmige Fußballerinnen zu finden, die vielleicht für deren Nationalteam infrage kommen könnten.

In Frankfurt wurde damals formhalber geantwortet, vor knapp zwei Jahren schloss dann fast über Nacht das Keser-Büro. Und doch war das Detail für Heike Ullrich, die neue DFB-Direktorin Frauen- und Mädchenfußball, bezeichnend: nämlich ein Indiz mehr, dass sich der türkische Verband tatsächlich ernsthafter um die Fortentwicklung im weiblichen Segment bemüht. Vor genau zehn Jahren reift der Entschluss, die Phase der Ignoranz zu beenden - nach einer 1:12-Abreibung gegen Deutschland im Februar 1999 in Istanbul war schließlich nicht mehr viel passiert.

Es gibt ernstgemeinte Anstrengungen

"Es gibt viele Verbände, die vor zehn Jahren im Frauenfußball wenig bis gar nichts gemacht haben. Auch bedingt durch die Anreizsysteme, die FIFA und UEFA geschaffen haben, hat sich in Ländern wie der Türkei, Georgien, Moldawien oder Rumänien einiges getan; sie haben aktiv den Frauenfußball für sich entdeckt", erklärt Ullrich gegenüber ZDFsport.de.

Es habe ein Umdenken eingesetzt, "weil sich mit verhältnismäßig geringen Beträgen hier viel bewirken lässt - viel mehr als im Männerfußball." Ullrich: "Hier hat sich auch die Türkei einsortiert. Trotz der schwierigen politischen Lage gibt es ernstgemeinte Anstrengungen, den Frauenfußball zu fördern." Doch der Durchbruch geht eben nicht von heute auf morgen.

In der Qualifikation nur Tabellenletzter

In der Qualifikation für die EM 2013 taugte die Türkei nur zum Kanonenfutter, beendete die Gruppe mit Deutschland, Spanien, Rumänien, Schweiz und Kasachstan mit nur einem Punkt und 4:48 Toren. Der spätere Europameister Deutschland erteilte zwei Lehrstunden (10:0, 5:0).

Nicht viel anders erging es dem Team von Nationaltrainer Talat Tuncel nun im Qualifikationsspiel zur EM 2015, als es gegen den achtfachen Europameister eine 0:7-Niederlage gab. Immerhin: Im fünften Spiel gegen Russland (0:0) verbuchte der Tabellenletzte Ende November den ersten Punktgewinn, trotzdem dürfte im fünften Vergleich gegen die DFB-Auswahl der fünfte deutsche Sieg wieder nur Formsache sein.

Andere Nationen sind schon weiter

Ullrich sieht noch viel Arbeit auf den 60. der FIFA-Weltrangliste zu kommen: "Fußballerisch und strukturell hat die Türkei sicherlich für die nächsten Jahre ein Riesenpotenzial, aber noch wird das nicht genutzt. Viel hängt dabei zum einen an den handelnden Personen im Verband, aber zum anderen müssen die Konzepte auch erst einmal klären, ob nur die Spitze oder die Basis gefördert werden soll."

Für die 46-Jährige, die in den UEFA-Gremien oder bei Fortbildungsveranstaltungen wie jüngst bei einem FIFA-Kongress in Vancouver mit türkischen Vertretern spricht, ist der Weg noch nicht klar erkennbar. "Nationen wie Moldawien oder Aserbaidschan gehen da konsequenter vor, haben Strukturen geschaffen und Trainingszentren gebaut."Es reicht eben nicht, nur auf Spielerinnen wie Çağla Korkmaz, Aylin Yaren und Dilara Türk (vom Berliner Zweitligisten 1. FC Lübars), Melike Pekel (vom deutschen Meister FC Bayern) oder Arzu Karabulut (vom türkischen Meister Konak Belediyesi GSK) zu setzen, die in Deutschland geboren und ausgebildet sind. Sie alle kamen beim Hinspiel in Sandhausen im Oktober vergangenen Jahres zum Einsatz.

Ein Zeichen zur Gleichberechtigung

Nun wäre der nächste Schritt auch unter sportpolitischen Gesichtspunkten wichtig. Der nicht unumstrittene Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan steht halt für manch Aussage in der Vergangenheit, in der er die Gleichberechtigung von Mann und Frau als keine gute Idee bezeichnete - so 2014 in einer Rede vor dem Frauenverband Kadem in Istanbul. Auch deshalb sollte die türkische Frauen-Nationalmannschaft, die pikanterweise am Freitag in dem nach dem Staatsoberhaupt benannten und 14.234 Zuschauer fassenden Recep Tayyip Erdogan Stadion antritt, lieber heute als morgen raus aus der Nische.

Ullrich, die vor 20 Jahren zum DFB kam und auch schon als Teammanagerin der Nationalmannschaft tätig war, hat dabei durchaus die Entwicklung hierzulande vor Augen. "Letztlich ist das immer auch ein Zeichen, die Gleichberechtigung zu forcieren - die historische Entwicklung zum Stellenwert des Frauenfußballs in Deutschland ging ja auch fast parallel zum Frauenbild hierzulande vonstatten. Es wäre schön, wenn da ein Vergleich zur Türkei gezogen werden kann; wenn die Anerkennung des Frauenfußballs parallel zur gesellschaftlichen Entwicklung der Frauenrolle verläuft." Der Weg dahin ist allerdings noch weit.

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